Salzburger Festspiele

Hoch das Horn!

Von Florian Amort, Salzburg
Aktualisiert am 15.08.2020
 - 10:48
Die Salzburger Festspiele präsentieren „Fragmente – Stille“.
Von mitteilungsfreudigen Komponisten und Klangereignissen im pianissimo: Bei den Festspielkonzerten „Fragmente – Stille“ klingt nicht alles groß. Dafür gibt es Ohrwurm-Potential.

Nachts seien unsere Sinne in ständiger Alarmbereitschaft, sagt der italienische Komponist Salvatore Sciarrino. Doch was hören wir, wenn wir vermeintlich nichts hören? Diese Frage stellt der mittlerweile Dreiundsiebzigjährige in seinem Ensemblestück „Introduzione all’oscuro“ für zwölf Instrumente von 1981, für das er tief in das Innere seines Körpers lauschte.

Ganz unmittelbar fühlt man die Beschleunigung des Herzschlages, den Oboe und Klarinette ohne Mundstück durch das Schließen einzelner Klappen verklanglichen; ganz plastisch hört man das Zittern in den tremolierenden Streichern, das zunehmend panisch hechelnde Ein- und Ausatmen des Posaunisten durch das abgenommene Kesselmundstück.

Sciarrino spannt einen eindrücklichen wie facettenreichen Bogen nächtlicher Gefühlszustände, die von kompletter Entspannung bis zur höchsten Erregung reichen. Feinfühlig und mit großer lautmalerischer Entdeckerfreude entwickelt das Klangforum Wien unter der Leitung von Sylvain Cambreling für das letzte Konzert der Reihe „Fragmente – Stille“ bei den Salzburger Festspielen einen dichtgedrängten Sog, der leider schon nach achtzehn Minuten sein Ende findet.

Im Programmheft über alles Mögliche schwadroniert

Zuvor spielt Christoph Walder von der Orgelempore der Kollegienkirche die Uraufführung von Sciarrinos „Agitato cantabile (capriccio sulla lontananza)“ für Horn solo, ein flaches Gelegenheitswerkchen, das der Komponist während des coronabedingten Lockdowns schrieb. Es ist schon bemerkenswert, wenn der mitteilungsfreudige Komponist in seinem im Programmheft abgedruckten vierseitigen Essay über alles Mögliche schwadroniert – über die „chaotischen Erlässe der Behörden“, über die „Sümpfe der kollektiven Ignoranz“, über seine „verlorene Würde“, über den „Zerfall der sozialen Gemeinschaft“, über eine Windrose auf einer barocken Fassade in seinem Wohnort Città di Castello –, über sein neues Werk jedoch selten ein Wort verliert.

Im Zentrum der dreiteilig angelegten Komposition steht ein jambisch rhythmisiertes Viertonmotiv, b – cis – b – c, das immer wieder in den unterschiedlichen Registerlagen auftaucht und so eine latente Zweistimmigkeit suggeriert. Jedoch klingt das Werk mit seinen schnellen Verzierungen und abrutschenden Glissandi in der halligen Kirchenakustik – pardon – schrecklich jämmerlich.

Ob es wirklich „gesungene Klagelaute aus der Isolation“ sind, wie es in einem zweiten Essay von Walter Weidringer heißt? Jedenfalls bleibt auch die Konstruktionsweise des Werks hinter vielen anderen Kompositionen Sciarrinos zurück. Der letzte Teil ist satztechnisch mit dem ersten schlicht identisch; nur die Oktavlage der einzelnen Tongruppen wurde wenig innovativ verändert.

Ikone der musikalischen Avantgarde

Das eigentliche Hauptwerk der Konzertreihe ist jedoch sowieso Luigi Nonos viel- diskutiertes Streichquartett „Fragmente – Stille. An Diotima“, das als eine Ikone der musikalischen Avantgarde gilt. Doch auch vierzig Jahre nach der Uraufführung beim Beethovenfest in Bonn stellt sich die Frage, wie man diesem kryptischen und vielschichtigen Spätwerk des italienischen Komponisten und überzeugten Kommunisten begegnen soll, das gemeinhin als Wendepunkt von seinen politisch motivierten Kompositionen hin zu einer neuen Innerlichkeit verstanden wird.

Es gibt kein analytisches oder sofort ersichtliches programmatisches Konzept, das einen leichten Zugang in das Werk ermöglichen würde. Ein Blick in die Partitur schafft zwar Wissen, aber nicht unbedingt Abhilfe: 52 Textfragmente aus Gedichten Friedrich Hölderlins, dessen 250. Geburtstag wie jener Ludwig van Beethovens dieses Jahr gefeiert wird, sind darin zu finden.

Jedoch sind Motti wie „Geheimere Welt“ oder „aus dem Äther“ nicht für das Publikum gedacht, sondern nur für die ausführenden Musiker, die diese auf ihren Instrumenten „singen“ sollen. Parallel dazu gibt es auch Zitate aus der Musikgeschichte. Die Vortragsanweisung „mit innigster Empfindung“ verweist auf den langsamen Satz in Beethovens spätem Streichquartett a-Moll mit dem programmatischen Beinahmen „Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit“. Eine „scala enigmatica“, eine Rätseltonleiter, die Giuseppe Verdi als Grundlage für sein „Ave Maria“ aus den „Quattro pezzi sacri“ benutzte, taucht ebenso auf wie die Melodie der Chanson „Malheur me bat“ des franko-flämischen Komponisten Johannes Ockeghem.

Sorgsam versteckte Bezüge sind nicht zu hören

Dem enigmatischen Charakter des Stückes lässt sich so jedoch nicht begegnen, denn hören kann man die sorgsam im komponierten Notentext verstecken Bezüge nie. Stattdessen lädt Nonos Streichquartett für knappe vierzig Minuten ein, für sich stehenden, kaleidoskopartigen und von langen Pausen getrennten Klangereignissen im piano und pianissimo zu lauschen. Schade ist jedoch, wenn das renommierte Minguet Quartett (Ulrich Isfort, Annette Reisinger, Tony Nys und Matthias Diener) das Werk merkwürdig glattgebügelt, geradezu biedermeierlich brav musiziert, zieht man die Aufnahmen des LaSalle Quartetts oder des Arditti Quartetts als Vergleich heran.

Spielanweisungen wie Flageolett, sul ponticello oder geschlagene beziehungsweise gestrichene Töne mit dem Bogenholz werden hier nur selten an den Rand extremer Hörerfahrungen geführt. Immerhin stellt das Quartett für Nono die ausladenden Vibratoorgeln ab, die es den programmatisch vorangestellten, wenig gestalteten Werken Ockeghems, Verdis und Beethovens zukommen lässt.

Am Ende der Konzertreihe steht noch mal Sciarrino: In seinem „Quaderno di strada“ von 2003 vertont er abwechslungsreich zwölf Textfragmente und ein Sprichwort für Bariton und Ensemble. Wie die Maler des Expressionismus zeichnet er darin mit kurzen Pinselstrichen und in dem ihm eigenen feinziselierten Rezitativstil eine dramatische Begebenheit en miniature. Für das abschließende Sprichwort „Zwei Dinge kann man auf der Welt nicht erlangen: schön sein und singen können“ wird Sciarrino sogar zum Ironiker. Gewitzte Triller in den Instrumenten und die trampolinartigen Oktavsprünge von Bariton Otto Katzameier haben das Potential zu einem groovigen Ohrwurm.

Quelle: F.A.Z.
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