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„Così fan tutte“ in Salzburg

Nun bitte heraus aus dem lustigen Typen-Knast!

Von Eleonore Büning, Salzburg
Aktualisiert am 19.08.2016
 - 12:00
Geeint in Trunk und Freude und Klischee: Julia Kleiter als Fiordiligi (links) und Angela Brower als Dorabella in der Salzburger „Così fan tutte“
Mit „Così fan tutte“ geht in Salzburg das Da-Ponte-Paket zu Ende – und die Ära des allmächtigsten, omnipotentesten Aushilfsopernintendanten aller Zeiten: Sven-Eric Bechtolf.

Raus aus der Mozarthölle, glücklich ist, wer vergisst. So lauten zwei der guten Vorsätze, die Sven-Eric Bechtolf seiner letzten Spielzeit implantierte. Unsichtbar, versteht sich. Bechtolf hatte für nur zwei Sommer, in aller Demut oder auch Hybris (beides möglich, kaum auseinanderzuhalten), die Rolle des allmächtigsten, omnipotentesten Intendanten gespielt, den die Salzburger Festspiele in ihrer bald hundertjährigen Geschichte jemals gehabt haben. Er spielte sie glänzend.

Eigentlich war er eingesprungen für Alexander Pereira, als der das Handtuch warf. Strenggenommen verwaltete Bechtolf nur Reste der Pereiraschen Pläne. Und doch setzte sich, in allen Sparten, sofort eine spezifisch Bechtolfsche Retro-Ästhetik durch, die dem aktuellen Tagesgeschehen die Tür weist und dem Publikum stattdessen leicht verderbliches Vergnügen um jeden Preis verordnet. Bechtolf unterdessen arbeitet wie verrückt, als Opern- und Schauspielintendant, als Schauspieler, Regisseur, Übersetzer, Bühnenbildner und als seine eigene Pressestelle. Nur dirigiert hat er nicht. Auch das Singen der Gräfin Almaviva überließ er, nolens volens, seiner Gattin.

Von Umbesetzungen und Umzügen durchlöchert

„La nozze di Figaro“ wird, als eine von drei Opern, die Wolfgang Amadeus Mozart nach einem Libretto von Lorenzo da Ponte komponierte, zum letzten Mal in der Regie von Bechtolf gezeigt. Auch mit „Don Giovanni“ und „Così fan tutte“ ist nun Schluss. Dieses Da-Ponte-Opern-Paket, eine von Umbesetzungen und Umzügen durchlöcherte Neufassung dessen, welches von Bechtolf zuvor schon einmal für das Opernhaus Zürich inszeniert worden war, ist weder musikalisch noch szenisch aus einem Guss. Erst recht gelang es nicht, wie ehrgeizig angesagt, ein neues „Salzburger Mozart-Ensemble“ aufzubauen. Im Gegenteil: Jedes Drittel der Trilogie wurde, von Jahr zu Jahr, immer wieder aufgefrischt mit neuen „jungen Mozartstimmen“, die immer weniger hielten, was versprochen war. Ja, man konnte buchstäblich zuschauen beim Sinken des Niveaus. „Von den schönen Plänen“, bilanzierte dieser Tage die Austria Presse Agentur, seien am Ende „vor allem die schlechten Kritiken dreier magerer Mozart-Jahre übrig“ geblieben.

Dennoch: Die Da-Ponte-Trilogie kam so gut an, dass sie von Unitel auf DVD verewigt wurde. Sind Salzburgs Kritiker wirklich so sauertöpfisch vernagelt (wie Pressechef-Bechtolf gern behauptet)? Will sich das gutbetuchte Festspielpublikum wirklich nur möglichst billig amüsieren (wie die Kritiker seit Karajans Zeiten gern mal mutmaßen)? Beides wäre rein polemisch, purer Unfug. Der Teufel steckt vielmehr im Detail.

Bechtolfs „Don Giovanni“, immer noch in der funktional theaterpraktischen Designausstattung der Glittenbergs, hat nichts vom flotten Charme verloren. Aber auch nichts dazugewonnen. Er zeigt Menschen im Hotel: jeder einzelne ein Typus, eine Charaktermaske, austauschbar. Für den Sexprotz, den Don, passt das. Der Bariton Ildebrando d’Arcangelo muss sich nur in Routine flüchten, schon ist er angekommen. Doch bei Leporello knirscht das Typen-Korsett, Luca Pisaroni verkaspert sich total. Und erst recht die Frauenfiguren! Eine wie die andere ersticken sie im Klischee. Dass, abgesehen von Layla Clare, die eine gut fokussierte, lebendige Donna Elvira singt, keine der neu engagierten Sopranistinnen gesangstechnisch auch nur annähernd der Partie gewachsen ist, kann auch der Dirigent Alain Altinoglu nicht ändern. Nur einer springt aus dem lustigen Bechtolf-Typen-Knast musikalisch unbekümmert heraus: Paolo Fanale als farbiger, starker, ernsthafter Don Ottavio.

Witze verpuffen, ehe sie erklingen

Auch in „Figaros Hochzeit“, im fernsehgerecht gebauten Puppenhaus-Bühnenbild von Alex Eales, ist immer etwas los. Stets geschieht das nächstbeste Erwartbare. Dabei werden Kraft und Vielfältigkeit der Mozartschen Musik von der Personenführung immer wieder unterschätzt. Eine der schnellsten, schönsten Commedia-Szenen des Mozartrepertoires ist sicherlich die im zweiten Akt, im Schlafzimmer der Gräfin. Wie Pisaroni (Abziehbild der Eifersucht: der Graf) und Anett Fritsch (Abziehbild der Melancholie: die Gräfin) da jeden Ton überzeichnen, jede Geste überziehen, sind alle Witze, die Mozart hineinkomponiert hat, verpufft, lange bevor sie erklingen, woran auch die Differenzierungsversuche von Anna Prohaska als Susanna nichts ändern. Frisch eingekauft in die Produktion, wirkt sie wie ein Fremdkörper, außen vor. Und völlig indiskutabel, wie viele Schmisse sich der Dirigent Dan Ettinger im Graben erlaubt!

Die „Così fan tutte“-Produktion verlegte Bechtolf kurzfristig in die Felsenreitschule. Da das Bühnenbild der Glittenbergs nicht hineinpasste, hat er selbst ein neues entworfen und die historisierenden Kostüme gleich noch dazu. Diese Transplantation ist missglückt. Kein Sänger, keine Sängerin, die nicht immer wieder als Knallcharge verunglückte. Höhepunkt der Simplifizierung: die Ballermann-Idee, dass Frauen erst im Zustand der Trunkenheit zur Untreue bereit sind und ihre Kerle nicht mehr wiedererkennen. Fast keine Nummer wird synchron musiziert. In zwei Situationen darf man sich entfernt an Mozart erinnern: In dem Rondo der Fiordiligi (Julia Kleiter), in der Kavatine des Ferrando (Mauro Peter). In beiden Fällen stehen die Sänger einfach an der Rampe und machen ihren Job. Konzertant. Mit Oper hat das nichts zu tun.

„Das Theater, insbesondere die Oper, ist die Hölle“, spricht Bechtolf, mit Pathos konsonantenspuckend, in seiner letzten Salzburger Rolle als Ignorant oder als Wahnsinniger, beides möglich und nicht auseinanderzuhalten, jedenfalls als „Doktor“ in Thomas Bernhards gleichnamigem Schauspiel. Dann stellt er sich, kurz vor der Pause, an die Rampe des Landestheaters, fixiert mit geschlossenen Augen das Publikum und singt. Bechtolf singt Karaoke, tonlos, zur aus dem Lautsprecher scheppernden Konserve. Singt die Koloraturen der nächtlichen Königin aus der „Zauberflöte“, so furchtbar lustig, so grauenvoll grimassierend, so gnadenlos clownesk, dass auch diese Oper, immerhin Thomas Bernhards Lieblingsmozartoper, nun für eine Weile aus Salzburg verbannt sein muss.

Quelle: F.A.Z.
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