Salzburger Festspiele

Seid bitte nicht so unmozärtlich

Von Eleonore Büning
29.07.2012
, 16:50
Allein unter Wölfen: Tamino (Bernard Richter) hat eine Bewährungsprobe zu bestehen, die zum Wenigen gehört, was an Jens-Daniel Herzogs Deutung überzeugt
Selten hat Salzburg so neugierig auf eine Oper gewartet wie auf die von Nikolaus Harnoncourt dirigierte „Zauberflöte“. Da singt sogar der Intendant im Parkett mit.

Wie oft hat Nikolaus Harnoncourt schon Mozarts „Zauberflöte“ dirigiert? Zwanzigmal? Fünfzigmal? Falsch! Neu einstudiert hat er sie erst zum vierten Mal in seinem Leben. Erstmals lässt er dabei auf Originalinstrumenten musizieren. Erstmals führt er die „Zauberflöte“ mit seinem eigenen Orchester auf, dem Concentus Musicus Wien. Und zum ersten Mal in Salzburg. Kein Wunder, dass das Fieber, das den neuen Salzburger Intendanten wegen dieser von ihm selbst angerührten Megasupershow erfasst hat, ins Delirische steigt.

Ganz in Weiß hüpft Alexander Pereira im Graben um den Herrn Konzertmeister herum. Begrüßt Frau Harnoncourt, küsst die Hand, streichelt die aufgeschlagene Partitur, und begibt sich erst, als es zum letzten Male klingelt, im heiter punktierten Wiegeschritt zurück auf seinen Parkettplatz. Dort dirigiert und singt er mit, zur Freude aller Umsitzenden. Erst nach Taminos „Bildnisarie“ wird er ruhiger. Sei es, dass ihn, mitten aus dieser Arie heraus, der Gedanke der Ewigkeit anfasst. Sei es, dass die verschleppten, verrückten Tempi, die Harnoncourt zwischendurch ausprobiert, ihre sedierende Wirkung entfalten. Überhaupt scheint diese neue Salzburger „Zauberflöte“ so viele verschiedene Tempi zu haben wie Takte, und dabei musiziert Nikolaus Harnoncourt wie mit angezogener Handbremse. Warum?

Die Grenze falscher Intonation schmerzhaft gestreift

Aus Mozarts Autograph, das er selbst zur Maxime seines Handelns erklärt, sind längst nicht alle diese Extreme abzuleiten. Harnoncourt baut Verzögerungen ein, dehnt molto ritardando Phrasen in die Länge, lässt Pausenlöcher frei stehen, plaziert subito accellerando Stauchungen. Und immer wieder stockt der musikalische Fluss. Altmeisterlicher Manierismus macht sich breit. Pomadigkeit. Behäbigkeit. Als Pamina und Papageno ihr Duett „Bei Männern, welche Liebe fühlen“ anstimmen, verlangsamt sich der Puls der Musik so, dass die Phrasen auseinanderreißen. Dafür wird der „Tugend“-Chor am Ende des ersten Aufzugs wie eine Pflichtübung im Prestissimo abgehaspelt.

Dabei sprudelte doch die Ouvertüre, nach drei glashart plazierten Sonnenkreis-Akkorden und einer blank und schlank musizierten langsamen Einleitung so vielversprechend los. Die Holzbläser schnattern. Die Flöte fliegt. Mitten auf die Bühne der Felsenreitschule hat Mathis Neithardt eine putzige kleine Schwester der Felsenreitschule gestellt, einen Palast mit hohen Türen und Arkadengängen, der sich wie von Zauberhand zu allerhand labyrinthischen Straßen und Zimmerfluchten erweitern kann. Das kernig geschmetterte Terzett der drei Damen, die auf dieser mobilen Immobilie herumturnen und kichernd eine grüne Gummischlange durch die Dachluke hinunterwerfen in Taminos Schlafzimmer, glückt mit Schwung. Obgleich bemerkt werden muss, dass sich Sandra Trattnigg, Anja Schlosser und Wiebke Lehmkuhl ein ganz unmozärtliches, fast rheintöchterreifes Vibrato herausnehmen und dabei die Grenze falscher Intonation schmerzhaft streifen.

Ist die Besetzung konzeptionell begründet oder nur pragmatisch?

Seltsam unaufgeräumt wirkt auch das übrige Sängerpersonal. Als sänge man ohne Sprachcoach, ohne Konzept, jeder, wie er halt kann und auf Wiedersehen bei der Fermate: Hauptsache, dass am Schluss noch irgendwie alle beieinander sind. Das klappt nicht immer, nach der Feuerprobe zum Beispiel gibt es einen empfindlichen Wackler. Viele Sänger kommen aus dem Zürcher Ensemble, wo Pereira jahrzehntelang Opernintendant war, einige haben auch in Harnoncourts Zürcher „Zauberflöte“ 2007 mitgewirkt. Rudolf Schasching zum Beispiel hatte schon damals die Partie des Monostatos mehr gesprochen als gesungen. Jetzt krächzt er nur noch. Für eine Salzburger Mozartpremiere, da gibt es gar kein Vertun, ist so ein Monostatos ein Skandal. Und es muss erlaubt sein, zu fragen, ob die Salzburger „Zauberflöten“-Besetzung tatsächlich im Detail konzeptionell begründet ist oder nur pragmatisch, opportun, provinziell.

Der junge Schweizer Bernard Richter als Tamino sieht sehr smart, blond und prinzlich aus in seinen quietschbunten Yuppie-Klamotten. Er singt sauber und geradeaus. Aber man versteht kein Wort, der Registerausgleich fehlt: In der Höhe ein Geschmetter, von der Mittellage an abwärts ist nichts mehr zu hören. Auch Georg Zeppenfeld als Sarastro macht seine Sache gut, doch die Stimme ist (noch) viel zu leicht für diese Partie: Steigt ein echter Sarastro-Bass mit Wucht in die moralisch allertiefste Tiefe hinunter, dann sollten mindestens die Kronleuchter klirren! Dafür ist die famose Mandy Fredrich, eine dramatische Sopranistin mit Durchschlagskraft, über die Königin der Nacht weit hinaus: Weil ihr die Koloraturbeweglichkeit fehlt, mogelt sie sich durch. Und der nette Papageno vom Dienst (Markus Werba) hat einen kleinen Knödel.

Eine schöne, rührende Familienszene

Ein Lichtblick, ja die große Ausnahme inmitten dieser, pardon, sängerischen Fehlbesetzungen ist Julia Kleiter. Auch sie war in Zürich schon mit dabei. Sie hat ein volles, warmes, rundes Timbre, eine liederklare Aussprache, leicht erreichte Höhe, einwandfreie Gestaltung, und sie agiert glaubwürdig: eine Pamina zum Verlieben. Auch Martin Gantner als Sprecher, die beiden Geharnischten Lucian Krasznec und Andrea Hörl sowie Elisabeth Schwarz als Papagena meistern ihre kleinen Partien achtbar, ebenso die drei Tölzer Sängerknaben, deren Namen das Programmbuch leider verschweigt.

Der Regisseur Jens-Daniel Herzog, ebenfalls ein Zürcher Import, wollte, dass das vielgespielte Mozartsche Revue-Machwerk diesmal etwas ernster daherkommt, nicht so chaotisch und ulkig wie üblich, vielmehr mit tieferem Sinn. Das ist, zum Glück, nicht durchgängig gelungen. Sarastros Weisheitstempel erscheint als ein modernes Hirnforschungsinstitut, aus dessen gutem Dutzend Forschungstempeltüren sich ein gutes Dutzend struppige Werwölfe mit glühenden Augen auf den armen Tamino stürzen, um ihn zu fressen. Der aber hat bekanntlich eine Flöte dabei, um sie zu zähmen. Sehr schön auch die Szene, als Papagena und Papageno vom bloßen Duettsingen gleich vier Kinder kriegen. Sie werden im Kinderwagen herein- und wieder hinausgerollt, der heilige Sonnenkreis dient ihnen als Klapper, während sich Nachtkönigin und Sonnenpriester auf dem Boden herumkugeln, prügeln und die Haare ausreißen. Das war wirklich eine schöne, rührende Familienszene.

Quelle: F.A.Z.
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