Paul-Heinz Dittrich wird 90

Meister der Käfig-Musik

Von Jan Brachmann
04.12.2020
, 12:58
Er studierte bei Rudolf Wagner-Régeny, fand in Paul Dessau einen wichtigen Mentor und schuf Kompositionen, die von höchstem Formbewusstsein zeugen. Paul-Heinz Dittrich zum Neunzigsten.

Schartig und schön, rauh und verletzlich zugleich sind die Klänge, mit denen das Solo-Violoncello das Konzert für Streichquartett, Cello und Orchester von Paul-Heinz Dittrich eröffnet. Schon das erste Motiv, akkordisch gestrichen, hat Prägnanz. Und der Komponist schämt sich nicht, allen Wiederholungs-Tabus der Avantgarden zum Trotz, just dieses Motiv am Ende des Eröffnungsmonologs noch einmal im Pizzikato spielen zu lassen. Rundung und Sinnfälligkeit entstehen so schon früh im Stück, zugleich eine erzählerische Dramaturgie, die das anfängliche Ich-Sagen zurücknimmt in das zaghafte Abwarten der Antwort eines Du. Doch das Orchester schickt Salven ballistischer Gewalt: ein Klangkrieg gegen den Einzelnen, der sich in seiner ganzen Versehrbarkeit exponiert hat.

Dittrich zeigt sich in diesem 1975 vollendeten Konzert bereits als Meister der Form, die sich der Technik nicht unterwirft. So sehr er der klassischen Moderne in der Prägung von Arnold Schönberg verpflichtet blieb, so sehr hielt er auch daran fest, dass Musik erlebt werden und sich mitteilen müsse. Eine Erzählung aus verschiedenen Aggregatzuständen der Aggressivität, aus lauernder Stille und schlagendem Lärm, ist hier gefügt, die Streicher-Cluster wie aus dem Frühwerk von Krzysztof Penderecki kennt und Geräusche, mit denen Helmut Lachenmann zu gleicher Zeit arbeitete. Dittrich, in Gornsdorf im Erzgebirge geboren, bis heute in Zeuthen bei Berlin wohnend, lebte schon in den siebziger Jahren in der DDR nicht hinterm Mond.

Poesie der Dezenz

Immer wieder kann man in seinen Ensemblewerken, seinen Streichquartetten, auch seinen szenischen Kammermusiken nach Texten von Franz Kafka („Die Verwandlung“) und Maurice Maeterlinck („Die Blinden“) Texturen bestaunen, die ebenso streng wie filigran gearbeitet sind, erlesen klingen und an die Spieler höchste Anforderungen stellen. Dittrich, der bei Rudolf Wagner-Régeny studiert und in Paul Dessau einen wichtigen Mentor gefunden hatte, schuf Partituren, die man im Westen unter dem Markenbranding „New Complexity“ bei den Influencern und Kartellwächtern der Neuen Musik lanciert hätte. Er selbst schert sich bis heute wenig um solche Slogans einer innerbetrieblichen Sexiness. Dittrich ist kein Mann des Spektakels und der essayistischen Rauflust, mit der Komponisten durchaus auf sich aufmerksam zu machen und Reviere zu markieren pflegen. Innovation entstand bei ihm stets in Auseinandersetzung mit der Geschichte des Komponierens und aus gedanklicher Verdichtung heraus, nicht aus dem Vorsatz des „Abschaffens“. Sogar die Verwendung von Elektronik behält bei ihm eine eigene Poesie der Dezenz.

Als seine „Kammermusik I“ im Frühjahr 1971 bei der III. Musik-Biennale in Berlin uraufgeführt worden war, monierte der Kritiker des SED-Zentralorgans „Neues Deutschland“ die „unqualifizierten Akklamationen einiger durch Sachkenntnis offenbar noch wenig ausgezeichneter junger Leute“, die Paul Dessau in einem geharnischten Leserbrief wenige Tage später als „Arbeiter im VEB Elektrokohle in Lichtenberg“ identifizierte. Auch wenn von offizieller Seite festgestellt wurde, dass seine Musik „der DDR nichts nützt“, war Dittrichs Erfolg von der Mitte der siebziger Jahre an bis zum Ende der Achtziger kaum aufzuhalten.

Neben Friedrich Goldmann, Georg Katzer und Christfried Schmidt gehörte Dittrich zu den Komponisten in der DDR, die – von westlichen Diskussionen um eine „neue Subjektivität“ völlig unberührt – ähnlich wie Wolfgang Rihm weder auf avancierteste Techniken der Materialbehandlung noch auf emphatisches Ich-Sagen in der Musik verzichteten. Die Lyrik von Novalis, Paul Celan oder E.E. Cummings wurde ihm oft Inspiration oder Nachhall seiner eigenen Musik. Auch wenn man die „Käfig-Musik“ nach Kafka oder „Die Blinden“ nach Maeterlinck vor einigen Jahren in Berlin noch einmal hören konnte, auch wenn in Dresden Anfang Oktober im Kulturpalast die „Kammermusik XVII“ noch zur Uraufführung gelangen konnte, wird Paul-Heinz Dittrich, der inzwischen aufgegeben hat, seine neuen Werke noch verlegen zu lassen, vom westdeutsch dominierten Musikbetrieb kaum in der Weise gewürdigt, die seinem eminenten Rang als Komponist entspräche. Heute wird er neunzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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