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Oper „Barkouf“ in Straßburg

Da ist ein Hund an der Macht

Von Lotte Thaler
 - 15:49
Machenschaften und Intrigen spielen sich in der Inszenierung von Mariame Clément der lang vergessenen Offenbach-Oper „Barkouf oder ein Hund an der Macht“ rund um den Hundepalast des Staatsoberhauptes ab.

Wo gibt es denn so etwas, dass die Titelrolle einer Oper weder zu sehen noch zu hören ist? Wäre dies nicht eher eine Idee von John Cage oder Mauricio Kagel, von Komponisten also, die viel für Absurdes übrighatten? Im neunzehnten Jahrhundert musste ein Komponist schon wahrhaft ausgebufft sein, um so etwas zu wagen. Entsprechend katastrophal war auch die Resonanz. Nicht nur die Zensur war überfordert, auch mancher Komponisten-Kollege und die Fachpresse schrien das Werk nieder. Sehr zu Unrecht, wie uns jetzt in Straßburg klargemacht wird.

Wahre Kunst ist immer voraus, manchmal fast einhundertsechzig Jahre. Dann kommt plötzlich der richtige Ort, die richtige Zeit, und eine Oper wird wieder aufgeführt, deren Name und Inhalt höchstens Experten noch etwas sagten. Obwohl der Komponist keineswegs unbekannt ist: Jacques Offenbach. Seine von Frankreich ins muslimische Lahore verlegte Opéra-bouffe „Barkouf ou un chien au pouvoir“ (Barkouf oder ein Hund an der Macht) wird jetzt an der Opéra National du Rhin nach ihrer Pariser Uraufführung 1860 erstmals wieder gezeigt und ist damit ein brillanter Auftakt zum Offenbach-Jahr 2019.

Zumal dem Komponisten dieses vehemente Geburtstagsgeschenk als deutsch-französische Koproduktion im November 2019 in seiner Vaterstadt Köln am dortigen Opernhaus ein weiteres Mal überreicht wird. Dahinter steckt viel Frauenpower der beiden Intendantinnen Eva Kleinitz und Birgit Meyer sowie der Regisseurin Mariame Clément, die zusammen mit Jean-Luc Vincent auch für die Überarbeitung der Dialoge steht. Den größten Lacherfolg hat dabei Périzade (Anaïs Yvoz), Tochter des Großwesirs Bababeck, die mit Saëb (Patrick Kabongo) verheiratet werden soll, aber die dazu notwendige Unterschrift von Gouverneur Barkouf nicht erhält. Als intime Kennerin der „Salome“ von Richard Strauss schleudert sie ihrem Vater unter Androhung von Selbstmord entgegen: „Ich will den Kopf von diesem Barkouf auf einem silbernen Tablett!“

Vor dem Orchestre symphonique de Mulhouse steht sein neuer Leiter Jacques Lacombe, der diese Partitur begeistert und begeisternd einstudiert hat, mit ganz präzisen Tempovorstellungen als Vorgabe für das pulsierende Bühnengeschehen und die vielen aberwitzig schnellen Chorpartien (Einstudierung: Alessandro Zuppardo). Offenbachs Musik selbst ist eine Entdeckung. Allein vier lyrische Tenöre sind gefragt, dazu zwei Soprane, ein gut beschäftigter Mezzosopran (die Orangenverkäuferin Balkis mit der kraftvollen Fleur Barron) und ein Bass (der sittenverderbte Großmogul Nicolas Cavallier).

Der Beginn des „Barkouf“ mit einem kurzen leisen Paukenwirbel und kaum hörbaren tiefen Streichern ist höchstens ein Miniaturvorspiel. Dafür wird die Ouvertüre vor dem dritten Akt nachgereicht und kündigt Kommendes an, wobei das Orchester singt, als wäre es selbst ein Protagonist auf der Bühne. Wohin das Ohr sich wendet: überall pikante Rhythmen, harmonisch-melodische „Surprises“, liebevolle oder ironische Instrumentalsoli von Cello und Holzbläsern und eine orchestrale Steigerungskunst, die den Hörer in immer größere Erwartung und Spannung versetzt: „Mein Hund!“, jubelt Maïma im Finale des ersten Aktes – aber Barkouf kommt nicht. Maïma, eine junge Blumenverkäuferin, hat mit der zur Hochform auflaufenden Koloratursopranistin Pauline Texier die musikalisch anspruchsvollste Rolle, sie zwitschert, trillert, parliert, genießt es in höchsten Tönen, „einen Betrüger zu betrügen“, und singt gleich darauf mit weicher Hornbegleitung ein Schlaflied für ihren Hund – nur sie kennt Barkouf wirklich.

Deshalb wird sie auch seine Hundeflüsterin oder besser: seine Übersetzerin im Dienste von Bababeck (der großartige Sänger-Schauspieler Rodolphe Briand), jenem servilen, falschen, nur auf seinen eigenen Vorteil bedachten Allergiker gegen Hundehaare, der, wie die anderen Protagonisten auch, widerspruchslos und ohne das geringste Erstaunen die Regierungsautorität des Hundes akzeptiert, nicht ahnend, dass Maïma seine Pläne in der Stunde der Audienz zunichtemachen würde. Das Volk nämlich, das schon zehn Vorgänger Barkoufs aus dem Fenster geworfen hat, wird jetzt durch Maïmas „Übersetzungen“ von Barkoufs Gebell belohnt: Der Hundeherrscher erbarmt sich der Klagen über zu hohe Steuerlasten (!) und begnadigt die zum Tode verurteilten Anarchisten, darunter Xaïloum, der Geliebte von Balkis (Stefan Sbonnik).

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Regie und Musik arbeiten Hand in Hand, und Mariame Clément hat zudem ein solch sicheres Händchen fürs Leichte, dass ihr Ironie, Komödie, Satire nie in Klamauk oder operettenhaftes Chargieren entgleiten. Immer wieder Zwerchfell erschütternd ist Loïc Félix als Eunuch Kaliboul, Diener des Bababeck, der den Besuch bei Barkouf mit dem Leben seines großkarierten Anzugs bezahlt. Hinreißend ist die Komplottszene gegen Barkouf im dritten Akt, wenn die Verschwörer Masken französischer Politiker aufsetzen – Macron, Hollande, Ségolène Royal, Edouard Philippe – und mit weichen Knien über die Bühne schleichen.

Gleichzeitig unterstreicht Clément immer wieder den subversiven Grundzug dieser Oper. Das Bühnenbild von Julia Hansen, zugleich Kostümbildnerin, evoziert Kafkas „Prozess“: ein gigantisches Archiv mit verstaubten Aktenpaketen, das ständig aufgefüllt wird. Eine filmreife Slapstick-Szene vor dem zweiten Akt huldigt dem lebenden Gabelstapler, dem Hausmeister mit den quietschenden Schuhen und den turmhohen Papierbergen. In Mitten dieser Regale steht Barkoufs Hundehütte, die im dritten Akt – überschrieben mit „Liberté, Egalité, Croquettes“ – die Größe eines Hundepalastes angenommen hat.

Und nachdem man sich mindestens einen Bernhardiner als Barkouf vorgestellt hat, öffnet sich das Hundetor einen Spalt breit – und heraus kommt ein Hündchen, ein schwarzer Zwergpudel mit Goldkrönchen. Er muss sein Vaterland gegen die Feinde verteidigen und fällt natürlich. Damit ist der Weg frei für das neue Gouverneurspaar Saëb und Maïma: Es gleicht aufs Haar Napoléon III. und Eugénie de Montijo, jenem Kaiserpaar, dem Offenbachs musikalische Attentate galten.

Quelle: F.A.Z.
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