<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Porträt Susanne Kennedy

Hier ist endlich Ende und absoluter Anfang

Von Lili Hering
 - 08:30
Regiekünstlerin: Susanne Kennedy

Funktionskleidung schützt vorm Sterben nicht, aber vielleicht macht sie es bequemer. In Susanne Kennedys Welten voller glatt polierter Oberflächen, bietet sie den nötigen Halt, um in ihnen ein Dasein zu fristen: In der maximalen Künstlichkeit ihres neuesten Stücks „Ultraworld“, aktuell zu sehen an der Berliner Volksbühne, tragen die Protagonisten in Kostümen von Lotte Goos Sneaker oder Plateausandalen, Heat-Tech-Shirts oder Tropenanzüge mit Kopftüchern. Die Oberflächen, auf denen sie agieren, sind projizierte Animationen: mal digital-gekachelte Wände, mal ein Antikenpalast aus Pixeln, ein Wald oder eine Wüste. Immer sind es eigenartige Menschen, die in Kennedys Stücken umherwandeln: Sie tragen Masken, sprechen ihre Texte im Playback, ihre Gestik und Mimik wirkt wie die eines fehleranfälligen Androiden.

Während die Bühnenräume ihrer letzten Produktionen aussahen wie Werbekampagnen, die sich Nike oder Uniqlo noch nicht ausgedacht haben, bedienten sie zuvor eine andere Ästhetik. In „Fegefeuer in Ingolstadt“ von Marieluise Fleißer, Kennedys erster Inszenierung im deutschsprachigen Raum 2013 an den Münchner Kammerspielen, zeigte sie Szenen der alltäglichen Kleinbürgerlichkeit in einem sterilen Raum. „Warum läuft Herr R. Amok?“, eine Übermalung des Fassbinder Films 2014, spielte in einer ähnlichen, scheinbar banalen Räumlichkeit: Holzvertäfelung, ein Büro oder Wartezimmer mit lebloser Topfpflanze in der Ecke. Lebendiger wirkten auch die Menschen, die ihn bevölkern, nicht: Hier trugen sie Silikonmasken über den Gesichtern und intonierten fremdeingesprochenen Text.

Für beide Stücke gab es aufeinanderfolgende Einladungen zum Berliner Theatertreffen. Susanne Kennedy etablierte sich schnell als eine der spannendsten neuen Stimmen im deutschsprachigen Theaterkosmos und wurde zur Nachwuchsregisseurin des Jahres gewählt. Zuvor hatte sie Regie an der Hoogeschool voor de Kunsten in Amsterdam studiert und an niederländischen Bühnen inszeniert, bis sie von Johan Simons an die Münchner Kammerspiele eingeladen wurde. 2017 wurde sie Teil des künstlerischen Teams unter Chris Dercon an der Berliner Volksbühne und inszeniert dort auch nach dem Intendantenwechsel weiter regelmäßig.

Was bleibt vom Theater übrig, wenn es seiner Essenz beraubt wird? Das ist die Frage, die Kennedys Arbeiten für viele stellen. Genauso könnte es aber auch heißen: Was entsteht im Theater, wenn es seiner Essenz beraubt wird? Ohne dramatischen Text, ohne echte Stimmen, ohne Mimik und Identifikation baut Kennedy ihre Abende auf, basierend auf einer medialen Selbstverständlichkeit: Audio und Video sind bei ihr keine Spielereien, sondern essentielle Zutaten des Geschehens. Sie wolle totales Theater, bekannte die Regisseurin einmal in einem Interview, aber nicht so wie Erwin Piscator es meine, der einen alles vereinnahmenden Raum erdachte, sondern eher wie Antonin Artaud. Die mit ihrem Partner Markus Selg realisierten Arbeiten wollen mit einem überbordenden Stil psychedelische Muster beschwören und sind gekennzeichnet von dem unbedingten Willen, dem Dekor schamanische Kulturgeschichte einzuschreiben durch Runen, Totems, Elemente von Riten. Mit Selg entstanden Arbeiten, die die Trennung zwischen Bühne und Publikum aufheben: „Medea.Matrix“ führte die Zuschauer bei der Ruhrtriennale in einer Prozession durch die Bühneninstallation. „Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll“, hieß es in der neo-esoterischen Ritual-Performance.

Bildende Kunst ist Mitbewohnerin in Kennedys Werk

Die Collage, die Einflüsse, Texte und Bildschirme durcheinanderwirbelte, wurde von der Kritik als beliebig abgetan. Auch in „Coming Society“, 2019 an der Berliner Volksbühne aufgeführt, wurde das Publikum aufgefordert, als Avatar die Drehbühne selbst zu betreten. Die Arbeit wirkte wie die etwas unausgereifte Einladung, einer Sekte beizutreten, deren Existenzgrund nicht ganz auszumachen war. Im Jahr zuvor hatte „Women in Trouble“ ein konsistenteres Bild des hypermodernen Menschen entworfen: Mit der Figur der Schauspielerin Angelina Dreem und ihrer verschiedenen Klone zeichnete Kennedy ein Sittenbild des Sexismus und gleichzeitig eine cyberfeministische Utopie. „Orfeo – Eine Sterbeübung“, 2015 unter anderem im Berliner Gropius Bau zu sehen, war hingegen als ungemein eindrucksvoller Parcour durch die letzten Dinge gestaltet, bei dem man urplötzlich allein mit einem Opernsänger in einem sterilen Raum stand und eine Arie ins Gesicht gesungen bekam.

Die Bildende Kunst ist immer Nachbarin, mehr noch Mitbewohnerin in Kennedys Werk. Jedes Stück wird gestützt von beeindruckender Videokunst und einem Soundtrack, deren Inspiration die digitale Welt zu sein scheint. Das Spiel mit dem, was das Internet an Inhalten, Ästhetiken, Formsprachen und Oberflächlichkeiten zu bieten hat, beherrscht Kennedy perfekt. Wo ihre Charaktere in „Women in Trouble“ allzu abgeklärt wirkten, proben sie in „Ultraworld“ jetzt das reale Dasein: Manches wirkt noch wie ein Glitch in der Matrix. Susanne Kennedy schenkt ihrem hypermodernen Menschen, den sie seit einigen Jahren inszeniert, oder besser seziert, seine Entstehungsgeschichte: Woher kommt der digitale Mensch? Wird er geboren, gegründet oder programmiert? Geht es nach der erzählenden Regiekünstlerin („God is a woman!“), dauert auch die Entstehung seiner Welt sieben ganze Tage und es kommen Apfel und Schlange vor. Allerdings heißt der erste Mensch bei Kennedy Frank und trägt ein neongelbes Shirt.

Frank (gespielt vom sehr feinfühligen Frank Willens) ist die etwas dümmliche Entsprechung des Menschen auf Erden in einer Simulation: der Einzige, der das Skript nicht kennt. Seine allwissenden Gegenparts nehmen die Geschichte selbst auf die Schippe: Malick Bauer tritt mit der Frage „Any context here?“ auf. Die Sonne hat in „Ultraworld“ die Erde an sich gerissen, es fehlt an Wasser und Frank ist mitten in diesem Schreckensszenario der Zukunft – oder doch im Computerspiel? – gelandet. Dort heißen die Menschen wie Witze (April 1 und April 2), der Tod lauert überall und der Feuerball lacht zynisch. Soeben ist die Welt entstanden, und schon ist sie am Ende. Oder geht sie gerade erst los? Ob das Leben Spiel, Simulation oder nie endenwollender Loop ist - bei Kennedy ist das Ende immer der Anfang, Geschichten bewegen sich kreisförmig: „The only way out is in“, heißt es in „Ultraworld“.

Das Spiel mit der ausgestellten Bedeutungslosigkeit ist Kennedys Spitzendisziplin: So sind die Münchner „Drei Schwestern“ in ihrer Version ewig Wartende auf ein „unvorstellbar schönes“ Leben auf der Erde, das, so die Stimme aus dem Off, in zwei- bis dreihundert Jahren eintreffen werde. Der hell erleuchtete Guckkasten wird dabei von Leuchtschrift umkreist: Mal steht da „Reality“, mal „Simulation of a simulation of a simulation“ und so weiter. Die Frage danach, was real und was virtuell sei, möchte sich wiederum aufdrängen, dabei steht die Antwort über allem: Es ist egal.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenVolksbühne BerlinNIKEUniqloBerliner TheatertreffenChris Dercon

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.