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Peter Brook in Recklinghausen

Und lässt kaum eine Spur

Von Simon Strauss
 - 21:43
Wozu strafen, es ist doch Vergangenheit: Die wunderbare Kalieaswari Srinivasan als Tochter in Peter Brooks „The Prisoner“zur Bildergalerie

Ein junger Mann sitzt am Fenster. Sitzt und schaut in die Nacht ohne Wind. Grüßt die Natur, die ihn zum Leiden verdammt hat. Weint leise, zittert und fragt sich, was ihm zu leben bleibt. Wohin noch denken, wenn alles schon ausgedacht ist, hier, auf der gegenüberliegenden Seite des hellerleuchteten Hauses, in dem getanzt wird und gespielt, hier, an dem kleinen Fenster, wo er verkrüppelt sitzt, an den Stuhl gefesselt. Im düstersten Gefängnis. „Und jäh“, so heißt es in Giacomo Leopardis bewegendem Gedicht „Der Abend nach dem Fest“, „und jäh beklemmt es mir das Herz zu denken / wie alles in der Welt vorübergeht / Und lässt kaum eine Spur.“

Ein junger Mann sitzt am Feuer. Den Bannkreis aus Stöcken, Wurzeln und Steinen hat er selbst um sich gezogen. Er ist ein Vatermörder. Aus eifersüchtiger Liebe zur eigenen Schwester hat er den inzestuösen Vater mit einem Stein erschlagen. Jetzt sitzt er in der Wüste und schaut auf ein Gefängnis. Er lebt nicht hinter, sondern vor den Gittern, und doch und gerade deshalb ist er ein Gefangener. Denn „he is facing prison“ – er erwartet die Einkerkerung und hat seitdem keinen freien Gedanken mehr. Die Welt zieht vorbei, während er im Staub sitzt und auf den Tag wartet, an dem sie ihn holen werden. Aber der wird nicht kommen. Das Gefängnis bleibt eine Vorstellung, ein Trugbild der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Seine Strafe wird sein, dass er gewartet hat, zehn Jahre lang, und dabei stets versucht gewesen ist, aufzubrechen und fortzugehen.

Was bleibt von uns?

„The Prisoner“ heißt das neueste Zauberstück von Peter Brook. Es ist wie in Leopardis Gedicht: Das Leben geschieht mit all seiner Gewalttätigkeit und hinterlässt doch keine Spuren. Die Bühne am Ende ist die vom Anfang: mit ein paar Ästen, Spänen und Steinen übersät, ein Sack, ein paar Decken, ein Zinnteller und ein Kanister liegen als Requisiten im leeren Raum. Ansonsten wechselt nur das Licht und einmal hört man Vögel zirpen. Was bleibt von uns mehr als ein wenig Schreien und Flüstern? Als ein bisschen Hell oder Dunkel? Das ist (auch) Brooks Frage.

Ein Häftling drinnen, so erzählt der freundliche Henker bei seiner Pause dem jungen Mann vor den Gefängnistoren, habe am Tag seiner Hinrichtung noch um eine Olive gebeten. Als dann zum letzten Mal die Sonne für ihn aufging, habe er die Olive samt ihrem Kern verschluckt, damit aus seinem toten Körper einst ein Olivenbaum wachsen und er so fortleben werde. So machen es die einen. Die anderen glauben, dass nur der Tod den Menschen aus seinem Gefängnis befreien kann. Weil nämlich die schwersten Ketten nicht aus Stahl gemacht sind, sondern aus Neuronen. Das Dunkel, das uns nachts umfängt, ist nie so schlimm wie das, was kommt, wenn wir die Augen schließen.

Er muss sich wieder „richten“

Der Mann aus dem Dorf (Vasant Selvam), der mit der Axt in der Hand und Tränen in den Augen durchs Unterholz läuft, sich noch einmal umdreht, die Hand zum Abschied hebt, winkt und dann verschwunden ist, er könnte so denken. Fünf Tage lang saß der Vater, ohne zu essen und zu trinken, unter einem magischen Baum, um sich zu reinigen. Der Mörder-Sohn sitzt nun an seiner Stelle. Um sich wieder „zu richten“ (to repair), wie ihm Onkel Ezekiel (Hervé Goffings) befahl, nachdem er ihm mit einem Ast die Oberschenkel durchbohrt hat.

Nur im Vordergrund geht es bei Brooks aus alttestamentarischem Gleichnis, Kafkas „Vor dem Gesetz“ und Ödipus-Sage zusammengeträumtem „Prisoner“ um ein archaisches Verbrechen, um Schuld und Sühne und die alte Mythos-Frage, ob Strafe zu Gerechtigkeit führt oder zum ewigen Chaos: „Zu bestrafen ist unnötig“, fleht die phantastische Kalieaswari Srinivasan als verzweifelte Schwester den verlorenen Bruder (störrisch-wild: Omar Silva) an, „denn alles ist ja Vergangenheit“. Was geschehen ist, lässt sich auch durch die härteste Strafe nicht wieder zur Möglichkeit wenden, die Zukunft muss deshalb ungestraft bleiben, beschwört sie.

Ein Winken, ein Streifen, ein Blick

Doch der Bruder mag davon nichts wissen. Er will unbedingt ein Bestrafter sein. Um jeden Preis durch Leiden lernen. Im Tieferen sucht auch dieser wunderbare Theaterabend wieder nach einer übergeordneten, sprachunabhängigen Ausdrucksform menschlicher Empfindung. Seit 1985, seit der Gründung des Théâtre des Bouffes du Nord in Paris forscht Peter Brook mit seiner Regie-Vertrauten Marie-Hélène Estienne an dem, was das Theater über den Menschen ohne viele Worte und Effekte sagen kann. Wie es die einander fremden Sprachen und Moralismen überwinden und selbst zum bindenden Mittel werden könnte. Ein Winken, ein Streifen über die Schulter, ein kurzes Zudecken – all das sind Bestandteile einer Zeichensprache, die höher ist als jede Vernunft. Denn solche Gesten werden auf der ganzen Welt verstanden als Vorahnung von Abschied und Einsamkeit.

Brooks Theater will sich mit seinem universellen Spiel unabhängig machen von kulturellen Zuschreibungen und zeitlichen „Kontexten“. Wo heute vielerorts Quoten bemüht werden, um einen moralpolitisch korrekten Fortschritt vorzugeben, hat Brook sein Ensemble schon seit einem halben Jahrhundert mit Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt zusammengestellt und Stücke gespielt, die Grundbegriffe menschlicher Kulturen miteinander zu dramatischen Szenenfolgen verbanden.

Dabei war und ist ein entscheidender Unterschied zum symbolsüchtigen Gegenwartstheater, dass bei ihm keiner betroffen über seine eigene Erfahrung redet, sondern im Gegenteil alle gemeinsam auf etwas hinspielen, das die Erzählung über das Individuelle hebt. Brook macht ein humanitäres, kein identitäres Theater.

Nicht länger als eine gute Stunde dauert sein neues Stück, aber man verlässt den Theatersaal in Recklinghausen reicher beschenkt als nach so manch mühsamem Marathonprojekt. Auf so empfindsame Art und Weise erzählt der vierundneunzigjährige Brook, dass einem die Sinne ganz ruhig werden. Wie ein Besucher fühlt man sich in einer Welt, die weise ist und alle Beklemmung löst. Es ist ein Abend, der nicht nur vom „Richten“ erzählt, er richtet auch uns. Im doppelten Sinne.

Quelle: F.A.Z.
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