Salzburger Festspiele

Was das Theater von der Krake lernen kann

Von Sandra Kegel
18.08.2022
, 22:38
Die Spielwütigen: André Jung als Orang-Utan, Ursina Lardi und Devid Striesow als Geschwisterpaar, Felix Blomberg als Schildkröte
Hinreißendes Schauspielertheater: Thorsten Lensing gilt als kompromissloser Einzelgänger. Sein dramatisches Debüt „Verrückt nach Trost“ wurde bei den Salzburger Festspielen mit Spannung erwartet. Bei der Dernière gibt sein phantastisches Ensemble noch einmal alles.
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Hat man je eine solch herrliche Krake auf der Bühne gesehen? Eine, die wie die verblüffend gelenkige Schauspielerin Ursina Lardi ihre Gliedmaßen so elegant wie rückgratlos immerzu in neue Himmelsrichtungen schraubt, einrollt und wieder ausfährt, sich klein macht und dann wieder groß, dabei ihre intelligente Haut glitzern lässt, dass da zuletzt wirklich so etwas wie ein Krakenbewusstsein greifbar wird? Noch dazu handelt es sich hierbei um das Bewusstsein eines Lebewesens, dessen acht Arme, neun Gehirne und drei Herzen immer aufs Neue so sehr in Widerstreit geraten über die eigene Art, die eigenen Sehnsüchte, Ängste und Todesarten, als handele es sich bei dem inneren Disput am Meeresboden in Wahrheit um ein philosophisches Tiefenseminar ohne Auditorium.

Der wundersame Kopffüßler, hochintelligent und verdammt, weil er nach nur vier Jahren sterben muss, vermag seine Opfer ja nicht nur aufs Kunstvollste zu täuschen, indem er vorausschauend handelt und seine Farbe hundertfach ändert. Im Falle eines Angriffs kann er andere Meeresbewohner auch täuschend echt imitieren. Die Anverwandlung also, der Rollentausch, die Simulation fremder Identität, mithin Urformen des Theaters, sind das Anliegen dieser Inszenierung, das mit der Krake am ausdrücklichsten ins Bild gesetzt wird. „Ich beobachte dich schon lange“, sagt sie keck zum Tiefseeforscher, als der das Tier mit seinem Tiefseeforscherblick gerade erst entdeckt zu haben meint. Ein hingespuckter Satz, und schon sind die herrschenden Verhältnisse auf den Kopf gestellt.

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Menschen und Tiere sind hier verrückt nach Trost

Mit großer Spannung war die Salzburger Uraufführung von Thorsten Lensings erstem eigenen Stück erwartet worden. Dem Mitbegründer des Berliner Theaters T1 geht als Regisseur seit Jahren der Ruf des kompromisslosen Einzelgängers voraus. Weil er nur alle paar Jahre inszeniert, und das jenseits der gewöhnlichen Stadt- und Staatstheaterstrukturen. Er setzt stattdessen auf Kooperationen mit Festivals und freien Bühnen – „Verrückt nach Trost“ wird als Nächstes im September in den Berliner Sophiensälen zu sehen sein. Die Handschrift des Regisseurs, die er unter anderem schon in Tschechows „Kirschgarten“, Nestroys „Häuptling Abendwind“ oder der Bühnenadaption von „Unendlicher Spaß“ erkennen ließ, macht sich auch in „Verrückt nach Trost“ bemerkbar: ein karger Raum mit wenigen Dingsymbolen (Bühne: Gordian Blumenthal, Ramun Capaul) erlaubt den Einblick in die Theatermaschine, um in diesen dreieinhalb Stunden nie vergessen zu lassen, wo wir uns gerade befinden. Dazu ein Ensemble, mit dem Lensing seit Jahren arbeitet und das auf dem schmalen Grat zwischen Anarchie und Ernsthaftigkeit so geschickt zu balancieren vermag, wie es wohl überhaupt nur im emphatischen Schauspielertheater gelingen kann.

Vielleicht, weil es nicht die Premiere, sondern die Salzburger Dernière ist, setzen die Schauspieler Devid Striesow, Ursina Lardi, Sebastian Blomberg und André Jung an diesem Abend alles aufs Spiel. Mit großer Lust und ohne Angst auch vor so mancher Plattitüde („Du hast an allem gezweifelt, nur nicht an deinem Zweifel“) geben sie dem Affen Zucker, wenn sie all den übergroßen Fragen, die das Leben so mit sich bringt – wo komme ich her, wer will ich sein und wieso tut das alles so weh –, albernen Spaß und scheinbare Mühelosigkeit entgegensetzen. „Verrückt nach Trost“ sind hier tatsächlich alle, die Menschen, die Tiere, und weil es sich nicht um ein klassisches Drama handelt, sondern eher um eine lockere Szenenfolge, in deren Zentrum das Erwachsenwerden zweier Geschwister, der wehrhaften Charlotte (Ursina Lardi) und des ins Unglück versponnenen Felix (Devid Striesow) steht, hat der Abend mit seiner Sprechblasen-Poetik durchaus etwas von einem Comic „Als Kind, da habe ich Gott wie Wetter gespürt“ ist so ein Satz, den Striesow aufs Schönste zelebriert.

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Wie die Krake üben sich auch die Geschwister aus Schmerz in der Imitation, um den frühen Tod der Eltern zu verarbeiten. Solange sie Mama und Papa in ihrem Strandgebaren wenigstens spielen können, deren Küsse wiederholen und sich gegenseitig die Zehennägel schneiden, sind diese nicht tot und dürfen sie noch Kinder sein. Klar, dass das nicht lange gut geht. Während Felix zu einem Mann reift, der unfähig ist, zu fühlen, weshalb ihm einzig seine Rückenschmerzen Befriedigung verschaffen, weil er sich dann wenigstens spürt, wird Charlotte zur Amazone unter anderem auf dem Feld des Stabhochsprungs. Nebenher sind die Schauspieler – wir sind im Theater und ein bisschen auch bei Rimbaud – aber noch ganz viele andere. Und um Gedichte geht es ab und an auch.

Sebastian Blomberg
Sebastian Blomberg Bild: Marco Borrelli

Der Schwere des Anfangs gibt Striesow als brüllender Säugling auf einem Parkplatz gehörigen Raum, während Lardi als betagte Heimbewohnerin in ihrem Flirt mit einem Pflegeroboter ein versöhnliches Ende zumindest in Aussicht stellt. Wenn hingegen André Jung sich in den servilen Automaten hineinversetzt wie auch zuvor schon in einen Orang-Utan, der minutenlang allein auf der Bühne mit einer Tube Bodylotion experimentiert, dann ist das Lee-Strasberg-haftes Einfühlungstheater, wie es im Lehrbuch steht – wonach bekanntlich noch einem Telefonbuch dramatische Tiefe abzugewinnen ist. Insofern hat Lensings Spielästhetik mit postdramatischem Theater so wenig am Hut wie mit der videoinstallationsgetriebenen Gegenwartsbühne. Ist solch intensives Schauspielertheater schon wieder Avantgarde? Jedenfalls ist es so etwas wie eine Fügung, dass die vier Spielwütigen von „Verrückt nach Trost“ nicht etwa im derzeit im Umbau begriffenen Salzburger Landestheater, sondern in der Schauspielschule des Mozarteums auf der Bühne stehen.

Sebastian Blomberg, der Vierte unter den Sehnsüchtigen, der überdies eine hinreißende Schildkröte abgibt, macht aus dem Taucher, der zu lange in der Tiefe geblieben ist, um auf der Erde noch zurechtzukommen, mehr als nur einen Sidekick – der Mann im Gummianzug wird vielmehr zur triefend nassen und röchelnden Verkörperung des Menschenfluchs, um die eigene Sterblichkeit zu wissen. In Momenten wie diesen, dem Schwindel des Daseins, findet das Stück zu sich selbst. Seine Poetik des Gegenwärtigen verlangt tentakelhaft Anschluss an die Romane von Philip Roth, zu Netflix („My Octopus Teacher“) oder an Texte deutscher Liedermacher. Doch es sind die vermeintlich kleinen Dialoge, in denen vor allem deutlich wird, was dieser Abend will: Als die Krake den melancholischen Taucher bittet, ihr sein Inneres zu zeigen, entgegnet der schroff, doch schon alles beschrieben zu haben. „Nicht beschreiben“, erwidert die kluge Krake: „machen“.

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Quelle: F.A.Z.
Sandra Kegel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Sandra Kegel
Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.
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