Peter Brooks „Battlefield“

Vertrocknete Herzen in Strömen von Blut

Von Simon Strauss
21.06.2017
, 07:10
Peter Brook inszeniert den Krieg im leeren Raum
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Hunger nach dem Unsichtbaren: Der alte Peter Brook zaubert in Wien mit „Battlefield“ großes Theaterglück auf die Bühne. Jeder Ausdruck, jede Geste ist hier kostbar und mit Sorgfalt vorbereitet.
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Schicksalszeichen, Ahnungszeugen: Auf der Fahrt in die Stadt liegt im Zug eine Zeitungsseite auf dem Boden. Das Bild eines jungen irakischen Soldaten fällt ins Auge, die Hände hat er über dem Kopf zusammengeschlagen, die Augen hält er mit aller Kraft geschlossen. Um ihn herum herrscht das Grauen. Er sitzt auf dem Schlachtfeld vor Mossul, am Rande eines Massengrabs, in dem eine Terrormiliz des IS Hunderte abgeschlachteter Körper verscharrt hat. Da hockt er und weiß nicht, wohin mit all dem Schrecken, all der Verwüstung, dem „Waste Land“. Gekämpft und gesiegt, wozu? Um noch mehr Grausamkeit zu sehen, noch mehr zerfetzte Körper. Ein Raum grenzenloser Gewalt, angefüllt mit Horror und Greueltat.

Im Theater dann das Spiegelbild im leeren Raum: Ein junger Kriegsherr stolpert mit nackten Füßen über einen Spanplattenboden, beschreibt ihn als Schlachtfeld, erzählt mit rauher Stimme, wie die zitternden Witwen die Leichenteile ihrer Ehemänner zusammensuchen, wie die Geier kreisen, das tote Fleisch stinkt – „Männer, die einst in weichen Betten lagen, liegen jetzt in ihrem kalten Blut“. Panisch rollen seine Augen und können das Ausmaß der Vernichtung doch nicht fassen. Millionen sind gefallen in diesem Bruderkampf zwischen den Pandavas und ihren Cousins, den Kauravas. Nicht nur eine Familie, eine ganze Welt ist zerstört, verwüstet durch das Massaker.

Der Sieg des jungen Königs Yudishtira ist in Wahrheit nichts als eine vernichtende Niederlage, denn er hat das eigene Blut vergossen. Gegen seinen Onkel, den blinden König Dritarashtra, gekämpft und dessen Söhne getötet. Jetzt, wo die Schlacht vorbei ist, beginnt die Schuld an den Seelen der Überlebenden zu nagen. Die beiden Gegner versöhnen sich, nur um nicht allein mit ihr zu sein. Sie teilen die Schuld untereinander und stellen ohne Unterlass die eine Frage: „Warum?“

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Eine Frage der Verantwortung

Zweiunddreißig Jahre ist es her, dass Peter Brook in Avignon seine Inszenierung des altindischen, wohl im fünften Jahrhundert vor Christus entstandenen Epos „Mahabharata“ präsentierte. Neun Stunden lang, die ganze Nacht über, wurde damals im Steinbruch Boulbon gespielt, dann ging die erfolgreiche Produktion weltweit auf Tour. 1989 verfilmte Brook den Stoff und überredete seinen Drehbuchautor Jean-Claude Carrière, eine Romanfassung aus dem bis ins achtzehnte Jahrhundert völlig vergessenen, aus hunderttausend Doppelversen bestehenden Mythos zu erarbeiten. Eine Passage daraus bildet jetzt die Grundlage für Brooks neue Beschäftigung mit dem „Mahabharata“: Diesmal geht es ihm nicht um die Vorgeschichte und den Schlachtverlauf, sondern um die unmittelbare Situation danach, um die Frage nach der Verantwortung für das Geschehene.

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Vier Schauspieler besetzen den Raum, die Halle E im Wiener Museumsquartier, spielen mit Einfachheit und Prägnanz. Farbige Tücher und rhythmische Trommelschläge (der Trommler von damals ist auch der von heute: Toshi Tsuchitori) sind alles, was diese Inszenierung an Ausstattung braucht. Ein paar Bambusstöcke lehnen an der Wand, ab und zu wechselt das Licht seine Farbe. Ansonsten sind es allein Blicke und Stimmen, die hier mit inniger Sorgfalt die Geschichte erzählen. Jared McNeill spielt den jungen König als erschöpften Pyrrhus. Vom Töten müde geworden, klingt seine Stimme rauh und immer leicht fragend, so als ob sie nicht genau wüsste, wie Worte nach solchen Taten noch auszusprechen seien. Die Verzweiflung hat ihm eine tiefe Falte in die Stirn gezeichnet. Sein Herz ist ein Trümmerhaufen: „Wie kann ein Gott solche Verbrechen zulassen?“, fragt er seinen Großvater (bewegend: Ery Nzaramba), der, von Pfeilen durchbohrt, auf den Tod wartet. Aber nicht ein einzelner Gott ist schuld am Massaker, sondern das alles bestimmende Schicksal: „Die Erde litt an der Arroganz der Menschen“, sagt der Großvater lächelnd, „der Krieg war nötig.“ Die Katastrophe, der Massenmord ist im „Mahabharata“ nichts Negatives, sondern hat eine dynamische Bedeutung. Nur durch Konflikte bewegt sich die Geschichte weiter, so lautet die verstörende Botschaft. Der Fluss des Lebens braucht frisches Blut, um zu fließen. Sonst bleibt das Wasser unverdünnt stehen, gerät die Weltzeit ins Stocken.

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Trailer
„Battlefield“ von Peter Brook
Video: YouTube/YoungVicLondon

Der blinde, geschlagene König, den Sean O’Callaghan mit einer undurchschaubaren Mischung aus Ruhe und Verzweiflung gibt, weiß um diese Macht des Schicksals. Er lehnt sich nicht auf, versöhnt sich unter der sanften Anleitung seiner Mutter (verführerisch: Carole Karemera) bereitwillig mit dem Neffen, der all seine Söhne gemordet hat, berät ihn sogar und gibt sich den Anschein von Zufriedenheit. In Wahrheit ist ihm jedoch „das Herz trocken geworden“, sehnt er sich nach nichts mehr, als fortzugehen in den Wald, den Körper abzulegen und seinen Geist von ihm zu befreien.

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Der Opulenz des Lebens entsagen

„Battlefield“ – die Arbeit des zweiundneunzigjährigen Regisseurs, die jetzt im Rahmen der Wiener Festwochen gezeigt wird – ist vor allem auch ein Abend über den Abschied. Über Seelenstärke und die Bereitschaft für den Tod, der jetzt kommen mag oder Jahre später, aber in jedem Fall, bevor alle Wünsche erfüllt sind. In allen Körpern sind Keime der Unsterblichkeit angelegt, sagt der Großvater, aber nur bei denen werden sie blühen, die früh schon der Opulenz des Lebens entsagen. Die immer einfacher, bescheidener werden.

Theater als „Puffer gegen die Wirklichkeit“: Peter Brook im August 2015
Theater als „Puffer gegen die Wirklichkeit“: Peter Brook im August 2015 Bild: AFP

Hier trifft sich auf geradezu hermeneutische Weise die metaphysische Praxis des Stücks mit der weltlichen Dramentheorie des Regisseurs: In seinem vor fünfzig Jahren erschienenen Buch „Der leere Raum“ hat Peter Brook das Theater zur Mäßigung aufgerufen, sich gegen das „tödliche, piekfeine Theater“, für eine heilige Kargheit, für ein „unmittelbares Theater“ ausgesprochen, natürliche Wirkung gefordert statt Verfremdung und Ideologie: „Das Theater ist kein Klassenzimmer“, hatte er, gegen Brecht gewandt, geschrieben und einen „Hunger nach dem Unsichtbaren, nach einer Wirklichkeit, tiefer als die vollste Lebensform“, proklamiert. Sein Theater sollte die Vernunft durchbrechen, ein „Puffer gegen die Wirklichkeit“ sein. Dieses Programm war schon 1968 mutig. Heute ist es das noch mehr. Denn wo im Schauspiel sonst fast überall die verständig-kritische Ironie den Takt vorgibt und zu einer Verachtung gegenüber allem Geheimnisvollen führt, wird bei Brook Wirkung gerade durch die ernsthafte Konzentration auf das Wundersame erzielt: Jeder Ausdruck, jede Geste ist hier kostbar und mit Sorgfalt vorbereitet. Nichts von dem einfachen Spiel passiert einfach so. Alles hat eine Haltung, ein höheres Ziel.

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Die Welt im Bauch eines Jungen

Am Ende löst sich die Geschichte dann ganz in Zeichen auf: Während draußen alles zerstört ist, lebt die Welt im Bauch eines Jungen weiter. Hier fließen die Flüsse, hier vermehrt sich das Schöne. Wer ist dieses Zauberkind, das da, in ein rotes Tuch gehüllt, sitzt und so liebreizend lächelt? Die Antwort flüstert es nur seinem Nachbarn ins Ohr, während vorne die Trommel laut schlägt. Ein paar Atemzüge herrscht noch Stille, dann ist das Wunder vorbei und der Raum wieder voller Erklärung.

In seinen Lebenserinnerungen hat Peter Brook das Theater einmal als eine Metapher beschrieben, die dabei hilft, „den Prozess des Lebens deutlicher zu machen“. Hochbetagt ist er, der wie kein Zweiter durch die Zeiten schritt – und schon 1943 sein erstes Theaterstück inszenierte –, in Gefilde vorgedrungen, zu denen sonst niemand Zugang hat: dorthin nämlich, wo das Spiel heilig wird und die Zeichen unseres Schicksals sich im Raum spiegeln, obgleich er alt ist und ganz leer.

Quelle: F.A.Z.
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