Oper

Chaos in der Museumsvitrine

Von Eleonore Büning
20.08.2012
, 09:42
Gewaltig ist die Tiefe dieses Bühnenraums: Szenenbild aus Heiner Goebbels’ Inszenierung der „Europeras“ von John Cage in Bochum
Heiner Goebbels inszeniert zur Eröffnung der Ruhrtriennale John Cages „Europeras“. Eine Materialschlacht, prächtige Dekorationen, atemraubende Artistik. Trotzdem zündet der Funke nicht.

Es brummt in der Jahrhunderthalle in Bochum wie in einem Bienenstock. Sind ja auch heute wieder alle Bienenköniginnen und Bienenkönige versammelt, alle Drohnen und Strippenzieher, die der Musikbetrieb in Deutschland so aufzubieten hat: Direktoren, Intendanten, Dezernenten, Agenten, Kulturpolitiker, Kulturkritiker oder sonst wie Verantwortliche. Zumindest alle drei Jahre, wenn bei der Ruhrtriennale ein Intendantenwechsel stattfindet, gibt es zur Feier der Eröffnung fast ebenso viel Brimborium wie bei der Eröffnung der Bayreuther Festspiele.

Plötzlich tönt eine Lautsprecherstimme, gleich sinkt der Schwatz-Pegel, alle setzen sich, die letzten schalten ihr Handy aus. Doch geht es bei der Ansage gar nicht darum, auch nicht, ob irgendwelche Sänger indisponiert sind. Vielmehr wird um Applaus gebeten für den Einzug der Juroren der „Children’s Choice Awards“.

Ein neues Kulturprojekt: Kinder begutachten Opern

Und dann marschieren sie herein, in Reih und Glied, wie zum Appell, um sich die knapp zweieinhalbstündige Premiere von „Europeras 1 & 2“ des Komponisten John Cage anzuschauen: drei Dutzend Kinder und Jugendliche, Mädchen und Jungen, alle kommen aus Schulen der Region.

Insgesamt hundert solcher Kinder-Juroren beobachten in diesem Jahr die Ruhrtriennale. Sie begutachten drei Opern-, vier Theater- und fünf Tanzdarbietungen, und vergeben anschließend Preise: Für die coolste Musik, das lustigste Kostüm, die schlechtesten Träume usw. Diese Kinder-Juries sind Teil eines aufwendigen „no-education“-Projekts, das ist eine jener Erfindungen, mit denen der neue Ruhrtriennale-Chef Heiner Goebbels das Festival gründlich liften und verändern will.

Wie schrecklich höflich, wohlerzogen und diplomatisch!

Mit seinem Namen und seiner Kunst, als Komponist und als Regisseur, steht Goebbels selbst ein für die seit 1968 mannigfach erprobten Formen eines interaktiven Musiktheaters, das die Grenzen der alten Gattungen sprengt und dabei die Rezeption mit in die Produktion integriert. Nach knapp drei Stunden, auf der Rückfahrt, sind dann im Autoradio die ersten Juroren-Eindrücke zu hören, denn das Kulturmagazin „Fazit“ des Deutschlandradio sendet heute Nacht live aus der Jahrhunderthalle.

Ach, wie schrecklich höflich sind diese Kinder, wie wohlerzogen und diplomatisch! Es sei, sagt eins, ja zuerst recht langweilig gewesen, dann aber „doch ganz interessant“. Klar, ja, langweilig schon, sagt ein anderes, aber das „ist eben Kunst!“

Alles klug durchgefeilt und gelenkt: Das Chaos, von dem John Cage geträumt hat, landet in Bochum in der Museumsvitrine. Szene mit Liliana Nikiteanu, Asmik Grigorian, Robin Tritschler und Karolina Gumos
Alles klug durchgefeilt und gelenkt: Das Chaos, von dem John Cage geträumt hat, landet in Bochum in der Museumsvitrine. Szene mit Liliana Nikiteanu, Asmik Grigorian, Robin Tritschler und Karolina Gumos Bild: Wonge Bergmann

Diese Kinder-Juror-Weisheit trifft ins Schwarze. Was aber natürlich bedeutet, für Goebbels und für seine hochfliegenden Ambitionen ebenso wie für sein engagiertes, kostbares Team: Der erste Probeschuss ging nach hinten los. Für ein Kind, aufgewachsen im Medienzeitalter, mag das „Multi-Tasken“ beim Erfassen dieser kleinportionierten und dem Zufall überlassenen Schnitzel von Ton, Aktion, Bild, Wort, Pose, Licht, Tanz und Bewegung gar kein so aufregendes Abenteuer mehr sein, so, wie es das vor fünfundzwanzig Jahren war, als John Cage in Frankfurt sein Werk zum ersten Mal präsentiert hatte: Eine Hommage an die europäische Operngeschichte einerseits - zumindest an all die nicht mehr urheberrechtlich geschützten Titel: „your operas!“; und zugleich die ultimative Zerstörung und Zerschredderung der Gattung: „an opera to end all operas“.

Andererseits ist das phantastisch beziehungsreiche Augenfutter, das jetzt von Bühnenbildner Klaus Grünberg und Ausstatterin Florence von Gerkan aus vierhundert Jahren Operngeschichte zusammengetragen und herrlich aufbereitet wurde, in den Augen eines Kindes, das mit Videospielen aufwuchs, nur ein lächerlicher Pipifax.

Ein Lob den sekundenpräzisen Helfern auf der Bühne

Und doch: Ein professioneller Bienenkorbbewohner kann gar nicht anders, er muss beeindruckt sein von diesem Meisterwerk der bühnentechnischen Logistik. Ein hohes Lob gilt den perfekt trainierten, lückenlos sekundenpräzise arbeitenden Helfern auf der Bühne, die sich, wie übrigens die Musiker und Sänger auch, an der durchlaufenden Digitaluhr zu orientieren haben, mit der schon John Cage anno 1987, bei der Uraufführung von „Europeras“ in Frankfurt am Main, den Dirigenten ersetzt hatte.

Ein hohes Lob geht auch an die verstreut im Raum agierenden Musiker, die in den Seitengängen oder hoch oben auf den Beleuchterbrücken pünktlich ihre Opernpartienausschnitte vor sich hin fideln und blasen, jeder für sich. Und auch die fünf Sängerinnen, und fünf Sänger tun Bestes.

Noch besser wäre es gewesen, Goebbels hätte für die Koloraturarien-Schnipsel einen echten, leichtgängigen Koloratursopran engagiert - und für die nachtschwarzen Bass-Arien-Bruchstücke einen schwarzen Bass mit Fundament, ja sogar bei den Tenören hätte man doch gern das eine oder andere Wort verstanden. Auch, wenn es aus dem Zusammenhang gerissen ist.

Die Perfektion machte dem Abend den Garaus

So aber stand die perfekte Bühnentechnik zur imperfekten musikalischen Leistung immer wieder schmerzhaft quer. Raffiniert, wie das schwindende Tageslicht, das im Hintergrund durch die hohen Fenster der alten Industriekathedrale fällt, mit einbezogen wird in die Lichtregie - und wie dann die Sprossenstruktur dieses Fenster wiederum zitiert wird in den Entwürfen des Prospekts. Atemraubend allein die Tiefe dieses Bühnenraumes, neunzig Meter sollen es sein, und raffiniert, wie er auf vier bis sieben Ebenen gleichzeitig bespielt wird. Dekorativ, wie da ganz weit hinten langsam das Kapitol abfackelt oder im Vordergrund das Holländerschiff kentert, auf einer Brandung silberblauer, von Menschenhand bewegten Stoffbahnen. Reizend, wie der Sonnenkönig die Arie des Wildschützgrafen knödelt und Frau Königin Hirsch das Lied der Wozzeckmarie.

Bewundernswürdig auch die zentimentergenau turnenden Artisten: Die als Verdammte kopfüber im papiernen Schlund der Hölle herumbaumeln, ihre Schatten auf den Boden werfend, oder sich, wie Tarzan, am Juteseil durch den Hänger-Himmel schwingen. Da gab es allerhand zu staunen. Und alles klappt und passt perfekt zusammen, oder vielmehr: Es passt perfekt nicht-zusammen. Und die Perfektion war es, die dem Abend den Garaus machte.

Der Kunst ist vieles erlaubt, das fand auch die Kinderjury der diesjährigen Ruhrtriennale. Im Bild rechts die Sopranistin Asmik Grigorian
Der Kunst ist vieles erlaubt, das fand auch die Kinderjury der diesjährigen Ruhrtriennale. Im Bild rechts die Sopranistin Asmik Grigorian Bild: Wonge Bergmann

Cages „Europeras 1 & 2“ ist, seit der legendären Uraufführung, nur wenige Male aufgeführt worden, in Hannover und in Aachen, zuletzt in Berlin. Es gibt lange und kurze Fassungen, und jedes dieser Puzzle fällt, das ist ja der Sinn der Sache, anders aus. Die neue Prunk- und Jubiläumsversion in Bochum, in Szene gesetzt von Heiner Goebbels, ist die bislang üppigste, sie ist aber auch die allerfadeste und witzloseste. Zu wenig überließ die Regie vertrauensvoll dem Ablauf der Uhr, dem Willen der Mitwirkenden oder auch nur dem Genossen Zufall. Zu viel war von Goebbels klug durchgefeilt, vorgesorgt, gelenkt, ausgedacht und „komponiert“ worden - von der zurechtarrangierten kleinen Wagner-Insel (Erda/Parsifal) bis zu den hübsch geschürzten Belkanto-Knoten.

Und so landete das Chaos, wie es sich Cage vor einem Vierteljahrhundert ersonnen hatte, in Bochum wieder in einer Museumsvitrine. Nach der Pause, für „Europeras 2“, hatte Goebbels dann das Raum-Licht der Jahrhunderthalle wieder ausgeknipst und die alte Guckkastenbühne hergestellt. Die Sänger standen als schwarz-weißer Scherenschnitt herum vor einer als Stich getarnten Videoinstallation. Manchmal bewölkte sich der Himmel. Minimalistisch ging die Kirchturmuhr rückwärts, in Echtzeit. Alles Leben raus, jede Menge Sinnstiftung rein: „Kunst eben!“

Quelle: F.A.Z.
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