Shakespeare in Bochum

Risse im Herzen, aber kein Sturm

Von Simon Strauss
Aktualisiert am 14.09.2020
 - 12:43
Kein zerstörtes Meisterwerk der Schöpfung: Pierre Bokma als König Lear in Bochum
Wenn alle Ordnung zusammenbricht, halten wir besser still: Johan Simons inszeniert „König Lear“ in Bochum als seuchenstarres Mienenspiel mit wunderbaren Schauspielern.

Wie stellt man Mangel dar? Als Fehlen von etwas. Wo kein direktes Spiel möglich ist, bleibt nur die Distanz. Aus Sicherheitsgründen wird alle Spannung aufgelöst. Jeder Ausbruch wirkt kontrolliert, jede Bewegung bleibt verhalten. Das Bochumer Ensemble spielt in seiner Eröffnungspremiere von Shakespeares „König Lear“ tastend, fast provisorisch. Zu Beginn sitzen die royalen Gefolgsleute in einem Wartesaal mit Kaffeemaschine und Desinfektionsmittelspender. In die Vorderwand hat Bühnenbildner Johannes Schütz fünf hohe Öffnungen geschnitten, durch die sie auf die Bühne treten können. Rechts am Portal dreht sich langsam ein alter Flugzeugpropeller, unauffällig und anlasslos, auch er übt provisorisch für den Tag, an dem ihm das Fliegen wieder erlaubt ist. Bis auf weiteres, bis wieder richtig gespielt und richtig zugeschaut werden darf, bleibt das Theater ein Ort verhaltener Spiele.

Nur einer will das nicht wahrhaben und bricht an diesem Abend ungestüm aus allen Vorgaben aus: Lears Narr, der hier auch schon in seiner dritten, wegen ihres Eigensinns verstoßenen Tochter Cordelia steckt. Anna Drexler steht vom ersten Moment an unter Volldampf, in ihr hat sich eine gewaltige Wut gegen die betrügerischen Verhältnisse angestaut. Sie schreit, sie trampelt, sie dampft. Als Tochter ist sie schon Narr, und als Narr bleibt sie noch Tochter – wo sie den Vater eigentlich anflehen soll, da brüllt sie, wenn Lear irr wird, streicht sie sich aufgeregt das kurze Haar nach hinten und sucht am Bund ihres Schottenrocks Halt. Ihr quirliges Spiel ist aufregend, überraschend, variantenreich – ein grandioses Ereignis.

Fatalistische Gelassenheit

Auch, weil Regisseur Johan Simons alle anderen auf der Bühne in eine Art statuarische Verhältnismäßigkeit zwingt. Keiner sonst darf springen, rasen oder Stühle werfen. Eine seltsame Starrheit liegt über dem ganzen Arrangement. Dass hier gerade alle Ordnung zusammenbricht, wie Gloster es schildert – „Liebe erkaltet, Freundschaft fällt ab, Brüder entzweien sich; in Städten Meuterei, auf dem Lande Zwietracht, in Palästen Verrat; das Band zwischen Sohn und Vater zerrissen“ –, kann man sich nur schwer vorstellen. Eher herrscht eine fatalistische Gelassenheit, als wäre die verheerende Untreue der Töchter und falschen Söhne, von der das Stück erzählt, nichts als ein weiteres Ereignis in einer sowieso schon in sich zusammengefallenen, zerstörten Zeit. Auf vollkommene Weise verströmt den Geist dieses Katastrophen-Ennui Oswald, der „milchlebrige, Ohrfeigen einsteckende Schurke“ und Haushofmeister, den Stefan Hunstein mit einer geradezu provozierenden Unberührtheit spielt, achselzuckend, süffisant lächelnd nimmt er den Geschehnissen jede Wirkung. Alles schon einmal dagewesen, Recht oder Unrecht nur eine Frage der Macht. Er wechselt opportunistisch die Seiten und gähnt dabei.

Das Personenverzeichnis ist in der Bochumer Fassung halbiert, von gut zwanzig treten nur zehn Figuren auf, der „treue“ Kent fehlt ebenso wie Curan oder Cornwell. Größere Anspielungen auf Shakespeares oder unsere Gegenwart sind unterdrückt, nur die außergewöhnlich einfallsreichen Kostüme von Greta Goiris ziehen mit phantasievollen Hut- und Kappenformen viel Aufmerksamkeit auf sich. Die größten Schwierigkeiten bereitet dem Abend sein Text. Besser gesagt: dessen Übersetzung. Die junge österreichische Autorin Miroslava Svolikova hat sie als Auftragsarbeit erstellt und dabei offensichtlich große Probleme gehabt. Die durchgehende Kleinschreibung als Ausweis einer rückwirkenden Gleichberechtigung der als patriarchalisch annotierten Shakespeare-Welt ist dabei noch das geringste, weil nicht hörbare Problem. Aber die Art ihres Umgangs mit der alten Tieck-Übersetzung, der zum Großteil im Austausch von einzelnen Adjektiven und der semantischen Aktualisierung von Bedeutungen besteht, ist für den Klang und die Wirkung des Textes verheerend: „der mensch kann die dinge erklären und wird doch von der realität erschlagen“ – so verwandelt man Shakespeares „King Lear“ in ein vorabgedrucktes Monatsstück bei „Theater heute“.

Fehlender Widerhall der Worte

Schon ganz zu Beginn des Abends tritt der König mit jener Selbstanzeige aus dem vierten Akt auf, nach der er nichts sei als ein „schwacher, kindischer“ Mann (so übersetzt Ludwig Tieck). In Svolikovas Übersetzung stellt er sich als ein „alberner und altersschwacher alter Mann“ vor. In der sinnlosen Dopplung von „alter“, blitzt schon auf, worum es der Übersetzerin geht, nämlich um die wenig überraschende Diffamierung Lears: noch ein „alter weißer Mann“, der abgewirtschaftet hat und zu Recht untergeht. Auf dieses Tendenzangebot geht Simons zwar nicht ein, und doch leidet sein Hauptdarsteller, der niederländische Schauspielstar Pierre Bokma, am fehlenden Widerhall seiner Worte. Er stapft Auswege suchend über die Bühne, aber bleibt weder Fisch noch Fleisch, weder kühl kontrolliert noch gefährlich wahnhaft. Kein „zertrümmertes Meisterstück der Schöpfung“, sondern eher ein freundlicher älterer Herr, der über seine plötzlich verzweifelte Lage etwas verblüfft ist. Nur, wenn sein Narr auftritt, ihn in die Seite knufft oder Onkel nennt, bekommt dieser Lear etwas Leben. Von einem wirklichen „Sturm“ aber fehlt in Bochum jede Spur.

Wenn Luft zur Strafe wird

Und doch lässt man sich die langen drei Spielstunden gefallen, weil hinter all der distanzierten Starrheit eben wunderbare Schauspieler tastend nach neuen Formen des Ausdrucks suchen. Steven Scharf zum Beispiel, wie er als Graf von Gloster vorn an der Bühne steht und einsehen muss, dass er von seinem Ziehsohn Edmund grausam getäuscht wurde, wie er den Mund halboffen lässt, zwischen Staunen und Abscheu unentschieden, und sich „in seinem Herzen Risse“ bilden. Solch ein Moment wirkt hier mehr als viele – fahrlässig übersetzte – Worte, in ihm spiegelt sich all die Sünde, all die kalte Verachtung, all das Grauen, von dem dieses Weltenstück handelt. Geschrieben im Winter 1604/1605, als draußen die Pest wütete, gezeigt im Frühherbst 2020, in „schwierigen Zeiten“ (Ansage der Deutschen Bahn auf dem Weg zu Bochums Hauptbahnhof). Die Angst vor Lears Fluch ist dieselbe geblieben: „Dass jede Seuche, die die Luft zur Strafe der Sünder beherbergt, auf meine Töchter stürze.“

Quelle: F.A.Z.
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