Ukraine und Stalins Völkermord

Schostakowitschs Chefankläger

Von Jan Brachmann
02.07.2022
, 13:54
Richard Taruskin (1945 bis 2022)
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Für ihn war „Lady Macbeth von Mzensk“ eine musikalische Rechtfertigung von Stalins Völkermord an den Ukrainern. Auch an der Authentizität der historischen Aufführungspraxis hatte er Zweifel. Jetzt ist der Musikwissenschaftler und Kritiker Richard Taruskin gestorben.
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Für Richard Taruskin war der Komponist Dmitri Schostakowitsch alles andere als ein Dissident gegen den Stalinismus. Dessen Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ ist zwar 1936 in der Tageszeitung „Prawda“ im Auftrag Stalins als „Chaos statt Musik“ diffamiert worden, doch das muss mehr oder minder ein Missverständnis der Motive des Komponisten gewesen sein. Denn, so Taruskin, wenn man sich das Opernlibretto ansehe und die musikalische Zeichnung der Charaktere durch Schostakowitsch studiere, so müsse man das Werk als „Verteidigung der gesetzlosen Auslöschung der Kulaken“, also der Großbauern, begreifen, die Stalin in den dreißiger Jahren mit äußerster Brutalität betrieben habe und die auch den Holodomor, die Auslöschung eines Großteiles der ukrainischen Bevölkerung durch eine gezielt ausgelöste Hungerkatastrophe, befördert habe. „Lady Macbeth von Mzensk“ von Schostakowitsch sei ein „zutiefst inhumanes Werk der Kunst“ schrieb Taruskin. „Seine abschreckende Behandlung der Opfer kommt einer Rechtfertigung des Völkermords gleich“.

Taruskins Polemik gegen das Dissidentenbild, das bis heute in Filmen, Programmheftkommentaren und Büchern über Schostakowitsch gezeichnet wird, war ausdauernd. Dass man das Buch „Zeugenaussage“ von Solomon Wolkow, die angeblich authentische „Lebensbeichte“ Schostakowitschs, für bare Münze nahm, bezeichnete Taruskin als den größten kritischen Skandal des Jahrhunderts. Als der Schostakowitsch-Roman „Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes erschienen war, warnte Taruskin prominent davor, Fiktion für Fakten zu halten. Und sein Urteil hatte Gewicht. Richard Taruskin, am 2. April 1945 als Kind einer jüdischen Familie in New York geboren, war einer der bedeutendsten Musikwissenschaftler der Welt und als regelmäßiger Autor für „The New York Times“ und „The New Republic“ zugleich einer der prominentesten Musikkritiker der Vereinigten Staaten.

© Kyoto Prize/YouTube

Als junger Mann hatte er in einem Ensemble Gambe gespielt und Musik der Renaissance ediert. Gerade diese intime Kenntnis der Werke wie der Spieltechnik legitimierte ihn dazu, Exponenten der historischen Aufführungspraxis wie die Dirigenten Roger Norrington und Nikolaus Harnoncourt publizistisch anzugreifen, dass deren Interpretationsweisen für eine gesteigerte historische „Authentizität“ stehen sollten. Sie seien aus dem Zeitgeschmack des späten zwanzigsten Jahrhunderts entstanden. Harnoncourt zumindest war für diese Art von Kritik zugänglich und betonte mehr und mehr, wie gegenwartsbezogen seine Suche nach der Sprachmacht von Musik war.

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Berühmt wurde Taruskin aber als Experte für russische Musik. Seine Studien zu Igor Strawinsky förderten zutage, dass die Beschäftigung des Komponisten mit russischer Folklore tiefer ging und länger andauerte, als bislang angenommen. Seine intime Kenntnis der Musik von Modest Mussorgski ließ ihn erkennen, dass Claude Debussy am Anfang seiner „Nocturnes“ für Orchester den Liederzyklus „Ohne Sonne“ von Mussorgski plagiiert hatte.

Taruskin prägte das Bonmot, russische Musik sei ein Fest für Semiotiker und die Hölle für Kritiker. Denn alles in ihr, die Wahl des Materials, der Verarbeitungstechnik, der Form, der Tempobezeichnung, der Tonart, könne ein Index sein, der auf etwas verweise, was außerhalb des Werkes liege: eine biographische, geschichtliche, politische Botschaft. Doch anders als der Deutsche Carl Dahlhaus, der in seinen „Grundlagen der Musikgeschichte“ behauptet hatte, dass Biographik und Sozialgeschichte für den Kunstcharakter der Werke „ohne Belang“ seien, war Taruskin davon überzeugt, dass auch die Kantaten Bachs und Symphonien Beethovens nicht in einem politisch und sozial entgifteten Cleanroom entstanden seien, sondern erst durch deren Verbindung mit allen übrigen Lebensbereichen des Menschen ihre Bedeutungsfülle und Bedeutungstiefe erreichen.

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Richard Taruskin verband analytische Detailschärfe mit breitestem kultur- und sozialgeschichtlichem Interesse, wissenschaftliche Strenge mit Lust am Streit, akademische Disziplin mit der Fähigkeit eines Schreibens, das auch Laien zugänglich war. Am Morgen des 1. Juli ist er in Oakland an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Er wurde 77 Jahre alt.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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