Opernuraufführung in Berlin

Denn sie hatten sonst keine Herberge

Von Jan Brachmann
30.11.2021
, 14:51
Lachses Schlund hat Gold im Mund: Schiffer (Roman Trekel, links) und Asle (Linard Vrielink, Mitte) beim Juwelier (Siyabonga Maqungo)
Glucksende Koloraturen im knarzenden Haus zum lustigen Lachs: An der Berliner Staatsoper gelangt „Sleepless“ von Péter Eötvös nach Jon Fosse zur sängerisch und szenisch eindrucksvollen Uraufführung.
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Zarte Musik für eine harte Welt: erlesen perlende Harfentropfen, fischschuppig schillernde Flöten- und Klarinettenakkorde, warmer Hörnerglanz wie von flüchtigen Sonnenflecken auf dem Küstensaum unter zerzupften Kaltfrontwolken des Nordatlantiks, dazu ein fein gewirktes Gespinst der Streicher, manchmal knapp dreißigfach in Einzellinien unterteilt, aber in jeder Szene durch den Bezug zu einem wichtigen Zentralton gestützt; nicht einmal der Tod haut hier – wie noch bei Giuseppe Verdi – auf die große Trommel; er klöppelt knochentrocken, aber immer noch zart, auf der Marimba, bevor er sich wieder einen holt oder holen lässt durch Asle, den jungen zornigen Mann aus dem Dorf Dylgja.

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Péter Eötvös hat sich, wie er selbst sagt, in seiner neuen Oper „Sleepless“ nach Jon Fosses „Trilogie“ sehr um eine norwegische Färbung seiner Musik bemüht: Er beginnt schon mit einem norwegischen Wiegenlied, das die junge Alida, die ein Kind von Asle erwartet, singt. Und Eötvös greift auch auf die bäuerliche Hardangergeige zurück, die schon Ole Bull und Edvard Grieg inspiriert hatte, wenn er Asle in Vorfreude auf einen Sohn Halling tanzen lässt. „Sleepless“ ist also zeitgenössisches Musiktheater, in dem Kolorit wieder etwas zählt.

Resonanzraum aus Prophetie, Traum und Zeugenschaft

Überhaupt bewegt sich dieses Stück, zu dem Matthias Schulz, der Intendant der Staatsoper Unter den Linden in Berlin, den Anstoß gab, zurück zur Tradition: Es ist narratives und es ist dekorativ-illustratives Musiktheater. Nach all den Installationen, bühnenuntauglichen Hörspielen, ausziselierten Orchesterliedern, lyrischen Monologen und postdramatischen Textcollagen mit Musikunterlegung der letzten Jahre erzählt „Sleepless“ zu dem Libretto von Eötvös’ Frau Mari Mezei klar und fesselnd eine Geschichte: von Asle und Alida, dem Paar aus einem norwegischen Fischerdorf, das noch zu jung ist, um heiraten zu dürfen; das aber schon ein Kind erwartet und wie einst Joseph und Maria keine Herberge findet; das von der Herzlosigkeit der Mitmenschen in die Verzweiflung getrieben und zu Verbrechern gemacht wird.

Tomas Tomasson als Man in Black und Linard Vrielink als Asle
Tomas Tomasson als Man in Black und Linard Vrielink als Asle Bild: Imago

Ein wenig zu linear, zu plan gerät Mezei ihre Transformation von Fosses Vorlage. Man glaubt, ein Drehbuch zu einem sozialkritischen Film von Mike Leigh oder Ken Loach vor sich zu haben. Was den Reiz von Fosses Epik und Dramatik ausmacht – der unklare Wirklichkeitsakzent nämlich, das Schweben zwischen innerem Monolog und äußerer Handlung, das Gespräch mit dem Jenseits –, das geht hier verloren und muss daher wieder eingefangen werden: durch Gesänge zweier weiblicher Vokalterzette, die einen Resonanzraum aus Prophetie, Traum und Zeugenschaft um die Hauptfigur Alida bauen, aus der eigentlichen Handlung heraustreten und das Ganze zu einer „Opernballade“ machen.

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Ein Totemtier, in dem, von dem, unter dem gelebt werden muss

Die Staatsoper in Berlin, die „Sleep­less“ gemeinsam mit dem Grand Théâtre de Genève in Auftrag gegeben hat, zeigt nun – solange es die pandemische Lage von gerade abgeschaffter, aber nicht zu leugnender nationaler Tragweite zulässt – die Uraufführungsinszenierung des Stücks durch den ungarischen Regisseur Kornél Mundruczó. Er tritt mit der Regie hinter die Fabel zurück, dient ihr, deutet Spannung und Überforderung auch zwischen Asle und Alida an, stilisiert klug die Passagen längerer Wanderschaft durch Laufbänder an der Rampe und schreckt vor szenischer Verdopplung der dramatischen Höhepunkte – Asle wird von den Fischern gehenkt, Alida ertränkt sich als alte Frau im Meer – sensibel zurück.

Vor allem aber lebt die Inszenierung vom großartigen Bühnenbild und den Kostümen der lettischen Künstlerin Monika Pomale. Sie legt einen in sich eingekurvten monumentalen Lachs auf die Bühne, der in seinem Inneren mal die Wohnung von Alidas Mutter, mal die Küche der alten Frau, mal eine Fischerkneipe beherbergt, von außen durch die Kiemendeckel als Tür erreichbar. Dieser Lachs, der sogar seine Augenfarbe ändern kann, ist einerseits hyperrealistisch, andererseits völlig surreal: ein Totemtier, in dem, von dem, unter dem gelebt werden muss. Hinzu kommt – mit dem Kater der Prostituierten, den sie sich in einer Szene von der Straßenlaterne im Wortsinne runterholt, mit den drolligen Möwen auf dem Rücken des Lachses und mit den kindlichen Schäfchenwolken – ein gutmütiger Humor, der den Wirklichkeitsverlust zu genießen scheint.

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Quellklare Lyrik und lustglucksende Koloraturen

Die Sängerbesetzung wartet mit großartigen Darstellern auf: Katharina Kammerloher spielt die Mutter, eine Vertreterin des Couch-Potato-Prekariats mit der gleichen komödiantischen Hingabe wie die schnippische Hebamme. Hanna Schwarz erntet sofort Lacher, wenn sie als alte Frau die Kiementür öffnet und mit einem hexenartig knarzenden „Yes“ die Szene betritt. Roman Trekel verströmt als Schiffer Kälte und Zwielicht eines Tunichtguts. Und Arttu Kataja stellt seinen alten Asleik auch stimmlich auf die Bühne wie ein wettergegerbtes Stück Kantholz.

Ganz ausgezeichnet fängt Linard Vrielink mit seinem Tenor die Spannung zwischen Aggression gegen die Außenwelt und glühender Liebe zu Alida bei Asle ein. Victoria Randem singt diese Alida mit inniger, quellklarer Lyrik und ausdrucksstarkem Spiel. Neben dem Gesang der Vokalterzette und den lustglucksenden Koloraturen der Hafendirne, die Sarah Defrise mit hörbarem Spaß und Könnerschaft meistert, ist Randems Gesang das stärkste Argument dafür, dass „Sleepless“ sich von dem Drama – das in einer szenischen Lesung schon 2018 bei den Internationalen Festspielen in Bergen vorgestellt worden war – in eine Oper verwandeln musste.

Péter Eötvös leitet als Dirigent der Staatskapelle Berlin die Uraufführung selbst, gibt seiner Musik, die mit ihren Schichtungen aus übermäßigen wie verminderten Dreiklängen harmonisch ­zwischen Mussorgski, Holst und Ravel schwebt, aber auch glitzern und funkeln kann wie bei Strauss, Bartók oder Korngold, eine kühle Eleganz. Wenn die zweite Opernadaption dieses Stoffes durch Bent Sørensen vorliegen wird (sie ist gerade in Arbeit), wird man vermutlich eine schmerzlich-melancholische, dem Abbildhaften und Benennbaren stärker entrückte Lesart dieser Geschichte zu hören bekommen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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