Shakespeare

Lernt, euren Herzschlag zu erhöhen und zu erschaudern!

Von Botho Strauß
23.04.2016
, 19:57
Man kann einem jungen Autor nur raten: Geh tief in den Shakespeare hinein!
Zum „Othello“ sollte es nicht mehr kommen: Über Shakespeare, sein Theater der Überwältigung und den Regisseur Luc Bondy.
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Auf dass die ganze Welt voll Shakespeare wär, und sonst gäb’s nichts! Kein Genre der Literatur, nicht Lyrik und nicht Epik, kennt einen einzigen Sonnenkönig, der alle überstrahlt und nie vergeht. Ihn gibt es nur beim Drama. Müsste ich einem jungen Autor raten, wie er sich am besten rüste, außerhalb des eitlen Betriebs, so würde ich ihm raten: Geh, so tief du kannst, in den Shakespeare hinein, und lerne dabei, noch tiefer zu gehen. Trainier dein Gemüt. Nicht etwa um Dramatiker zu werden, das wäre verlorene Liebesmüh. Nein, um deinen Herzschlag zu erhöhen, das Erschaudern zu erlernen, Menschen bei dir einzulassen, die über das uns geläufige Menschenmaß groß sind. Um schließlich – vielleicht die wichtigste Lehre – es kaum begreifen zu können, was sich da alles abspielt. In welchem Prunk die Sprache steht. Wie Dialog allein entscheidet über Sieger und Besiegte.

Das Elend der Postmoderne war immer ihre fadenscheinige Intelligenz. Zumal das Theater hat im Falle Shakespeares das Ausweichen mit vielen Mitteln betrieben, hat Pathos durch Comedy-Scherze, die komplexe Metapher durch platten Jargon ersetzt. Stets wird etwas bravgemacht der Gegenwart zugeführt, das eigentlich Gegenwart vergessen lassen und entführen sollte in die Sagenwelt uns entschwundener Formen und Empfindungskräfte. Mit anderen Worten: Um je einer Überwältigung durch Shakespeare zu begegnen, sollte man besser nicht ins Theater gehen. Dort unten toben die Wichtel, die zu sich hinab verkleinern, wohin sie nicht aufschauen können.

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Der Kern des Liebesverhängnisses

Auch wenn es blasphemisch klingt, doch einzig im Werk Shakespeares ist man einer Religion des Menschlichen nahe, vor der man zu knien hat, statt zu strampeln. Von Rechts wegen müsste auf dem Theater immer szenische Urzeit herrschen, niemals Fortschrittszeit und Gegenwart. Für das Erlebnis der Überwältigung wird ein théâtre imaginaire, wird nur noch die inszenierende Lektüre gut sein. Katharsis daheim. Man wird vielleicht das Lesedrama wiederentdecken, wie es zur Goethe-Zeit verbreitet war. Oder man nimmt etwas Technik zu Hilfe und sieht sich in behelfsmäßiger Inszenierung den vollendeten Othello des Lawrence Olivier an. Schwarz geschminkt, von Zunge bis Zeh ein Neger, mit allen rassebetonenden Finessen, wie geschaffen für den Protest politischer Korrektheit aus unseren Tagen. Aber dann – wenn er der geliebten Frau, die er erwürgte, noch einen Klaps gibt auf die Wange, zu prüfen, ob sie wirklich tot ist, dann trifft uns mit ganzer Gewalt die geniale kleine Gebärde, die Großes überlebensgroß macht – wofür einmal das Theater das einzige Medium war.

Botho Strauß, Schriftsteller und Dramatiker
Botho Strauß, Schriftsteller und Dramatiker Bild: Ruth Walz

Also muss man sich das Erlebnis Shakespeare zusammensetzen aus Lektüre (Original und Schlegel/Tieck), Verfilmung, Erinnerung an ernste Schauspielkunst. So etwa an den Wiener Lear, inszeniert von Luc Bondy, dem letzten Theaterregisseur mit Innenleben, wovon er teilend viel vergab an seine Darsteller, in diesem Fall vor allem an Gert Voss.

Wenige Wochen vor Bondys Tod kam ich zu ihm nach Valens, einer Klinik oberhalb von Bad Ragaz, wo er sich von allerlei gesundheitlichen Belastungen vorerst erholte. Er plante als nächste zentrale Inszenierung am Pariser Odéon den „Othello“. Nichts schöner, als mit ihm, dem Freund, dem gleichgestimmten Theatergefährten, über so viele Jahre hin, nun eine gemeinsame Lektüre zu beginnen, sich Kürzungen vorzustellen, die das Stück intimer machen und auf den Kern des furchtbaren Liebesverhängnisses konzentrieren könnten. Ja, wir waren auf dem Weg, uns die Tragödie noch einmal verwirklicht vorzustellen auf der Bühne, weitgehend in eine abgestufte Dunkelheit getaucht, in der, Nachtszene um Nachtszene, das Unabwendbare so fortschreitet, dass der Zuschauer am liebsten laut aufschreien möchte gegen den Trug, dazwischenrufen, wie das Kind beim Kasperlspiel.

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Leider ist es nicht mehr zu einer Inszenierung gekommen. Mein Freund ist tot. Aber das Gespräch mit ihm über „Othello“ werde ich noch lange fortsetzen.

Quelle: F.A.Z.
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