FAZ plus ArtikelDostojewski in Russland

Die Apotheose der Dämonen

Von Kerstin Holm
28.07.2021
, 21:48
Der Regisseur Konstantin Bogomolow (im schwarzen Ledermantel) verkörperte in seiner Dostojewski-Produktion die Rolle des intellektuellen Verführers Nikolai Stawrogin zunächst selbst.
Enttäuscht von Europa: Russland feiert Fjodor Dostojewski als Verteidiger eines komplexen Menschenbildes, das angeblich im Westen eingeebnet wird, aber auch als humoristischen Analytiker des Handwerks der Macht.

Fjodor Dostojewski, der in seinem Romanwerk früh die Abgründe im Menschen aufriss, die nach ihm die Philosophie und die Psychoanalyse vermaßen, ist in seinem Heimatland vielen ein Zeitgenosse geblieben. Die Moskauer Schriftstellerin Alissa Ganijewa findet, schon dass Dostojewski seine Figuren mit ihren kontroversen Ansichten aufeinander einschreien statt einander zuhören lässt, mache ihn heutig; auch dass er sich billiger Genres, etwa der Boulevardzeitungssprache bediene und dabei Großartiges hervorbringe, imponiere ihr. Doch auch die russisch orthodoxe Kirche betrachtet den Schriftsteller, der wie das Lukas-Evangelium einen Mörder zu Gott finden lässt (23:43), als den ihren. Bei der Eröffnung der großen Dostojewski-Ausstellung im Moskauer Museum für Literaturgeschichte am Subowskij Boulevard erklärte der Leiter des Außenamtes im Patriarchat, Metropolit Hilarion, Dostojewski mache auch heute viele Russland fernstehende Menschen mit der russischen Kultur und dem orthodoxen Christentum bekannt, dessen Ideale Romanfiguren wie Fürst Myschkin im „Idiot“ und Aljoscha Karamasow verkörperten. Hilarion berichtete von einem britischen Freund, der über Dostojewski promovierte, darüber eine russische Frau fand und sich zum orthodoxen Glauben bekehrte.

Die Schau mit dem Titel „Starke Eindrücke“ (Silnyje wpetschatlenija) veranschaulicht noch bis zum 8. September mit Originalskizzen, Privatikonen, Fotodokumenten Dostojewskis Verhältnis zu Frauen und zu Kindern, zu Religion und Revolution. Die stellvertretende Kulturministerin Alla Manilowa hob im Museum hervor, Dostojewski sei in seinem Schreiben und seiner Ausstrahlung ganz Europäer gewesen. Fragen der Moral habe er als solche der Prüfung wahrgenommen, so Manilowa, im Gegensatz zu seinem Antipoden Lew Tolstoi, der Sittlichkeit vor allem mit Normen gleichsetzte, und nicht von ungefähr viele Anhänger im fernen Osten habe, in China und Korea. Unerwähnt ließ die Staatssekretärin, dass Dostojewski zwar Europas Kunst und Literatur liebte, als öffentlicher Intellektueller aber zunehmend gegen westlichen Fortschritt und Emanzipationsideen polemisierte und sich dabei in eine regelrechte Europhobie hineinsteigerte. Unter Russlands vormals avantgardistischen Gegenwartskünstlern haben freilich einige eine vergleichbare Transformation durchgemacht, allen voran der Theaterregisseur Konstantin Bogomolow, dessen aktualisierende Bühnenproduktion von Dostojewskis „Dämonen“ an Bosheit und Brillanz ihresgleichen sucht.

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Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
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