Musik zum Advent

Der Ochse küsst des Kindes Fuß

Von Jan Brachmann
10.12.2020
, 20:02
Advent hieß einmal: Buße und Vorbereitung auf das Welt-Ende. Angesichts von Corona, Klimakrise und Tierschänderei entdecken einige Alben den Ernst dieser Wochen vor Weihnachten wieder. Zu hören ist Musik in bedrängter Zeit.

Keine Advents- und Weihnachtsmärkte, Kirchen und Schulen ohne Chöre, stattdessen Tag für Tag fünfstellige Infektions- und dreistellige Todeszahlen, Kämpfe auf Intensivstationen, wachsende Einsamkeit in Altersheimen: Die Zeit vor Weihnachten ist ernst. Und da dieser Ernst lange absehbar war, konnte die Schola Heidelberg jetzt auf die Lage reagieren mit einer CD, die in früheren Jahren weitaus mehr um Akzeptanz hätte kämpfen müssen: „Die Zeit nunmehr vorhanden ist – Weihnachtliche Vokalmusik in bedrängter Zeit“ (Christophorus/Note1). Sie eignet sich nicht als Wohnzimmerberieselung beim Verzehr von Pfeffernüssen, Kokoskringeln und Marzipanschweinen. In ihrer Sprödigkeit und Kargheit erzwingt sie das Zuhören. Die kunstvollen Chorsätze erinnern daran, dass Weihnachten, theologisch verstanden, ein weltgeschichtliches Wunder ist: die unwahrscheinliche Wende menschlicher Not.

Die CD versammelt A-cappella-Musik des späten sechzehnten und frühen siebzehnten Jahrhunderts, doch sie begnügt sich nicht damit. Auf neun der 32 Nummern liest Bodo Primus Texte des Philosophen Enno Rudolph, der nicht nur ein exzellenter Kenner der Renaissance ist, sondern seit Jahrzehnten auch die Arbeit des Schola-Leiters Walter Nußbaum empathisch begleitet. Ihren Titel verdankt die CD einem Chorsatz von Johann Hermann Schein: „Die Zeit nunmehr vorhanden ist, dass ich von hinn’ soll scheiden: Ach, lös mich auf, Herr Jesu Christ, verkürz mein Qual und Leiden.“ Die zweite gesungene Strophe endet mit den Worten: „Mein Herre Christ, so besser ist. In dieser Zeit ist nichts denn Leid: Will gern von hinnen lenken.“ Enno Rudolph deutet diesen Chorsatz als Zeugnis von Todesangst und Fristbewusstsein. Die Freude an der Diesseitigkeit fehle völlig. Text und Musik klängen so, als habe die Renaissance gar nicht stattgefunden. Christlicher Glaube flieht nicht aus der Welt, er schärft das Bewusstsein von der eigenen Lage.

Für Rudolph spiegelt sich in der Musik dieser Zeit freilich das Wunder der Weihnacht auch als Epochendrama wider. Christus ist Gott und Mensch zugleich. Wo die Philosophie der Renaissance die Menschenwürde gefeiert hatte als Auftrag Gottes an den Menschen, seine eigene Natur selbst zu bestimmen, ruft gerade die reformatorische Theologie dazu auf, die Gotteswürde wiederherzustellen. Doch hört man der Schola Heidelberg unter Walter Nußbaums Leitung zu, dann spürt man, dass die Freude an der Kreatürlichkeit des Menschen wie die Rechtfertigung dieser Leiblichkeit durch Luthers Theologie auch in der Musik Spuren hinterlassen hat. Die behutsame Arbeit an der Sprache, an den Farben des Glanzes wie des Schmerzes, die der Gesang auf die Worte legt, lässt uns das Geäder der Sprache pulsieren hören. Erst der Gesang als Verbindung von Botschaft und Körper, als neue Fleischwerdung des Wortes, gibt der Theologie ihre besondere Eindringlichkeit.

Die bedrängte Zeit, welche die CD im Titel führt, ist im Jahr 2020 auch die der Pandemie; sie ist überdies die Zeit einer sich verschärfenden Klimakrise. Enno Rudolph stellt sich in seinen Kommentaren diesen Bedrängnissen und bezeichnet die Gleichgültigkeit und Sattheit des Menschen als Gestalten des Bösen. Johannes Eccard schrieb an der Wende zum siebzehnten Jahrhundert einen Choralsatz zu einer Melodie von Martin Luther, die seit 1582 zu Versen von Bartholomäus Ringwaldt gesungen wurde: „Es ist gewisslich an der Zeit, dass Gottes Sohn wird kommen in seiner großen Herrlichkeit, zu richten Bös und Fromme. Da wird das Lachen werden teu’r, wenn alles wird vergehn im Feu’r, wie Petrus davon schreibet.“ Ein Lied für den Ewigkeitssonntag, die innere Vorbereitung auf das Weltgericht. Ein halbes Jahrhundert später hat Paul Gerhardt zu dieser Melodie ein Weihnachtslied geschrieben, das wir nur noch mit der Musik von Johann Sebastian Bach kennen: „Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben.“ Die Schola Heidelberg singt diesen Text wieder zur alten Melodie Luthers und erinnert uns in diesem durchdachten Zusammenspiel von Text und Musik daran, dass Weihnachten jene Weltenwende ist, auf die der Advent als Zeit der Buße und der Erwartung des Weltendes zielt.

Von großer Bedrängnis erzählt auch die Doppel-CD „It’s Christmas!“ mit dem Tenor Jonas Kaufmann (Sony Classical). Sie kündet von den Sehnsüchten vieler Mütter, dass doch alles wieder so werden möge wie früher. Und gerade in diesem Jahr, wo viele getrennt voneinander werden feiern müssen, dürfte diese Sehnsucht groß sein. Das Beiheft ist voller Kinderbilder von Jonas Kaufmann, die ihn teilweise im Schlafanzug zeigen, wie er sich über seinen Nikolausteller freut. Der Sänger selbst wird zitiert mit dem Satz: „Wenn ich Weihnachtsplätzchen backe, dann brauche ich Weihnachtslieder dazu. Und wenn ich Weihnachtslieder höre, will ich Plätzchen backen.“ Damit ist die Gebrauchsanweisung für diese CD gleich mitgeliefert. Das Beiheft enthält Rezepte für Wiener Vanillekipferl, Zarte Zimtsterne, Süße Spitzbuben und Feine Florentiner. Der Sänger selbst legt im Lied „Ihr Kinderlein kommet“ viel Nachdruck auf die Worte „Milch, Butter und Honig“.

Kaufmann imitiert geradezu das Timbre monumentaler Volksväterlichkeit von Rudolf Schock, damit alles wieder so klingt wie 1970. Bombastische Arrangements stellen ihm die Sankt Florianer Sängerknaben, den Bachchor Salzburg und das Mozarteumorchester Salzburg unter der Leitung von Jochen Rieder zur Seite. Und wo er bei den amerikanischen Liedern stimmlich zwischen La Scala und Las Vegas aufs Glatteis gerät, gelingt ihm an der Seite von Till Brönner mit „Have yourself a merry little Christmas“ doch ein Moment des Trostes durch die schwebende Feier einer behaglichen Diesseitigkeit und eines Wohlstands, der sich den Schein der Transzendenz zu geben vermag.

Der Trompeter Ludwig Güttler beschwört mit seinem Blechbläserensemble eine „Sächsische Weihnacht“ (Berlin Classics/Edel), die letztlich auch durch Rückbesinnung trösten will, wenn auch nicht durch häuslichen Gebäckkonsum, so doch durch regionales Brauchtum. Glanz und Zartheit findet man hier nah beieinander, viel Musik des Barocks für Turmbläser und Stadtpfeifer, in der Güttler Zeichen einer Feier des Lebens hört, das sich nach dem Dreißigjährigen Krieg „explosionsartig seine Bedeutung zurückholte, um zu sagen: Wir sind nicht tot. Wir sind lebendig – und wie!“. Im ernsten Interview des Beiheftes rät er allen Hörern, sie mögen „das nächstmögliche Konzert besuchen und das, was sie dort begeistert und erhoben hat, so das Selber-Singen, zu Hause fortsetzen“.

Ganz ins Dunkel führt die CD „O nata lux“ der Zurich Chamber Singers unter der Leitung von Christian Erny (Berlin Classics/Edel). Sie ist auf mystische Versenkung, auf Einkehr, nicht auf Betäubung angelegt. Ein bisschen auch auf Grusel, etwa beim Norweger Marcus Paus und seiner Vertonung der Weihnachtsantiphon „O magnum mysterium“: Sie überträgt die harmonische Sprache aus Soundtracks für Mystery-Thriller in die fromme Andacht, quasi nach der Parole: „Du, Weihnachten ist wie ein Film von David Lynch, aber mit Happy End und ohne Tote.“ Gleichwohl ist der Text dieser Antiphon, auf der CD auch in einer Vertonung des Renaissance-Komponisten Tomás Luis de Victoria zu hören, immer wieder erstaunlich: „O großes Geheimnis und wunderbares Heiligtum, dass Tiere den geborenen Herrn sahen, in der Krippe liegend.“

Noch vor den Hirten sind es die Tiere, Ochs und Esel, die neben Maria und Joseph zu ersten Zeugen des Heilsgeschehens werden. Diese Sensibilität für die Nähe zum Tier, geschärft durch die Skandale in der Fleischindustrie, schlägt sich auch auf die CD „White Christmas“ des Leipziger Calmus Ensembles nieder (Carus/Note 1). Mit Versen von Hans Christian Andersen und einem mild leuchtenden Chorsatz von Niels Wilhelm Gade wird daran erinnert, dass der Ochse des Kindes Fuß küsste: „og oksen kyssed barnets fod.“ Es ist eine CD mit Witz und Herz, voller Liebe, aber ohne Sentimentalität. Das französische Weihnachtslied „Entre bœuf e l’âne gris (Zwischen Ochs und grauem Esel)“ findet sich auf ihr genauso wie das ukrainische Bauernlied „Schtschedryk“, dass die Geburt eines Lämmchens im Stall besingt. So wie die CD der Schola Heidelberg stellt auch das Calmus Ensemble, freilich fröhlicher, die Kontinuität zwischen Endzeiterwartung und Weihnachten wieder her. Denn die Epistel zum vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, das achte Kapitel des Römerbriefs des Paulus, spricht vom ängstlichen Harren der Kreatur. Die ganze Schöpfung seufzt und ängstet sich. Auch Ochs und Esel, die dem Christkind die Füße küssen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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