Orgelbauer Hans Gerd Klais

Meister der langen Strecke

Von Michael Gassmann
02.12.2020
, 12:25
Die Orgel ist das komplexeste aller Musikinstrumente. Wer ihr gerecht werden will, braucht viele Talente. Dem Orgelbauer Hans Gerd Klais zum Neunzigsten.

Designer, Statiker, Techniker, Physiker, Schreiner, Musiker, Künstler – Orgelbauer sind eigentlich dies alles zugleich. Das größte, komplexeste, faszinierendste Musikinstrument erfordert Erbauer, die ihm gewachsen sind. Und so ist es kein Wunder, dass die großen Orgelbauer meist auch ungewöhnliche Persönlichkeiten sind.

Eine von ihnen ist Hans Gerd Klais, 1930 in eine Orgelbauerfamilie hineingeboren. Sein Großvater Johannes Klais gründete 1882 die Bonner Orgelbauwerkstatt; dessen Sohn Hans folgte dem Gründer, und seit Ende der fünfziger bis Mitte der neunziger Jahre leitete Hans Gerd das Unternehmen, dem nun sein Sohn Philipp vorsteht. Seit bald 140 Jahren wohnt und arbeitet die Familie unter demselben Dach – eine fast einzigartige Kontinuität.

Ein unverwechselbarer Klang

Vielleicht formt eine solche Lebens- und Familienkontinuität auch die orgelästhetischen Überzeugungen. Die Instrumente von Hans Gerd Klais jedenfalls nahmen behutsam jeweils aktuelle Tendenzen in sich auf, ohne sich den wie Moden wechselnden Orgel-Ideologien unterzuordnen. Schon zu Beginn seiner Arbeit setzte Klais auf mechanische Spieltrakturen, früher als andere entdeckte er den symphonischen Klang französischer Provenienz für sich, ohne doch „im französischen Stil“ zu bauen. Früh auch gründete er in seinem Haus eine Restaurierungswerkstatt, ohne je der Gefahr zur erliegen, hypothetische Rekonstruktionen im Stile Schnitgers oder Silbermanns zu unternehmen.

Wer eine Klais-Orgel bestelle, bekomme auch eine Klais-Orgel – das ist sein hartnäckiges Credo. Das Ergebnis ist ein unverwechselbarer „Klais-Klang“, der sich in vielen ikonischen Instrumenten manifestiert: In den Domen zu Würzburg, Altenberg, Trier, Münster, Graz, Limburg und in der Berliner Hedwigskathedrale erklingen seine Instrumente, aber auch in den Konzerthäusern in Köln, München, Athen, Krakau und Kyoto. Und nicht selten sind die Instrumente dank des intensiven Interesses von Hans Gerd Klais an Kunstgeschichte und Architektur zugleich markante und kühne architektonische Statements. Seine spektakulärste Restaurierung war die der Bambusorgel von Las Piñas auf den Philippinen; die Bonner Werkstatt wurde zu diesem Zweck klimatisch in ein Tropenhaus verwandelt. Mehr als vierhundert Opus-Nummern zählt sein orgelbauerisches Lebenswerk.

Die Langstrecke ist Hans Gerd Klais’ Lieblingsdisziplin. Neben seiner fast fünfunddreißigjährigen Arbeit als Leiter der familieneigenen Orgelbauwerkstatt amtierte er auch länger als jeder andere, von 1974 bis 2005, als Vorsitzender des Bundes Deutscher Orgelbaumeister. Und er baute über Jahrzehnte im eigenen Haus eine orgelhistorische Bibliothek und grafische Sammlung auf, die weltweit ihresgleichen sucht. In Zusammenarbeit mit der Bonner Universität wurde sie katalogisiert und als Präsenzbibliothek eingerichtet. Untergebracht ist sie im alten Wohn- und Werkstattgebäude in der Kölnstraße, in dem die Familie von Anfang an lebte und arbeitete. Ein auratischer Ort, an dem sich Tradition und Innovation auf eigentümliche Weise verbinden. Dort feiert Hans Gerd Klais, der passionierte Zigarrenraucher, kundige Weinliebhaber und joviale Gastgeber, heute seinen neunzigsten Geburtstag.

Quelle: F.A.Z.
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