<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
„Zar Saltan“ in Brüssel

Mein lieber Schwan, ich will hier raus!

Von Josef Oehrlein, Brüssel
 - 15:34
Mit der Base Baberiche sannen sie auf arge Schliche: Carole Wilson, Bernarda Bobro, Stine Marie Fisher (von links) als missgünstige Verwandte.

Mit komischen Opern könne er nicht viel anfangen, bekannte der russische Regisseur Dmitri Tschernjakow einmal, sie langweilten ihn schlicht. Er brauche zumindest einen „tragischen Kern“, wenn er sich mit einem eher heiteren Stoff beschäftige. So ganz lustig ist Nikolaj Rimskij-Korssakows Oper „Das Märchen vom Zaren Saltan“, die Tschernjakow jetzt an der Brüsseler Oper in Szene setzte, nun auch wieder nicht. So fiel es Tschernjakow leicht, einen „tragischen“ Ansatzpunkt zu finden – und zwar gleich bei sich selbst. Als Kind habe er sich oft mutterseelenallein gefühlt und eine „leicht autistische Existenz“ geführt, bekannte er. Und deshalb musste er auf die Idee kommen, den Zarensohn Gwidon die phantastische Geschichte als Hirngespinst eines Autisten erleben zu lassen.

So geistert der Arme, gepeinigt von konvulsivischen Bewegungszwängen durch das ganze Stück. Da ist also nichts mit Eichhörnchen, die goldene Nüsse knacken und anderen Pläsierchen mit Tierchen oder gar einem glanzvollen Leben des Zarewitsch als fürstlicher Herrscher eines wunderlichen Reiches. Es eröffnet sich vielmehr die trostlos kahle Alltagswelt einer alleinerziehenden Mutter mit ihrem autistischen Sohn. Der Vater ist im Krieg, und der Junge verliert sich immer tiefer in der Phantasiewelt des Zarenmärchens, die als grotesk-dämonische Bilderflut auf ihn einstürzt.

Tschernjakow, der wie fast immer auch hier sein eigener Ausstatter ist, beschwört diese so schrillbunte wie bedrohliche Außenwelt mit einer raffinierten Projektionstechnik, die Akteure, Dekor und animierte Zeichnungen derart ineinander verschmelzen lässt, dass die Unterschiede zwischen Realität und Fiktion nicht nur für den autistischen Knaben, sondern auch für den Zuschauer aufgehoben scheinen. Die Bojaren und Märchenfiguren tragen üppige, phantastische Gewänder, während Gwidon und seine Mutter, die Zarin Militrissa, nie aus ihrer kleinbürgerlichen Kleidung schlüpfen. Am Ende ist die Zarengesellschaft entzaubert. Zur Rückkehr des Zaren aus dem Krieg erscheint sie ganz in Zivil.

Während sich der mystische Schwanenvogel als die von Gwidon ersehnte Frau erweist, entsteht einen Moment lang die Hoffnung, der Junge würde nun von seiner Pein befreit und ein glückliches Eheleben führen können. An aufmunternden Gesten lässt es die Schwanenmaid jedenfalls nicht fehlen. Doch Tschernjakow verweigert dem Stück das glückliche Ende. Gwidon trommelt zum Entsetzen der Feiergesellschaft gegen die verschlossene Tür. Er will nichts wie raus. Doch wohin?

Rimskij-Korssakow hat seine leider nur selten aufgeführte Oper mit einer unerhört üppigen Klangfülle ausgestattet, sie mit volkstümlichen Melodien und Rhythmen getränkt und sie mit raffinierter, an Hector Berlioz oder auch Richard Wagner geschulter Instrumentierungskunst zum Funkeln gebracht. Unter seinem Chef Alain Altinoglu kostet das Orchester des Brüsseler Théâtre de la Monnaie nicht erst beim überaus rasanten „Hummelflug“ genüsslich die Köstlichkeiten aus. Altinoglu baut immer wieder neue Spannungsbögen und opulente Klangausbrüche auf, drängt mit Lust voran, könnte freilich die nicht minder reizvollen kammermusikalischen Passagen mit noch intensiverer Intimität ausstatten.

Das Sängerensemble ist geschickt aufeinander abgestimmt und überaus spielfreudig. Bogdan Volkov verkörpert den Zarensohn Gwidon mit großem Engagement, er muss sein autistisches Gebaren während der gesamten Vorstellung durchhalten. Das gelingt ihm glaubhaft, außerdem singt er mit kernigem, ausdrucksstarkem Timbre. Ante Jerkunica ist ein sonorer, soignierter Zar, Svetlana Aksenova bleibt dagegen als Zarin Militrissa mit ihrer zwar schön geführten, doch nicht allzu durchschlagskräftigen Stimme etwas blass (was aber durchaus zu ihrer vom Regisseur beabsichtigten Rolle als Hausmütterchen passt). Strahlkräftig und wunderschön leuchtend, am Ende allerdings auch etwas schrill gestaltet Olga Kulchynska die Partie des Schwanenmädchens und der ersehnten Geliebten des Zarewitsch. Auch die Sänger der übrigen Rollen, nicht zuletzt Carole Wilson als böse, heimtückische Base Baberiche und vor allem die so stimmstark wie präzise im gesamten Theaterraum agierenden Chöre mischen nach Bedarf ihre Partien mit grotesk-greller Tonfärbung auf.

In Tschernjakows Inszenierung des Zar-Saltan-Märchens geht es wieder einmal um einen Ausbruchsversuch aus einer verknöcherten Gesellschaft. Das von einem Versepos Alexander Puschkins inspirierte Stück verträgt eine solche Deutung durchaus. Und immerhin ist es dem umtriebigen Regisseur gelungen, die in all ihrem Prunk erstarrte altrussische Welt in grotesk-deftigen, bisweilen sogar heiteren, zumindest zeitweise witzigen Tableaus zu präsentieren.

Trotz des trostlosen Seelendramas, das sich im Inneren des unglückseligen Zarewitsch abspielt, fehlt es also nicht an Märchenhaftigkeit.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBrüssel