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Berlins Corona-Verordnung

Singverbot

EIN KOMMENTAR Von Jan Brachmann
Aktualisiert am 27.06.2020
 - 19:30
Sie dürfen auch nicht gemeinsam singen: Jungen des Berliner Staats-und Domchores. Bild: Zörnig
Die neue Corona-Verordnung verbietet in Berlin alles gemeinsame Singen in geschlossenen Räumen, in Schulen aber bleibt es erlaubt. Was soll das denn?!

In der neuen Corona-Verordnung des Landes Berlin, die am heutigen Siebenschläfertag in Kraft tritt, steht ein Satz, der es in sich hat: „In geschlossenen Räumen darf nicht gemeinsam gesungen werden.“ So formuliert, bedeutet das: Chorproben, Ensembleproben an Opernhäusern, schon Duette wären nicht mehr möglich, sogar beim Einzelunterricht im Gesang müsste der Lehrer den Mund halten. Die Reaktion der singenden Bürger Berlins fiel so geharnischt aus, dass der Kultursenator Klaus Lederer sich per Twitter über „viele unsachliche Mails“ beschwerte. Der Deutsche Chorverband warf dem Politiker in einem offenen Brief die „Auslöschung von Kulturgut“ vor und machte ihn für das „Sterben des Nachwuchses“ verantwortlich.

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Lederer bat in seinem Antwortbrief zu Recht um verbale Abrüstung, bekräftigte aber auch die Grundsätzlichkeit des Singverbots: „Ich weiß, dass andere Bundesländer anders entschieden haben, und ich bin von diesen Entscheidungen, insbesondere in Ländern, die Berlin gern der Laschheit schelten, überrascht. Ich halte sie für gefährlich.“ Berlins Opernintendanten waren von der neuen Verordnung ebenso überrascht wie die Leitung der Rundfunkorchester und -chöre GmbH (ROC). Für die ROC ist die neue Verordnung in ihrer jetzigen Form nicht hinnehmbar. Doch anders als Münchens Opernintendant Nikolaus Bachler, der das Bayerische Kunstministerium wegen ähnlich strenger Arbeitsbeschränkungen als „Gesundheitsministerium“ beschimpfte, das Kunst verhindere, setzt man in Berlin auf Diplomatie. Anselm Rose, Geschäftsführer der ROC, ist bereits am Verhandeln: „Wir müssen zu einer differenzierteren Lösung kommen. Berufs-Chöre und Laien-Chöre können nicht gleichbehandelt werden, weil es jeweils andere Richtlinien und andere Möglichkeiten im Arbeitsschutz gibt.“

Allerdings scheint im Senat die rechte Hand nicht zu wissen, was die linke tut. Denn der aktuelle „Musterhygieneplan Corona für die Berliner Schulen“ erlaubt wieder Chorproben, „sofern der Probenraum groß genug ist, dass zwischen allen Sängerinnen und Sängern ein Mindestabstand von zwei Metern eingehalten werden kann“. Es gibt ja medizinische Studien der Berliner Charité und der Universität Freiburg, die das Singen bei diesen Abständen, welche die Richtlinien der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft unterschreiten, empfehlen.

Klaus Lederer beruft sich hingegen vor allem auf die Neubewertung von Aerosolen als wichtigem Virusträger, wie sie Christian Drosten kurz vor Pfingsten vorgenommen hat. Momentan sucht sich offenbar jeder Politiker, sogar innerhalb des Berliner Senats, seine empirische Beschlussgrundlage selbst aus. Daniel Barenboim sagte dieser Zeitung, halb verärgert, halb amüsiert über diese Zustände: „Wenn Sie herausfinden, auf welcher Basis Entscheidungen zu kulturellen Veranstaltungen und Corona getroffen werden, rufen Sie mich an!“

Quelle: F.A.Z.
Jan Brachmann
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