Pfingstfestspiele Salzburg

Diese Frau weiß, was sie tut

Von Jan Brachmann, Salzburg
25.05.2021
, 21:17
Vergnügen trifft Schönheit: Cecilia Bartoli (links) und Mélissa Petit in „Il trionfo del tempo e del disinganno“
Kunst ist Verwandlung und Anverwandlung. Cecilia Bartoli verteidigt diesen Zauber und diese Freiheit der Kunst bei den Pfingstfestspielen in Salzburg gegen die Zumutungen der Identitätspolitik.
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Die Pfingstfestspiele in Salzburg sind dank Cecilia Bartoli ein Leuchtturm freien Geistes und wehrhafter Anmut gegen die Versuche politischer Verzwergung von Kunst geworden. Damit ist nicht gemeint, dass sie inmitten der Pandemie stattfinden, sondern das, was sie leisten: Vergegenwärtigung von Sinn ohne plakative Aktualisierung, Verwandlung von Existenz über identitäre Sperrgitter hinweg, Stärkung von Überlieferung statt deren Denunziation.

Natürlich ist es ein Glück, dass sie ein Publikum vor Ort haben dürfen. Dafür nimmt man in Kauf, sich alle zwei Tage testen zu lassen, um das jeweils frische Negativ-Ergebnis zusammen mit Personalausweis und Eintrittskarte vorzuzeigen. Aber dann: Endlich wieder die Freiheit des ungelenkten Blicks! Dem Diktat der Streaming-Kameras entronnen, kann er auf dem Gesicht von Mélissa Petit verweilen, um zu studieren, welche Spuren der Verstörung darin zu lesen sind. Sie spielt die „Schönheit“ in Georg Friedrich Händels Oratorium „Il trionfo del tempo e del disinganno“. Ihr irrer Blick, die zerzausten Haare, die hängenden Schultern, nackt dem Unterkleid entragend, sind es, worauf es ankommt, während Cecilia Bartoli singt.

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Gewiss ist Bartoli, auf frech frisiert mit kurzen Haaren im Hosenanzug aus erdbeerfarbenem Samt (von Gideon Davey entworfen), die telegenere Erscheinung. Sie zeigt auch großen Mut, mit peitschendem Mezzosopran auf die wehrlose Schönheit einzudreschen und sich damit zur unsympathischsten Figur der Szene zu machen. Als „Vergnügen“ tritt sie auf wie die Managerin einer PR-Agentur, eine erbarmungslose Zuhälterin medialer Präsenz, für die „Schönheit“ nur Material ist. Doch während man das ohnehin hört, muss man hingegen anderes sehen: das, was Bartolis Stimme im Gesicht von Mélissa Petit anrichtet.

Von vokaler Berührung gestreift

Endlich wieder Klang im Raum! Lawrence Zazzo als „disinganno“ – zu Deutsch „Enttäuschung“ oder „Weisheit“ – und Charles Workman als „Zeit“ ziehen links und rechts am Publikum im Parkett vorbei und singen ihr fahles, entrücktes Duett über Vergänglichkeit. In ihrem Gang wird das Vergehen zum Gestreiftwerden durch körperlich-vokale Berührung. Und endlich wieder ein Miteinander im Saal! In gespannter Stille hört man das Schlucken der Nachbarn, deren Münder trocken und deren Augen feucht sind, weil auf der Bühne, getragen vom Streicherhauch der Musiciens du Prince-Monaco unter der Leitung von Gianluca Capuano, die grausame Megäre des Vergnügens sich wandelt in eine weise Frau von siedender Zärtlichkeit. In weltunglücklichstes Dur versunken, von schmerzschreiendem Pianissimo zum Schweigen gebracht, lauschen wir alle der Arie „Lascia la spina, cogli la rosa“, gesungen von einer der größten Sängerinnen, die da ist, die da war und die da sein wird: Cecilia Bartoli.

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Man kann es eigennützig nennen, dass die künstlerische Leiterin der Pfingstfestspiele die Inszenierung dieses Oratoriums durch Robert Carsen um diesen unwiderstehlichen show stopper herum hat bauen lassen – nur muss man dann auch so singen können, dass die Show tatsächlich stoppt. Das kann sie, wahrlich, das kann sie! Carsen hat die Geschichte nach dem klug durchdachten, keineswegs nur lustfeindlichen Libretto des Kardinals Benedetto Pamphili sinnfällig erzählt als Lebenskrise einer jungen Frau, die bei „The World’s Next Top Model“ gewonnen hat und allmählich mit ihrem Altern konfrontiert wird. Am Ende stehen Entsagung und Desillusionierung: die kahle Bühne in technischer Kälte. Dass man das Stück auch anders sehen kann, als Weg von stets neuer Befriedigung zur Zufriedenheit, vom Sensationswechsel zur liebevollen Bindung an den einen Menschen, mit dem zusammen man alt werden kann, hatte vor zwei Jahren Ted Huffman an der Oper Kopenhagen bewiesen. Beide Inszenierungen zeigen, wie viel Gegenwart in diesem dreihundert Jahre alten Unbehagen am „endlosen Spaß“ steckt.

Psychologie in Mozarts „Titus“

Händel hat das Oratorium als Einundzwanzigjähriger in Rom geschrieben, als dort die Oper durch den Papst verboten war. „Roma Aeterna“, ihrer Heimat, hat Bartoli diese Festspiele gewidmet. Und in die ewige Stadt der Kaiser führt dann Wolfgang Amadé Mozarts „Clemenza di Tito“. Deutungen dieser Oper ohne echte Flüchtlinge auf der Bühne oder gar Kopftuchfrauen, die „Christe eleison“ singen, sind ja inzwischen rar geworden. In dieser konzertanten Aufführung, befreit von den Ablenkungen, mit denen denkfaule Regisseure durch die gewissenlose Ausbeutung des Leids realer Menschen ihre schlaffe Kunst mit Relevanz aufzupumpen suchen, hört man endlich die Psychologie in Mozarts Musik, die in diesem Stück unterschwelliger ist als in seinen früheren Werken; man ahnt ein neues, ernstes Interesse an Tugend, nicht nur am Eros, vielleicht sogar an einer Tugendfähigkeit des Eros, was schon auf Beethovens Ideal der „Gattenliebe“ im „Fidelio“ vorausweisen würde.

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Man ahnt, dank der leuchtenden Lea Desandre, dass Annio mit seiner gläubigen Zuversicht das spirituelle Zentrum dieser Oper sein könnte. Und man bestaunt Anna Prohaska, die als Vitellia ihre Stimme zu neuer Größe ausgebaut hat und der Figur mehr abzugewinnen weiß als nur das intrigante Luder.

Als Überraschung hat Cecilia Bartoli kurzfristig ihr inszeniertes Konzert zur Kunst der Kastraten wiederaufgenommen, bei dem sie sich auf der Bühne ständig umzieht, schminkt, frisiert, zum Mann, zur Frau, zur Ägypterin, zum Europäer, zum Vogel wird. Wenn sie dann bei der Zugabe in George Gershwins „Summertime“ gleitet und damit zu „Porgy and Bess“, einem Stück, von dem jetzt gefordert wird, dass es nur noch Schwarze singen sollen, dann kann man nur sagen: Cecilia Bartoli weiß, was sie tut. Sie steht mit klarem Bewusstsein auf der Höhe der Zeit. Verwandlung und Anverwandlung, die Fähigkeit, ein anderer zu werden, sind Merkmale jeder Ritualkultur indigener Völker. „Wie ein Vogel werden“, daran hat der Musiksoziologe Christian Kaden immer wieder erinnert, lautet das Wort der Kaluli auf Neuguinea für „Musik“.

Das Theater, besonders das barocke, hat sich viel davon bewahrt. „Wenn man sagt, Weiße dürfen nur noch Weiße spielen, Schwule etwa nur Schwule, Alte etwa nur Alte, dann ist das etwas, was das Theater kaputt macht. Kulturelle Aneignung über Hautfarben und ethnische Grenzen hinweg muss möglich sein. Das ist ein Wesensmerkmal von Kultur“, sagte Wolfgang Thierse, der mit Christian Kaden gemeinsam am „Historischen Wörterbuch ästhetischer Grundbegriffe“ gearbeitet hatte, am 25. Februar im Deutschlandfunk. Cecilia Bartoli bietet dieser neuen Kunstfeindschaft lächelnd die Stirn.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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