Saisoneröffnung am Burgtheater

Wiederkehr der Toten

Von Martin Lhotzky, Wien
Aktualisiert am 16.09.2020
 - 09:20
Mit dem Kopf gegen die schräge Wand: Szene aus Calderons „Das Leben ein Traum“ in Wien
Spleenig, heiter, tagesaktuell: Das Burgtheater eröffnet seine Spielzeit mit Calderon, Köck und einem wunderbaren Schauspielstudentinnenabend nach Jane Austen.

Man kam nur zu Fuß voran, nicht einmal die Straßenbahnen konnten fahren. Am Abend der Spielzeiteröffnung des Wiener Burgtheaters strömten mehrere hundert Menschen die Ringstraße hinab, um gegen die Entscheidung der Bundesregierung zu protestieren, niemanden aus dem niedergebrannten Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos nach Österreich in Sicherheit zu bringen. Seine Saison begann der neue Burg-Direktor Martin Kušej mit einer düsteren Inszenierung von Calderóns „Das Leben ein Traum“. Das Drehbühnenbild, von Annette Murschetz entworfen, zeigt eine Art Kohleschacht über einem Steintrümmerhaufen und kahle, schräge, wohl den Umsturz (aller Werte?) bereits andeutende bleichgraue Wände. Sie umrahmen zunächst die Turmzelle des Prinzen Sigismund, in der er bis zum Tag, an dem sein Vater – der polnische König Basilius – das titelgebende Experiment an ihm befiehlt, vom äußerst pflichttreuen Edelmann Clotald gefangen gehalten und erzogen wird. Später dienen die schrägen Wände – zuletzt gar mit Blut und Dreck bespritzt – als Saal im Königspalast von Polen. Die Übersetzung aus dem Spanischen, freilich immer noch fast durchgehend in Versen gehalten, ließ Kušej vom Künstlerkollektiv „Soeren Voima“ (das sind Tom Kühnel, Robert Schuster und Christian Tschirner) besorgen. Sie will nicht immer zu der tristen Grundstimmung dieser Inszenierung passen. Besonders fällt das an den possenhaften Einwürfen von Clarín, gespielt vom hünenhaften Tim Werths, auf.

An sich ging es Pedro Calderón de la Barca in seinem Stück ja darum, gerechte Herrschertugenden aufzuzeigen. Einem Experiment des Hobbyastrologen Basilius folgend, soll der Prinz einen Tag lang auf Probe herrschen. Wenn er dabei scheitert, gar Grausamkeiten begeht, soll er wieder in den Turm zurück und ihm der Probetag wie ein Traum erscheinen. Währenddessen bereiten sich seine Cousine und sein Cousin, Estrella (als die ist Andrea Wenzl leider etwas unterfordert) und Astolf (Johannes Zirner), darauf vor, Thronfolger zu werden. Der Versuch geht logischerweise schief, aber am Ende, nach dem Aufstand Sigismunds und als auch die komplizierte Nebenhandlung um eine gewisse Rosaura und Clotald aufgeklärt wird, kommt alles doch irgendwie ins Reine. Sigismund wird König, heiratet aus Standesdünkel allerdings Estrella und nicht Rosaura, in die er sich – nach einem Vergewaltigungsversuch – eigentlich verliebt hat.

Keine Liebesheirat aus Standesdünkel

Was uns Martin Kušej mit der Auswahl dieses schwierigen Stückes aus dem siebzehnten Jahrhundert genau vor Augen führen will, wird leider auch durch den angehängten Monolog, der dem Calderón-Portrait (1973) von Pier Paolo Pasolini entnommen ist, nicht klar. Während sich Franz Pätzold als Sigismund gebührend und bewundernswert verausgabt, während Norman Hacker als Basilius dem Burgtheaterveteranen Roland Koch, der den Clotald gebeutelt von Gewissensqualen fast schon barock anlegt, beinahe zum Verwechseln ähnlich sieht und – wiederum der Voima-Übersetzung angedient – eher salopp aufspielt, helfen auch die nervenden, von Krach begleiteten Schwarzblenden zwischen den Szenen nicht viel weiter. Ein Kušej-Spleen, der sich mittlerweile überlebt haben sollte. Anders freilich dann am folgenden Tag: „antigone. ein requiem“ des Oberösterreichers Thomas Köck als österreichische Erstaufführung im Akademietheater.

Durch Zufall tagesaktuell, blickt Köck darauf, was Antigone antreibt, das Gesetz zu brechen und den Toten, die unerwünscht an den Grenzen Thebens angeschwemmt werden, eine letzte, würdige Ruhe zu verschaffen. Nicht mehr um ihren aufständischen Bruder Polyneikes geht es bei Köck, sondern um all jene, die auf der Flucht nach Europa den Tod fanden. Im Meer. Am Strand. Oder an den Klippen. Lars-Ole Walburg inszeniert das Stück beklemmend schön und tieftraurig. Auf der schräg aufsteigenden, sonst leeren Bühne, im dunklen Hintergrund bisweilen der Meeresspiegel von unten her aufblitzend, steht der siebenköpfige Chor. Aus ihm treten dann und wann Sarah Viktoria Frick als Antigone, Markus Scheumann als Kreon, Mavie Hörbiger als Botin, Deleila Piasko als Ismene, Dorothee Hartinger als Eurydike, Mehmet Ateşçi als Haimon und Branko Samarovski als Teiresias hervor und rufen uns unser aller Verantwortung ins Gewissen. Denn: „Die Toten kommen wieder!“ Und das können auch wir sein, zeigt das Schlussbild, wenn nun alle thebanischen Sieben, in blutrotes Licht getaucht, leblos am Boden liegen.

Herzerfrischend lebendig

Einen würdigen und wahrhaft heiteren Abschluss des Burgtheaterpremierenreigens bildete sodann die – in Koproduktion mit dem Max Reinhardt Seminar entstandene – Theaterarbeit „Stolz und Vorurteil* (*oder so)“ von Isobel McArthur, klarerweise „nach Jane Austen“. Im Kasino am Schwarzenbergplatz von der jungen britischen Regisseurin Lily Sykes inszeniert, führen Johanna Mahaffy, Maya Unger, Caroline Baas, Wiebke Yervis und Lili Winderlich in jeweils mehreren weiblichen wie männlichen Rollen in knapp zwei Stunden vor, wie wichtig das oft namenlose Dienstpersonal der englischen Aristokratie in Jane Austens Werk ist. Die Sprache kommt modern daher, und dazwischen werden die schönsten Schnulzen der Popmusik der letzten fünfzig Jahre als Karaoke-Einlagen vorgetragen. In der sehr stimmigen Übersetzung von Helmut Emersberger wird da schon mal Carly Simons „You’re so Vain“ zu „Eitler Pfau“, dem Herrn Fitzwilliam Darcy an den Kopf geschmettert. Man merkt den Beteiligten an diesem Abend in jeder Minute die Freude am Spiel an. Schlau und witzig, wenig tiefgründig, aber herzerfrischend lebendig geht damit die diesjährige Burg-Eröffnung zu Ende.

Quelle: F.A.Z.
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