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Oper „Guercœur“ in Osnabrück

Der Held der Güte, ein Gespenst

Von Jan Brachmann
 - 23:07
Der Chor des Volkes fordert: Zurück zur Diktatur!

Johannes Brahms, der mit den Zumutungen unserer Endlichkeit rhetorisch nicht gerade zimperlich umging, schrieb einmal: „Das Leben raubt einem mehr als der Tod.“ Sein französischer Zeitgenosse Albéric Magnard, gut dreißig Jahre jünger als Brahms, hat diese Behauptung noch radikalisiert: Der Tod raubt einem nicht einmal alle Illusionen, die man als Lebender noch hatte, zumindest wenn das Leben kurz, erfolgsverwöhnt und leidensarm war. Das soll ja vorkommen. Bei Guercœur, dem – fiktiven – Titelhelden der Oper, die Magnard zwischen 1897 und 1900 nach einem eigenen Libretto komponierte und die man jetzt ganz überwältigend in Osnabrück erleben kann, ist es vorgekommen. Und das wollte Magnard, ein Rigorist sondergleichen, nicht so stehenlassen.

Der etwa fünfundvierzigjährige Politiker Guercœur, der sein Volk aus der Tyrannei in die Demokratie geführt hatte, starb auf dem Höhepunkt seines Erfolgs und seiner Beliebtheit. Noch auf dem Sterbebett schwur ihm seine zwanzig Jahre jüngere Frau Giselle, die er kinderlos zurückließ, ewige Treue über den Tod hinaus. Nun fängt die Oper an, das Orchester stöhnt unter tritonusgeplagter Harmonik; die Chöre des Himmels, in dem kein lieber Gott mehr wohnt, aber die Tugenden Güte, Schönheit und Wahrheit singen, dazu noch das Leiden in Person, diese Chöre schweben in einer Musik voller Licht, gereinigt von allen Spuren des Schmerzes – bis Guercœur ächzt. Er will zurück auf die Erde, weil er „die Stunden des Triumphs und der Zärtlichkeit nicht vergessen“ kann. Das Leiden wird ihm aus Missgunst zum Fürsprecher: Guercœur hat es nicht gekannt, er soll eine zweite Chance bekommen, um es kennenzulernen. Gut, singt die Wahrheit – und sie singt schön –, „wenn der Himmel dir eine Qual ist, wenn du die Illusionen dem Glück vorziehst, kehr zurück“.

Guercœur kehrt in seine Stadt zurück; zwei Jahre sind unterdessen vergangen. Seine Frau hat den Treueschwur gebrochen und will Guercœurs Schüler und Freund Heurtal – der Wunsch nach eigenen Kindern treibt sie dazu – heiraten. Heurtal ist ein Verräter: „Früher glaubte ich an die Freiheit. Heute glaube ich an die Sklaverei. Das Volk ist müde und vermisst den Tyrannen.“ Und so muss Guercœur erleben, dass nicht nur Freund und Frau ihn verraten, sondern auch dass das Volk den Rückweg von der Demokratie in die Diktatur antritt. Bei einem politischen Tumult wird Guercœur ein zweites Mal getötet.

Doch als er erneut im Himmel ankommt, singt die Wahrheit einen großen Hymnus auf die Hoffnung: Guercœurs Leben und Sterben seien nicht vergebens gewesen. Am Ende werden sich Wahrheit, Güte und Schönheit durchsetzen. „Die Vermischung der Rassen und Sprachen wird der Menschheit eine Kultur des Friedens geben. Durch Arbeit wird die Armut überwunden, durch Wissenschaft der Schmerz. Und um die Wahrheit zu erlangen, wird der Mensch Vernunft und Glauben vereinen.“ Der liebe Gott wohnt zwar nicht mehr im Himmel, aber die Botschaft des Johannesevangeliums hat den Tod Gottes offenbar überlebt: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“

Magnard war zeit seines Lebens ein Eigenbrötler und moralischer Radikalist. Er lebte mit seiner Frau, zwei eigenen Töchtern und dem unehelichen Sohn seiner Frau in Baron, abseits von Paris, setzte sich für die Frauenemanzipation ein, engagierte sich für die Menschenrechtsliga, solidarisierte sich mit Émile Zola in der Dreyfus-Affäre gegen den politischen Antisemitismus in Frankreich und verteidigte die Republik gegen alle monarchistischen Umsturzbestrebungen. Am 3. September 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, starb er in seinem Haus, nachdem er sich mit der Waffe gegen deutsche Soldaten verteidigt hatte, die als Vergeltungsschlag sein Anwesen in Brand steckten. Er kam darin um mit fast all seinen Manuskripten.

In Osnabrück, der Stadt des Westfälischen Friedens und des Schriftstellers wie Weltkriegsteilnehmers Erich Maria Remarque, fühlt sich das Theater unter seinem Intendanten Ralf Waldschmidt dem Erbe einer „Friedensstadt“ besonders verpflichtet und hat deshalb „Guercœur“ auf den Spielplan gesetzt. Was am Anfang des Plans keiner wusste: Dieses großartige Stück, von dem es eine Gesamtaufnahme auf CD mit den Stimmen von José van Dam und Hildegard Behrens unter der Leitung von Michel Plasson gibt, ist seit der postumen Erstaufführung 1931 (und einer Wiederaufnahme 1933) nirgendwo mehr gespielt worden. Osnabrück bringt nun, liebevoll und kenntnisreich durch eine informative Foyerausstellung begleitet, die weltweit zweite Inszenierung und die deutsche Erstaufführung heraus.

Und wie! Das Orchester unter der Leitung von Andreas Hotz verliert keinen Augenblick in diesen drei Stunden die Konzentration. Es entsteht der Eindruck unendlicher Raumtiefe. Der Vogelgesang am Beginn des zweiten Akts ist so suggestiv, wie die Streicherzärtlichkeit in der Vergebungsszene zwischen Guercœur und Giselle rührt und mitreißt. Der Chor, einstudiert von Sierd Quarré, leistet Großes – als unsichtbare, aber hörbare Lichtquelle des Himmels ebenso wie als tumultöses Volkssubjekt einer gewaltsamen Entscheidung für die Unfreiheit.

Der Bariton Rhys Jenkins hat die Kondition, aber auch die nötige farbliche Gebrochenheit, um Guercœur als einen Gezeichneten zu singen, als einen Helden der Güte, der als Gespenst gehetzt wird. Susann Vent-Wunderlich ist eine sinnliche, generöse, aber sehr achtsam intonierende Giselle. Der Tenor Costa Latsos gibt der Figur des Heurtal weniger den Schmelz eines Liebhabers als die Schärfe eines Intriganten und Verräters. Absolut luxuriös ist die Besetzung der himmlischen Tugenden: Katarina Morfa als Güte, Erika Simons als Schönheit und Nana Dzidziguri als Leiden haben solch hinreißende Stimmen, dass jedes Opernhaus Osnabrück um diese Sängerinnen beneiden muss. Aber was die Sopranistin Lina Liu als Wahrheit am Ende aufbietet mit ihrer Klarheit, Reinheit, Kraft und Wärme, das ist kaum zu fassen! Eine Stimme, die an die junge Gundula Janowitz gemahnt!

Dazu kommen die hochintelligente, geschmackvolle szenische Umsetzung durch die Regie von Dirk Schmeding, die Bühne von Martina Segna, die Kostüme von Frank Lichtenberg und die originellen, hochmusikalischen Videos von Roman Kuskowski. Wir werden in einen körperlosen Kosmos mit futuristischen Lichtringen entrückt. Der oratorische Charakter der zwei Himmelsakte wird in einer technizistisch-poetischen Videoinstallation aufgefangen. Zum utopischen Hymnus der Wahrheit am Schluss sehen wir ganz naturalistisch die Vorgänge bei der Einäscherung einer Leiche im Sarg. Diese Nüchternheit stellt die säkularreligiöse Trunkenheit von Text und Musik nicht bloß, sondern rückt Zumutung und Hoffnung erst ins rechte Verhältnis. Deutschlandfunk Kultur hat dieses denkwürdige Ereignis aufgezeichnet und sendet den Mitschnitt am 22. Juni.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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