Uraufführung in München

Die Einsamkeit der Langstreckensäufer

Von Hannes Hintermeier
21.09.2021
, 20:50
Möglichst viel reden, um die innere Leere zu übertönen: In  Simon Stones Tankstelle am Stadtrand Münchens tummeln sich jede Menge Auslaufmodelle der Gegenwart. Szene aus „Unsere  Zeit“
Sind unserer Gesellschaft Glaube, Liebe, Hoffnung abhanden gekommen? Simon Stone eröffnet mit „Unsere Zeit“ die Spielzeit am Münchner Residenztheater.

Wenn das fossile Zeitalter zu Ende geht, werden dann Tankstellen noch das Gleiche sein wie heute? Nahversorger, die das ganze Jahr über Tag und Nacht geöffnet haben, Benzin, Ladestation, Zigaretten, Kaffee, Snacks, Backwaren, Lebensmittel, Zeitschriften, Waschraum, Toiletten. Oder ist auch die Tankstelle bald ein Relikt aus der guten alten Zeit? Das dürfte einer der Gründe gewesen sein, warum der australische Dramatiker und Regisseur Simon Stone sein neues Stück „Unsere Zeit“ dort angesiedelt hat.

Blanca Añón hat ihm dafür im Münchner Residenztheater den perfekten Glaskasten gebaut. Vertraut bis den letzten Winkel, birgt „E-tanken“ einen Supermarkt, eine Paketabholstation, ein Stehcafé. Zwei Monitore zeigen den Zuschauern das Geschehen aus dem Blickwinkel von Überwachungskameras, obendrein dreht sich diese Anlaufstelle für verlorene Seelen um die eigene Achse, auch die hässliche Rückseite mit Abfalltonnen und Toiletten kommt ins Spiel, nicht nur die Schauseite mit Schnittblumen, Stehtisch und Kasse. Unverblümt zoomt die Kamera auf die bunte Warenwelt und überträgt Großaufnahmen von Chipstüten und Eisbechern, die Bilder sollen als ironische Brechung zum Bühnengeschehen gelesen werden. Am Kühlschrank entscheiden sich wichtige Glaubensfragen – trinkst du Augustiner oder Tegernseer? In jedem Fall trinken so gut wie alle Kunden viel zu viel, und geraucht wird ohne Unterlass. Auch das etwas, was in den guten alten Zeiten an Tankstellen weniger gern gesehen war.

Der Zuhälter und seine Escortlady

Simon Stone hat sich „frei nach Motiven Ödön von Horváths“ an die „theatrale Analyse unserer Gegenwart gemacht, so weit der Programmzettel: Fünfzehn Personen, die meisten irgendwo zwischen zwanzig und vierzig, Kinder unserer Gegenwart, suchen einen Halt im Leben und sind dafür bereit, sich selbst zu verkaufen. Das Stück folgt diesen Aufstiegs- und Fallgeschichten vom letzten Augusttag des Jahres 2015 bis in den Frühherbst 2021. Also von Kanzlerin Merkels „Wir schaffen das!“-Diktum bis zum Long-Covid-Gefühl dieser Tage. Inkludiert sind alle Debatten der vergangenen Jahre, Rassismus, MeToo, weiße alte Männer, Kolonialismus, Flüchtlingswelle, Gesundheitsdiktatur, Afghanistan.

In Stones Tankstelle treffen Menschen verschiedener Herkunft, Hautfarbe und sozialen Status aufeinander, nur dass sie sich hier untereinander in Beziehung setzen oder bereits stehen. Der Münchner Strizzi Konrad (Simon Zagermann), der die Tankstelle leitet, kann die Augen und bald auch die Hände nicht von der neuen Aushilfe Ulli (Antonia Münchow) lassen. Immer einen flotten Anmachspruch auf den Lippen, hat er doch so viel Herz, den illegalen Kurden Hawal (Delschad Numan Khorschid) bei sich aufzunehmen. Weniger gnädig ist er dem verwirrten Propheten Massimo (Nicola Mastroberardino) gegenüber, den ein Schicksal an diesen Ort fesselt – der Tod seiner Tochter in der Waschstraße gleich nebenan. Der Kriminaler Stanislaw (Oliver Stokowski) trifft hier im Nebenberuf als Zuhälter die Escortlady Julia (Liliane Amuat), um seine Provision zu kassieren.

Die Klagen der alten weißen Männer

Weiter bevölkern den Mikrokosmos der dunkelhäutige Peter (Benito Bause), angehender Softwareingenieur mit Start-up-Idee; der koksende Fußballmanager Felix (Florian Jahr); die kreuzunglückliche Sozialarbeiterin Ruth (Barbara Horvath), der von seiner Wut zerfressene Paketbote Martin (Max Rothbart), der schwule Lkw-Fahrer Eric (Thiemo Strutzenberger). Ehekräche, Trennungen und Versöhnungen begehen hier Georg, ein erfolgloser Bauunternehmer (Michael Wächter) und seine Frau Elisabeth, eine millionenschwere Erbin (Franziska Hackl). Weil deren Tochter im Krankenhaus auf eine Spenderniere wartet, kommt die Friseurin Sophie (Massiamy Diaby) ins Spiel, der Elisabeth einen illegalen Organhandel anbietet. Sophie wird im Fortgang des Abends die Geliebte der Prostituierten Julia, sie teilt aufgrund ihrer afrikanischen Abstammung die Diskriminierungserfahrung Theas (Yodit Tarikwa), der aus Ruanda stammenden Adoptivschwester Elisabeths, die für das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen UNHCR arbeitet, ein Verhältnis mit ihrem Schwager Georg beginnt und in der Desillusionierung keine Heimat findet.

Im Glaskasten: Szene aus Simons Stones Uraufführung.
Im Glaskasten: Szene aus Simons Stones Uraufführung. Bild: Birgit Hupfeld

Verstrickungen, soweit das Auge reicht. Mehr Abstiege als Aufstiege, vermeintlich abgehängte Einheimische, nicht ankommende Migranten. Das Zwischenzeugnis, das der Dramatiker in „Unsere Zeit“ ausstellt, lautet im besten Fall „Vorrücken gefährdet“. Martin scheitert mit einem Überfall auf die Tankstelle, nach kurzer Haft kehrt er zurück, um sich zu rächen: Was im Stil einer kabarettistisch grundierten Fernsehserie beginnt, endet in schneekalter Nacht mit einem Überfall auf die Tankstelle mit mehreren Toten. An diesem Punkt hat der Abend freilich längst die Dynamik der beiden ersten Aufzüge mit ihren pointierten Dialogen, Slapstickeinlagen und flüssiger Personenregie eingebüßt, ist zu einer Aneinanderreihung von anklagenden Monologen geworden. Wunden brechen auf, und Hass, etwa gegen die „auserwählten“ Männer, bricht sich Bahn. So schreit die in Beziehungen – ihrer Traumatisierung wegen – scheiternde Ruth den arbeitslosen Tankstellenchef Konrad an: „Jetzt seid ihr für einen kurzen Moment der Geschichte, der so unglaublich kurz ist, dass er eigentlich nur eine Nanosekunde der Menschheitsgeschichte repräsentiert, die, die zu Opfern gemacht werden, obwohl die Tatsache, dass ihr für Jahrtausende der Ungerechtigkeiten zur Rechenschaft gezogen werdet, nur absurderweise so bezeichnet werden kann.“

Stones Ankündigung, im Geiste Horváths Menschen so sprechen zu lassen, wie sie es eben tun, kollidiert immer wieder mit dem bemühten Ton, dessen diese sich befleißigen. Etwa, wenn der frustrierte Paketbote sagt: „Die Welt scheint darauf erpicht zu sein, mich zu ficken.“ Apropos: Das F-Wort hat in Stones Text sowohl in der deutschen wie in der englischen Variante das Sch-Wort abgelöst, es fällt an die hundertmal, und überhaupt wird sehr viel über Sex geredet. Vermutlich nur Maulhurerei, um von der moralischen Bankrotterklärung des Westens abzulenken, der nicht begriffen hat, dass er seinen Deformationen mit Wohlstand allein nicht entkommen wird.

Stone macht überdeutlich, was er dem Publikum an Botschaften mitgeben will. Dessen Intelligenz hätte er dennoch nicht – inklusive zweier Pausen – sechs Stunden auf den Prüfstand stellen müssen. Abgesehen davon, wird es Zeuge einer Theaterparty: Das Ensemble strotzt vor Spielfreude und nutzt seine Chance, die Corona-Zwangspause vergessen zu machen. Anhaltender, dankbarer Beifall.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hintermeier, Hannes (hhm)
Hannes Hintermeier
Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.
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