Saisoneröffnung in Frankfurt

Nackter Fuß sucht großen Zeh

Von Simon Strauss
15.09.2020
, 15:51
Für die, von denen keiner Abschied nimmt: Die Frankfurter Bühnen eröffnen ihre Theatersaison mit Shakespeare, Sarah Kane und drei Schicksalsfiguren der Einsamkeit.

Liebe. Liebe. Liebe. Wer nicht an sie denkt, der hat sie schon. Wer an ihr zweifelt, der braucht sie noch. Wie viele Lichter brannten in den vergangenen Monaten wohl nachts in Fenstern, aus denen einsame Augen auf eine verschlossene Welt schauten? Alleinstehende, die ihre Freiheit genossen, solange das Leben frei war, aber nun, da Abstandsregeln und Kontaktverbote den Alltag bestimmten, plötzlich auf sich selbst zurückgeworfen waren. Verlorene im Sog der Seuche. Wo Familien zusammenrückten, Wohngemeinschaften spazierengingen und Paare ihre Balkone neu bepflanzten, saßen die Singles allein mit ihren Masken zu Hause und träumten von der Liebe. Die erotischen Kosten der Pandemie werden wohl erst im Rückblick richtig aufscheinen. Wo Gefahr ist, wächst die Einsamkeit auch.

Auf dem Theater haben die Einsamen von je her ein Zuhause. Hier finden sie das, was ihnen sonst so fehlt: ein Publikum. Das ihre Geschichten hören und nachfühlen will, um dann beruhigt ins eigene Paar- oder Familienleben zurückzukehren. Dass kaum Einzelgänger ins Theater gehen, das wird in diesen Tagen deutlich durch die wenigen Einzelsitze, die in den ausgedünnten Zuschauerräumen reserviert sind. Um das Leid der anderen zu betrachten, sitzt man offensichtlich am liebsten zu zweit. Das Frankfurter Schauspiel eröffnet diese Saison mit drei Theaterabenden zu Ehren der Einsamen. Mit Orlandos Liebessehnsucht fängt es an. David Bösch inszeniert auf der Großen Bühne Shakespeares „Wie es Euch gefällt“ als sanft säuselndes Traumstück in leichter Sprache und bunter Umgebung. Orlandos Favoritin ist Rosalinde, nach ihr verzehrt er sich, für sie kämpft er (bei Bösch im Wrestling-Ring). Im Ardenner Wald – „der wood ist meine hood“ – versteckt er sich und schreibt Briefe, während hinten links ein verkannter Popstar am Klavier immer wieder das gleiche Lied über „Regen, Schnee und Wind“ spielt.

Preisgabe des Anarchischen

Aber Orlando, robust gespielt von Isaak Dentler, ist nicht der einzige Einsame in diesen Gefilden. Auch Jacques, der nachdenkliche Typ, der nie tanzen will, ist es, oder Silvius, der Schäfer, den seine Frau nicht mehr mag und den Michael Schütz mit einer riesenbabyhaften Grandezza hinreißend spielt. Sarah Grunert, die als Rosalinde ein anderes Geschlecht vortäuscht, um den Verehrer abzuhängen, scheint hier die einzig wirklich Souveräne zu sein, aber auch sie packt bald die Sehnsucht: Sie wirft ihren Rucksack ab, verlässt ihr Wurfzelt und sucht mit dem nackten Fuß nach dem großen Zeh ihres Ersehnten. So rührend das junge Schauspielerpaar Grunert und Dentler sich Shakespeares alte Liebesgeschichte zu eigen macht, so einfältig wirkt doch die ganze Inszenierung. Böschs grundsätzlich sympathische Idee, das Stück einer jungen Generation zugänglich werden zu lassen, führt zur Preisgabe jedes – diesem Liebesverwirrspiel innewohnenden – anarchischen Impulses. Was übrig bleibt, ist angeteentes Schnulzentheater.

Im krassen Gegensatz dazu inszeniert Robert Borgmann am nächsten Abend im Bockenheimer Depot Sarah Kanes psychedelische Selbstvernichtungsphantasie „Gier“. Ein riesiger Baumstamm, ein schräg aufgebocktes Auto ohne Scheiben, ein Opferaltar mit weißem Bettzeug und eine Drehscheibe sind die Requisiten eines zerstörerischen Albtraums, der von Kindheitssequenzen über Vergewaltigungsvisionen bis zu Todesvorstellungen reicht und immer wieder von Versatzstücken einer hilflosen Selbstanalyse unterbrochen wird. Wie eine Sammlung von tausend letzten Abschiedssätzen klingt Kanes poetisches Leidenslied, das sie 1998, ein Jahr vor ihrem Suizid, geschrieben hat. Dass man ihren Freitod immer mit erwähnt, verdammt diese Autorin zur Rolle der tragischen Psycho-Dramatikerin. Dabei ist ihr Werk weiter und umfassender. Kanes Gedankenschwalltheater, das auf bestechende Weise Fetzen der Dramentradition mit Macharten des Rock und Rap verbindet, steht quer zu den angeblichen Doktrinen des Postdramatischen oder Politperformativen. Es hat eine eigene urtypische Kraft, die aus dem Existenzinneren kommt.

Ich ertrage es nicht mehr

Davon spürt man in Borgmanns Installations-Inszenierung durchaus etwas. Erst lässt er für gute zwanzig Minuten den Text auf Englisch einsprechen und von zwei Elektro-Musikern begleiten, dann brüllen, weinen, flüstern und singen ihn seine vier Schauspieler (Marta Kizyma, Laura Sundermann, Heiko Raulin und Samuel Simon) noch einmal, in verteilten Rollen, mit unterschiedlich gefährdeten Haltungen – um die verschiedenen Phasen des Seelenkampfes zu verdeutlichen, der Auflösung des Ichs Schritt für Schritt beizuwohnen. Denn nirgendwo sonst als im Kopf einer zu Tode Vereinsamten befinden wir uns hier, durch den die Gedanken schießen, bis alles vorbei ist: „This has to stop/ Ich ertrage es nicht mehr.“ Immer roher und effektvoller lässt Borgmann seinen Abend werden, blutige Nasen, zitternde Körper und einen echten Drahtseilakt erlebt man hier. Aber eben auch, wie durch die übersteuerte Verausgabung alle Verstörung aus dem Textgeflecht herausgewalzt wird. Die bedrückenden Visionen des Verlustes, die verzweifelten Hoffnungsschimmer eines „Wenn doch noch Liebe käme“ werden am Ende preisgegeben für eine überambitionierte Kunstmessen-Ästhetik.

Die Einsamkeit der glücklos Liebenden, die Einsamkeit der Selbstmörderin am Abend vor ihrer Tat – zuletzt wendet man in Frankfurt das Thema noch ins Lokale: Drei Schicksalsfiguren aus der Nachbarschaft stellen sich in drei jeweils gut einstündigen Monologen vor. In Martin Mosebachs Monodrama „Das Leben ist eine Kunst“ wird eine in die Jahre gekommene Bettprinzessin wegen Mietrückständen aus ihrer Dachkammer geschmissen. Kurz zuvor erzählt sie dem Hausverwalter noch ihr Leben, streift durch die Erinnerungen, verteidigt ihre Hoffnungen auf Glück. Von Ferne winkt Becketts Winnie, aber aus der Nähe lässt Regisseur Anselm Weber seine Hauptdarstellerin Anke Sevenich allzu aufgesetzt wirken. Noch weniger fällt ihm zum zweiten Monolog ein, den Lars Brandt über einen Frankfurter Kommunalpolitiker geschrieben hat, der mit dem Wandel der Zeit unzufrieden ist und an berufsbedingtem Zynismus leidet. Die größten Kotzbrocken fänden sich grundsätzlich in der eigenen Partei, seufzt er und beschreibt damit auch schon seine ganze Einsamkeit.

Oben warten sie auf die Einsamen

Aber dann, als man sich vom Frankfurter Mittelmaß einmal mehr enttäuscht abwenden will, gibt es doch noch eine Überraschung. Sie tritt in der kerzengeraden Gestalt von Nils Kreutinger auf, der auf wundervoll zarte, ergreifend traurige und dann wieder sehr komische Weise vom Geschick eines Grabmachers erzählt. Wie er an einem Arbeitstag drei Trauerreden hintereinander hört, in denen überdurchschnittlich oft der „Witz und Charme“ des Verstorbenen hervorgehoben wird. Wie er bei der Beisetzung still im Hintergrund steht und heimlich abzählt, wie viele der Trauergäste weinen. Wie er einmal das falsche Grab ausgehoben hat. In ihrem Monologstück „Alles ist groß“ hat die Frankfurter Autorin Zsuzsa Bánk aus einer kleinen Beobachtung am Rande einer Beerdigung eine beeindruckende Theaterszene gemacht. Genau in der Beschreibung, gefühlsklug bei der Wortwahl, leuchtet bei ihr zuletzt der Kosmos der Einsamen am allerschönsten. Der Grabmacher, mit dem niemand gern seinen Abend verbringen möchte, den aber doch jeder irgendwann braucht – auf dem „Feld der Ungenannten“ steht er in der Abendsonne und streicht seinen Anzug glatt. Für die, von denen keiner Abschied nimmt, putzt er sich besonders heraus. Denn die Einsamen werden jene sein, auf die dort oben alle warten.

Quelle: F.A.Z.
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