Zum Tod von Peter Radtke

Stalin und Rotpeter

Von Hubert Spiegel
01.12.2020
, 16:00
Das Problem „Brüchigkeit“: Der Schauspieler, Aktivist und Autor Peter Radtke ist im Alter von 77 Jahren gestorben.

Solange Frauen und Fremde nicht gleichberechtigt sind, so schrieb Georg Hensel 1985 an dieser Stelle, sei die „Medea“ des Euripides aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert nicht überholt. Anlass war dem 1996 verstorbenen Theaterkritiker dieser Zeitung eine Premiere in den Münchner Kammerspielen: George Tabori inszenierte „M“ – so nannte er seine feministisch ein wenig grobmaschig gestrickten Medea-Variationen für drei Personen. Es gab darin den Mann: böse. Es gab die Frau: gut. Und es gab das Kind: Peter Radtke. Der war damals 42 Jahre alt.

Wenn Peter Radtke auf dem Boden hinter seinem zum Mord entschlossenen Vater Jason herkriecht und von einer Welt phantasiert, die aus „Ebenbildern einer missgeborenen Gottheit“ besteht, aus „lauter kleinen Krüppeln“, die auf den letzten „Gesunden“ zeigen; wenn Peter Radtke seinen verwachsenen Oberkörper entblößt und fragt: „Wolltest du mit mir tauschen?“ – dann, so Hensel damals, dann höre das Theater auf, denn Radtke bringe nicht nur seine Fähigkeiten als Schauspieler ein, sondern auch seine „ungespielte Realität“, sein eigenes Schicksal also. Radtke gab 1985 eine einzigartige schauspielerische Antwort auf die Frage, die er 2007 im Titel eines seiner Bücher noch einmal formulierte: „Warum unsere Gesellschaft behinderte Menschen braucht“.

Peter Radtke, 1943 in Freiburg im Breisgau geboren, war ausgebildeter Dolmetscher, promovierter Romanist, Schauspieler, Autor. Er war ein vielseitiger Künstler und ein engagierter Vermittler der Perspektiven und Interessen behinderter Menschen, zunächst als Fachgebietsleiter für das damals noch so bezeichnete „Behindertenprogramm“ der Münchner Volkshochschule und später, von 1984 bis 2008, als Geschäftsführer der „Arbeitsgemeinschaft Behinderung und Medien“. Er war Mitglied des Deutschen Ethikrates und von 1994 bis 2001 Präsident der internationalen Dachorganisation EUCREA, der europäischen Vereinigung zur Förderung von Kreativität und Kunst behinderter Menschen. Als 2003 das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderung ausgerufen wurde, diskutierte er mit Wolfgang Schäuble über eigene Erfahrungen sowie über den Umgang der Gesellschaft mit behinderten Menschen. Der eine querschnittgelähmt, der andere kleinwüchsig, auf den Rollstuhl angewiesen und von einem Erbdefekt gezeichnet: Radtke hatte Glasknochen.

Radtke als Kafkas Rotpeter - unvergesslich

Seiner Dissertation über Rabelais, Diderot und Claudel hatte Radtke den Titel „Das Problem ,Brüchigkeit‘“ gegeben und ließ ihr mehrere autobiographische Bücher folgen. Er gehörte zu den Mitbegründern des Münchner „Crüppel Cabarets“ und der Gesellschaft für Osteogenesis Imperfecta, die in den achtziger Jahren antrat, um darüber aufzuklären, dass dieser Gendefekt nicht als Krankheit, sondern als Behinderung zu betrachten sei. Obwohl Glasknochen nicht mit kognitiven Einschränkungen einhergehen, wurden Kinder wegen ihrer körperlichen Einschränkung damals noch oft auf Sonderschulen geschickt. In den letzten Jahren warnte er vor möglichen Folgen der Pränataldiagnostik.

Radtke inszenierte Taboris „Goldberg-Variationen“, er spielte Gaston Salvatores Stalin, war der gealterte Oskar Matzerath in der Verfilmung der „Rättin“ und Schillers Großinquisitor im „Don Karlos“. Unvergesslich bleibt er in Kafkas „Bericht für eine Akademie“. Solange der Fremde nicht gleichberechtigt ist, gehe Radtkes Rotpeter uns unter die Haut.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spiegel, Hubert
Hubert Spiegel
Redakteur im Feuilleton.
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