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„Halka“ in Wien

Am Rande des Wahnsinns

Von Reinhard Kager, Wien
 - 13:39
Von Zynikern geschändet: Halka, großartig gesungen von Corinne Winters.

Ist von Musik aus Polen die Rede, so fällt unweigerlich der Name von Fryderyk Chopin. Doch was international mit exemplarischer polnischer Musik identifiziert wird, betrachten die Polen selbst als eher elitär und bestimmt von den überregional üblichen Strängen des Komponierens im neunzehnten Jahrhundert. Viel stärker als polnische Nationalkomponisten empfunden werden dort Künstler wie Karol Kurpiński, dessen „Jadwiga, królowa Polska“ („Hedwig, Königin von Polen“, 1814) explizit Bezug nimmt auf die polnische Geschichte, und vor allem Stanisław Moniuszko, der sich durch seine Sammlung von über dreihundert regional geprägten Liedern großer Beliebtheit erfreut. Auf einer Volkserzählung basiert auch seine bedeutendste Oper „Halka“, mit der Moniuszko durch die Integration von Polonaisen und Mazurken so etwas wie einen polnischen Nationalstil begründete. In diesem Jahr wurde der zweihundertste Geburtstag Moniuszkos gefeiert, der übrigens den gleichen Lehrer wie Chopin hatte: Josef Elsner.

Wie wichtig den Polen die Oper „Halka“heute immer noch ist, lässt sich daran ermessen, dass mit Piotr Beczała und Tomasz Konieczny zwei der international bedeutendsten polnischen Sänger erstmals auf der Bühne des Theaters an der Wien stehen, wo Moniuszkos Werk derzeit in einer Koproduktion mit der Nationaloper des Warschauer Teatr Wielki zu sehen ist. Das polnische Leitungsteam war eigens nach Wien gereist, um dort die Oper einzustudieren, ehe sie vom 11. Februar 2020 an auch in Warschau gezeigt werden wird. In die Spielpläne des Wiener Hauses fügt sich „Halka“ dramaturgisch sehr gut, denn Intendant Roland Geyer gräbt immer wieder nach raren Trüffeln aus dem Opernrepertoire des neunzehnten Jahrhunderts. Zuletzt war Gaspare Spontinis „La vestale“ in der französischen Originalfassung zu sehen (F.A.Z. vom 22. November).

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Doch wie bei „La vestale“ ist leider auch bei „Halka“ die dramaturgische Setzung, dieses Mal durch den polnischen Regisseur Mariusz Treliński, eher problematisch: Er verlegt die im achtzehnten Jahrhundert spielende Geschichte des Adligen Janusz, der sich in das Landmädchen Halka verliebt, ein Kind mit ihr zeugt, um sie danach wegen seiner Standesdünkel wieder zu verlassen, in die siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Das hätte vielleicht aufgehen können, wäre die damalige historische Situation Polens ins Spiel gebracht worden. Doch die von Lech Wałęsa angeführten Streiks in der Danziger Werft, die als Auflehnung gegen die sowjetische Macht durchaus dem angespannten Verhältnis zwischen den um 1770 immer noch leibeigenen Bauern und dem Adel ähneln, spielen im Konzept von Treliński überhaupt keine Rolle.

Gezeigt wird ein pseudomodernes Hotel mit kalten Glasfassaden (Bühne: Boris Kudlička), das durch die Drehbühne mal einen großen Ballsaal und dessen vom Personal bevölkerte Hinterseite zeigt, mal intime Einblicke in eines der Schlafzimmer gewährt, in dem sich der von Schuld geplagte Janusz erst im Bett und später sogar auf dem Boden wälzt. Wie ein Gespenst erscheint ihm die mit regennassem Haar eintretende Halka, die sich jedoch rasch als Zimmermädchen des Hotels entpuppt. In seiner Inszenierung reduziert Treliński den sozialen Gegensatz somit auf die Kluft zwischen dem Hotelpersonal und einer neureichen Gesellschaft, die sich anschickt, Janusz’ Hochzeit mit Zofia (Natalia Kawałek) zu feiern, der Tochter des begüterten Stolnik (Alexey Tikhomirov), der sich alsbald mit Prostituierten vergnügt. Derweil hüpft die Hochzeitsgesellschaft (der Arnold Schoenberg Chor) in weißen Jacketts und schwarzweiß gemusterten Miniröcken rhythmisch zur Mazurka. Im Vergleich zum sozialen Gefälle zwischen Adligen und leibeigenen Bauern ist dies freilich so harmlos wie der ausgestopfte Eisbär, der mit erhobenen Pranken vor dem Hoteleingang steht.

Am Ende begräbt sie ihr totes Kind

Indem er die Geschichte aus dem Blickwinkel von Janusz erzählt, der in selbstmitleidiger Erinnerung zurückblickt auf seine verflossene Liebe und immer wieder als Beobachter auftaucht, nimmt Treliński dem Stoff auch viel von seiner tragischen Dimension, die ja gerade auf der existentiellen Einsamkeit Halkas beruht. Erst im Finale der Oper, als das Mädchen ganz allein ihr totes Kind begräbt, wird diese Verlorenheit szenisch spürbar. Durch Janusz’ retrospektiven Blick wird überdies verwischt, dass sich im Stück eigentlich Halka, schon am Rande des Wahnsinns, an das Geschehen von einst erinnert.

Auch musikalisch wäre ein etwas geschärfterer Zugang wünschenswert gewesen. Das ORF Radiosymphonieorchester Wien spielte zwar wohltuend unprätentiös, ließ nie falsche Sentimentalität aufkommen, schien sich jedoch oft in Moniuszkos Melodieschleifen zu verlieren, ohne auf dramaturgische Zuspitzungen zuzusteuern. Das lag zweifellos an Łukasz Borowicz am Pult, dem es erst im Finale gelang, auch den tragischen Hintergrund dieser liedhaft-schlichten Musik hervorzuheben. Da erst zeigte sich, dass Moniuszko durchaus von Carl Maria von Weber inspiriert wurde. Im munteren Brio blitzen wiederum Momente der Musik Donizettis auf und in den volksliedartigen Passagen auch jener von Albert Lortzing. Mit Bedacht hatte Moniuszko die Polonaise im ersten Akt der Adelsgesellschaft zugedacht, wohingegen die Welt Halkas im dritten Akt vom Liedgut der Goralen inspiriert ist, den Bergbewohnern der Hohen Tatra.

Stimmlich wurde dieser Gegensatz vor allem in der Konfrontation von Janusz mit Jontek, einem heimlichen Verehrer und Beschützer Halkas, hörbar. Der Bariton Tomasz Konieczny lässt mit seinem metallisch-dunklen Timbre nie einen Zweifel am Zynismus dieses Janusz aufkommen, während der Tenor Piotr Beczała in geschmeidigen Bögen sein wahrhaftiges Mitleid mit Halka vermittelt. Und zugleich mit blendender Attacke seiner Wut freien Lauf lässt, als er Janusz’ durchtriebenes Spiel durchschaut. Mit der amerikanischen Sopranistin Corinne Winters fanden die beiden eine ebenbürtige Partnerin, die sich auch nicht scheute, Halka auf Polnisch zu singen. Berechtigter Applaus.

Quelle: F.A.Z.
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