Castellucci beim Beethovenfest

Wer spricht von Siegen?

Von Patrick Bahners
16.09.2021
, 21:29
Sich des Bedrängten zu erbarmen steht ein Völkchen aus Tänzerinnen parat: Silvio Jagarinec (vorn rechts) im Viktoriabad.
Prometheus im Viktoriabad: Romeo Castelluccis Performanceabend beim Bonner Beethovenfest ist das Gegenstück zu seinem Salzburger „Don Giovanni“.

Warum eine „Pavane für Prometheus“? Schon mit dem Titel des Stücks, das Romeo Castellucci beim Beethovenfest im Bonner Viktoriabad, einem stillgelegten Hallenbad in der Nachbarschaft des Universitätshauptgebäudes, des früheren kurfürstlichen Schlosses, eingerichtet hat, gibt er dem Publikum ein Rätsel auf. Eine Pavane ist ein langsamer Tanz; wegen der ebenso einfachen wie gravitätischen Schrittfolge empfahl er sich für höfisches Personal. Aber schon in vorrevolutionärer Zeit wurde die Pavane, wie das Lexikon Musik in Geschichte und Gegenwart vermerkt, in den Kunstlexika als nahezu ausgestorbene Gattung geführt. Als Reprise des ernsten Klangs einer untergegangenen Epoche interpretiert der Historiker David Starkey in seinem Buch „Music and Monarchy“ die Pavane, die Thomas Tomkins 1647 nach der Hinrichtung von William Laud schrieb, dem Erzbischof von Canterbury, der mit der Restaurierung katholischer Formen im anglikanischen Gottesdienst revolutionären Protest provoziert hatte.

Prometheus indes ist als Fackelträger des Fortschritts im modernen Figuren­gedächtnis verewigt. Zu Beethovens Lebzeiten war der Rebell gegen Zeus der Heros derjenigen, die allen Gottesdienst abschaffen wollten. Soll in der funktionslos gewordenen Leibesübungsanstalt, deren gekachelte Gänge kein Lied mehr vom Angstschweiß der Nichtschwimmer des nahe gelegenen Beethoven-Gymnasiums singen, die hier zum Schwimmunterricht schritten, der personifizierte Fortschritt zu Grabe getragen werden? Aber wäre es nicht pietätlos, den kosmischen Spielverderber mit fürstlichen Ehren zu bestatten, als wären seine Erdentage so knapp bemessen gewesen und so spurlos vorübergegangen wie die der ausgedachten spanischen Infantin, der zu fiktiven Ehren Maurice Ravel seine Pavane für Klavier komponierte?

Der gewisse zündende Funke

Das leere Schwimmbecken ist mit weißem Tuch ausgeschlagen; die 51 zugelassenen Zuschauer stehen am Rand und blicken hinunter. Verhängt und dadurch verschwunden ist das Farbenspiel des Panoramafensters von Gottfried Böhm. Ganz wenige Requisiten bringt Castellucci zum Einsatz; die aufgepflanzten weißen Fahnenstangen könnten von einer Trauerzeremonie der Feudalzeit übrig geblieben sein. In der Mitte des Bassins, dort, wo das Wasser niedriger war und man vielleicht gerade noch stehen konnte, ist ein Katafalk aufgestellt, ebenfalls weiß, wie der gesamte Raum außer der blauen Decke und dem Sprungturm, der die Farbe menschlicher Haut hat. Auf dem Gerüst thront kein Sarg, sondern ein metallisches Monster, das vergrößerte Modell eines Motorradmotors der Marke Kawasaki. Der dingliche Unhold unserer Zeit, zur Ausmusterung bestimmt: der Verbrenner.

Unersetzlich, das Teuerste, wenn auch bloßes Mittel für die Steigerung des Lebens, für gemeinschaftliche Unternehmungen in Freundschaft und Liebe, war er für den Mann, der die hier zur Aufführung gebrachte Tragödie am eigenen Leib erlebt hat. Doch nein, das ist falsch, das ist harmonisierend gesagt. Der bärtige Silvio Jagarinec, dem nach einem Motorradunfall 2018 beide Beine abgenommen werden mussten, erzählt in einem von Claudia Castellucci mit seinen Worten verfassten Monolog von einem Überleben ohne Erleben. Romeo Castellucci geht mit dieser Arbeit über die Repräsentation hinaus oder hinter sie zurück. Wir bewundern die Prothesen, die Silvio Jagarinec trägt, Wunderwerke der Technik, und wir bewundern unendlich viel mehr, dass er langsam wieder laufen gelernt hat. Ein Mensch und ein wahrer Titan.

Acht Tänzerinnen legen mit Kniefällen nahe, dass aus dem Ereignis solcher Rückkehr ins Leben eine Religion entstehen könnte, ein Ritus der Resilienz und Kult der Geduld. Aber wenn sie sich mit dem Versehrten einnähen in ein geteiltes, zur Schutzhülle umfunktioniertes Leichentuch, stellt sich der Gedanke ein, dass die Technik nichts anderes als die Solidarität oder Liebe ist. Vielleicht ist die Einheit beider Mächte das Geheimnis der Gabe des Prometheus, hier dargestellt durch einen vom Sprungturm geworfenen brennenden Zweig: der Witz der Zündung.

In Castelluccis Salzburger Inszenierung von Mozarts „Don Giovanni“ verschwindet der Held bei der Höllenfahrt zum fröhlichen Schluss in der weißen Fläche, dem Möglichkeitsraum der Fantasie. Für die romantische Poetik ist Don Juan ein Doppelgänger des Prometheus. Im Viktoriabad lösen sich Prometheus und seine Helferinnen am Ende in weißem Dampf auf, nachdem sie sich in den abgrundtiefen Teil des Beckens haben hinabrollen lassen. An Beethovens Ballett „Die Geschöpfe des Prometheus“, aus dem Scott Gibbons Motive für seinen Motorenlärmteppich übernommen hat, missbilligte der Rezensent des Journals des Luxus und der Moden 1801 den „mystischen Nonsens der Allegorie“. Castellucci, ein Mystiker und Allegoriker unter den Theatermachern in der Nachfolge Robert Wilsons, hat es auf Unsinn abgesehen: Bilder, die bleiben, wenn der weiße Raum mit allen mythologischen Assoziationen auch die alten falschen Fragen nach dem Zweck des Leidens und dem Fluch der Abhilfe verschluckt hat.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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