Inszenierung von René Pollesch

Fakten machen nicht froh, Fiktionen schon eher

Von Irene Bazinger
04.07.2022
, 11:36
Immer schön locker in der Hüfte bleiben: Wenn Erdenbewohner und Außerirdische einander näherkommen, geht es zur Sache.
Völlig losgelöst: René Pollesch inszeniert am Deutschen Theater Berlin „Liebe, einfach außerirdisch“. Das ist bestes Theater, das kunstvoll die Frage aufwirft, was Sein ist und was Schein.
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Wenn in einem Theater auf der Bühne eine Rakete steht, weiß man, dass die Figuren ganz hoch hinauswollen. Oder dass sie von sehr weit her kommen. In „Liebe, einfach außerirdisch“, dem neuen Stück von René Pollesch, dessen Uraufführung er jetzt selbst am Deutschen Theater Berlin inszenierte, überschneiden sich beide potentiellen Handlungsstränge definitiv in ebendiesem Flugkörper: Mensch und Alien treffen zusammen und wissen nicht, wie ihnen geschieht.

Im Bühnenbild von Barbara Steiner ist die Rakete ein wackeliger Tower aus Holz mit Fensteröffnungen, gezackten Lichtblitzen außen und einer Wendeltreppe innen. Am Anfang lehnen Sophie Rois als High-Commander Nina und Trystan Pütter als Dr. Steve Albright hoch oben auf einer Plattform, rauchen und überlegen, wie dieser Augenblick wohl auf andere wirkt. „Alles deutet darauf hin, dass wir Sex hatten“, meint sie, doch er widerspricht: „Wir kommen bloß auf einen Turm und rauchen eine Zigarette.“

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Erste Lacher: War das witzig?

Erste Lacher im Publikum über die komische Szene und über das eigene Urteilsvermögen. Denn natürlich sind beide Interpretationen plausibel, und natürlich folgen wir den Protagonisten in die eine wie in die andere Richtung. So entfaltet sich das Stück als ein Spiel mit den Möglichkeiten, wie die Welt zu lesen ist. Es ist im besten Sinne Theater, weil es nimmermüde und kunstvoll alert die Frage aufwirft, was Sein ist und was Schein. Im Normalfall ist der Mensch, wie René Pollesch auf amüsante wie intelligente Weise zeigt, nicht fähig und nicht willens, die Realität ohne Weichzeichner zu betrachten. Deshalb machen Fakten nicht froh, Fiktionen schon eher. Die Phantasie dient als „phantasmatischer Schirm“, um den Blick auf die Tatsachen abzumildern, wie es der von Pollesch zitierte Slavoj Žižek formuliert hat. Ausgelöst wird die hinreißend zelebrierte Adaption dieses Diskurses durch zwei Außerirdische, nämlich durch die Nina der Sophie Rois und durch Frau Knoop, eigentlich ein intergalaktischer Informationsoffizier und reinkarniert als Albrights Putzkraft, dargestellt von Kotbong Yang.

Hier werden Sahnetorten nicht geworfen, sie werden weggeschlabbert: Sophie Rois und Trystan Puetter.
Hier werden Sahnetorten nicht geworfen, sie werden weggeschlabbert: Sophie Rois und Trystan Puetter. Bild: Marcus Lieberenz/Bildbühne

Um ihren Planeten zu beschützen, brauchen die beiden Aufklärung über die Zusammensetzung eines Radarstrahls, mit dem der Astroforscher Albright dessen Schutzhülle zu durchdringen droht. Oder so ähnlich. Jedenfalls sind die Frauen eher dürftig auf ihre Spionagemission vorbereitet, sie haben bloß einen Reiseführer im Taschenformat mit. Frau Knoop rät ihrer Kollegin allerdings mehrfach davon ab, Albright auf eine Tasse Kaffee einzuladen, denn das würde bedeuten, sie wolle mit ihm ins Bett.

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Ungeachtet dessen tut diese es dennoch sofort. Er antwortet, dass er gar keinen Kaffee mag, und Nina sagt, dass sie ohnedies keinen habe. Als er sie trotzdem küssen will, fährt eine Leinwand herab, auf die diverse Kussszenen aus Filmen und dem Tierreich projiziert werden. Die imitiert Nina nun putzmunter, da sie als Alien weder Küsse noch Sex kennt, worauf er sich endgültig in sie verliebt. Es wird immer tollkühner und immer launiger, angefeuert von leicht heiteren Popsongs im Stil von „Hey Ho Let’s go“.

Die Drei von der Talkstelle

Die drei von der theorieselig aufgekratzten Talkstelle schrauben die Absurditäten euphorisch höher, weiter, schöner. Mal redet Nina direkt „die Wesen im zweiten Rang“ an, die nicht alles sehen können, sie „werden von ihrem Über-Ich scheinbar mit unmöglichen Forderungen nach Genuss bombardiert, und das Über-Ich beobachtet dann schadenfroh ihr Scheitern“. Später holt Albright Sahnetörtchen und genießt sie mit ihr, was freilich nicht sehr manierlich abläuft. Kotbong Yang wischt als Putzfrau die Treppen und rennt auch mal, als wären es Sneakers, begeistert in Stöckelschuhen herum, die es daheim in ihrer fernen Galaxie nicht gibt.

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Ob auf Ohnsorg-Theater-Platt oder im Science-Fiction-Kauderwelsch, die Fremden finden Geschmack an der Erde, der Erdenmann ist ebenfalls angetan, ohne aber die Zusammenhänge zu begreifen. Als er endlich Sex mit Nina hat, wird ein kleiner Film eingeblendet, in dem sie ihn erwartungsvoll in den Kissen erwartet, während er alle Klischees vom kerligen Bauarbeiter mit dem schweren Hammer persifliert. Sie ist zufrieden, schließlich hat sie sich nur schnell mit ein paar billigen Pornos über die menschliche Sexualität informieren können. Zwischendrin wird gesungen und getanzt, die Drehbühne rotiert, die Begriffe blühen auf, das Chaos moussiert. Beim kollektiven Debattieren über Lug und Trug, Gefühle und Triebe wird sogar noch ein Sonnenschirm aufgespannt, vielleicht gegen die Hitze, vielleicht gegen die Zumutungen der Realität, vielleicht um „das Traumatische aus dem Sexualakt“ zu filtern oder vielleicht gegen die „Furien des Verschwindens“, wie Hans Magnus Enzensberger einst Hegel paraphrasierte. „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen“, heißt das bei Nietzsche.

René Pollesch erweist sich wieder einmal als praktischer Meister der angewandten Theorien, der aus allem, was Herz und Hirn hat, mitreißend gescheites Theater zaubern kann. Smart eingekleidet von Tabea Braun und blendend eingestimmt vom Esprit des Textes bringen Kotbong Yang im schicken Business-Kostüm, Trystan Pütter meist im bunten kurzhosigen Urlaubslook sowie Sophie Rois im roten Paillettenfummel und in ihrer künstlerischen Extraklasse die Gedankenballons zum Aufsteigen und die emotionalen Codes zum Ausflippen. Dieses witzig-geistreiche Trio infernal will uns mit auf einen grandiosen Ausflug hinaus in den Weltraum nehmen – und lässt uns dabei trotzdem lachend im Theatersessel bleiben. Und klatschen vor Glück.

Quelle: F.A.Z.
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