<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Schwarze im Ballett

Schwanenweiß, so weit das Auge reicht

Von Alexandra Albrecht
Aktualisiert am 17.08.2016
 - 13:12
Misty Copeland in „Schwanensee“ – als Durchbruch für schwarze Tänzer kann ihr Engagement kaum gelten.zur Bildergalerie
Warum sind auf vielen Bühnen schwarze Tänzer noch immer unterrepräsentiert? Das hat weniger mit Vorurteilen zu tun als mit den ungleich verteilten Chancen, eine solide Ausbildung zu erhalten.

Als die Afroamerikanerin Misty Copeland 2015 zur Prinzipalin des New Yorker American Ballet Theatre ernannt wurde, war der Jubel groß. Endlich sei das europäisch geprägte Schönheitsideal im Ballett überwunden, Tänzerinnen müssten nun nicht mehr weiß sein, hieß es. Diese Diskussion an Misty Copeland aufzuhängen ist erstaunlich, denn sie sieht so hellhäutig aus, dass sie eigentlich schlecht als Beispiel taugt. Die „Süddeutsche Zeitung“ griff ihren Fall jetzt in einem Artikel auf, der fordert, dass es mehr farbige Ballerinen und weibliche Choreographen geben müsse, gleichzeitig aber spitz bemerkt, dass Copeland die „mediale Maschinerie mit dem Öl“ ihrer Biographie geschmiert habe, ebenso wie die aus Sierra Leone stammende Michaela DePrince, Coryphée beim Het Nationale Ballet Amsterdam.

Mit der Inszenierung ihrer Person würde Copeland die Leistungen wirklicher Pionierinnen ausradieren, was in der Black Community nicht gut ankomme, verbreitet Dorion Weickmann ein Ressentiment ohne nähere Angabe der Urheber. Die Schreiberin findet die Skepsis, dass Copelands Beförderung nur ein PR-Kniff der Compagnie war, um ein anderes, schwarzes Publikum anzuziehen, berechtigt. Ohne mit einem Wort auf die Leistungen von Misty Copeland einzugehen.

Das ist schon perfide: wenn es Schwarze im Tanz so schwer haben voranzukommen, wie es der Artikel nahelegt, ihnen vorzuwerfen, dass sie ihre Karriere planen und Werbung in eigener Sache treiben. Wer solche Fürsprecherinnen hat, braucht keine Feinde mehr. Hätte man Margot Fonteyn, Marcia Haydee oder Sylvie Guillem vorgeworfen, dass sie sich sehr gut darzustellen wussten? Wohl kaum, und die Fans liebten den Kult um ihre Stars.

Afrika in Europa

Schon lange vor Misty Copeland waren in vielen Compagnien dunkelhäutige Tänzerinnen und Tänzer engagiert, in den Vereinigten Staaten und in Europa, wenn auch bis heute zahlenmäßig unterrepräsentiert und auch nicht immer ganz oben in der Hierarchie des Ensembles angesiedelt. Liegt das an den Vorurteilen der Ballettdirektoren, die sich keine Schwarze als Julia, Tatjana oder Giselle vorstellen können? Wird im Ballett noch ein Naturalismus verfolgt, den die Oper überwunden hat? Dagegen spricht der hohe Anteil brasilianischer, kubanischer und asiatischer Tänzerinnen in den europäischen Compagnien, die den Rollenbildern ja auch nicht entsprechen.

Der Grund dürfte eher in der sozialen Ungleichheit zu suchen sein; Afroamerikaner verfügen oftmals über ein geringeres Einkommen und können ihren Kindern keinen Ballettunterricht bezahlen. Und selbst wer es an eine Ballettschule schafft, muss damit rechnen, aussortiert zu werden, weil er den hohen Leistungsanforderungen und auch dem Körperideal des Balletts nicht entspricht, was im Übrigen für fast alle Menschen aller Hautfarben gilt.

Um Ballett zu lernen, bedarf es einer Schule - und davon gibt es in Ländern mit Balletttradition eben mehr als auf dem afrikanischen Kontinent. Aus Indien oder der Türkei stammende Tänzer findet man ebenfalls kaum auf europäischen Bühnen, der Grund dürfte derselbe sein. Helge Letonja, Choreograph und Leiter des in Bremen ansässigen „steptext dance projects“, arbeitet seit vielen Jahren in Afrika und mit afrikanischen Tänzern in Europa.

In Südafrika bestehe zwar eine nationalstaatlich organisierte Ballettschule, in vielen anderen afrikanischen Ländern aber nicht. Auch überwiege das Interesse an der eigenen Tanztradition, in der Ausbildung und bei den Choreographen. Weil tanzende Frauen in Afrika, vor allem in den muslimisch geprägten Ländern, lange den Ruf einer Prostituierten hatten, finden sich unter den Tänzern bis heute mehr Männer als Frauen. Letonja glaubt nicht, dass Ballettdirektoren eine rassistische Besetzungspolitik betreiben.

Kein vernünftiger Mensch bezweifelt, dass es unter Schwarzen herausragende Balletttänzer gibt. Der gebürtige Amerikaner Chidozie Nzerem gehört zu den eindrucksvollsten Kräften des Balletts am Rhein. Die Compagnie von Martin Schläpfer zeigt beispielhaft, wie bunt heute eine Balletttruppe besetzt ist, mit Akteuren vieler Nationen, Schwarzen und Weißen, Europäern und Asiaten. Für das Miteinander spielt das keine Rolle.

Interessanter ist doch, dass eine Tänzerin wie die Brasilianerin Marlúcia do Amaral, die für das Ballett viel zu klein und kompakt gebaut ist, eine so wichtige Rolle in einer Compagnie einnehmen kann: dank ihrer umwerfenden Bühnenpräsenz und ihrer Tanzkunst. Sie hätte bei George Balanchine sicher keine Chance gehabt. Doch das Ballett hat sich seither geöffnet und bevorzugt Typen mit Charakter, wenn sie denn technisch überzeugen. Gleichzeitig muss es auch erlaubt sein, für klassisch gestaltete Werke auf ideale Linien und gleiche Größen zu achten. Die Eingangsszene von Balanchines „Serenade“ wirkt nur, wenn die Frauen von ähnlicher Statur sind und nicht große und kleine durcheinanderstehen und der Eindruck entsteht, ihre Köpfe würden die Börsenkurve nachzeichnen.

Es wird sich behauptet

Letztlich geht es nur um das technische Können und die Ausdruckskraft, die jemand mitbringt. Deshalb ist der Gedanke an eine Quotierung nach Hautfarbe auch absurd. Sollen Ensembles künftig in dunkel- und hellhäutige Typen aufgeteilt werden? Soll Rasse wieder ein Auswahlkriterium sein?

Frauenquoten haben sich im öffentlichen Dienst bewährt, zur Förderung schwarzer Tänzerinnen und weiblicher Ballettchoreographen scheinen sie so sinnlos zu sein wie in dem vor einiger Zeit diskutierten Fall der Filmregisseure. Noch dominieren im Ballett unter den weltbekannten Choreographen eindeutig die Männer, allerdings gab und gibt es eine Reihe von Direktorinnen, unter ihnen Birgit Keil in Karlsruhe, Tamara Rojo in London oder Aurélie Dupont in Paris, die keinen Grund haben, Frauen nicht zu fördern.

Im deutschen Tanztheater sieht es ganz anders aus, es wurde von Beginn an von Frauen geprägt. Als Nachfolgerinnen von Dore Hoyer und Mary Wigman hatten Pina Bausch, Reinhild Hoffmann und Susanne Linke kein Problem, sich gegen Johann Kresnik und Gerhard Bohner zu behaupten. Sie alle sind in ihrer Arbeit aufgegangen, oftmals unter weitgehendem Verzicht auf ein Privatleben. Dazu ist nicht jede bereit.

Heute gehören Sasha Waltz und Anne Teresa De Keersmaeker zu den wichtigsten Protagonistinnen des zeitgenössischen Tanzes. Vielleicht kommt das engere, langjährige Verhältnis zwischen dem Choreographen und seiner eigenen Compagnie, wie es für das Tanztheater typisch ist, den Frauen entgegen. Auch im Ballett haben sich Frauen mit ihren Werken behauptet, Amanda Miller etwa und Marie Chouinard. Geschlechtergerecht quotieren lässt sich Kreativität nicht, aber fördern sollte man die Frauen.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.