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„Maß für Maß“ in London

Wie viel Freiheit erträgt eine Gesellschaft?

Von Simon Strauß, London
 - 22:49
Genaues Spiel mit geringer Ausstattung, völlige Hingabe an den Text: Graeme Brookes als „zügelloser Gefangener“ Bernardino.

Sie spielt, als hätte Zeit ihr nichts zu sagen, als wären Moden nur dazu da, übersehen zu werden: Die Royal Shakespeare Company tritt seit ihrer Gründung 1960 auf und ab wie eine stolze Königin, die weiß, dass ihre Macht nicht im Entscheiden liegt, sondern im steten Überdauern. Tatsächlich ist „Her Majesty The Queen“ ja auch wirklich die oberste Patronin der legendären Schauspieltruppe aus Stratford-upon-Avon. Ihr und ihrer ausdauernden Aura hat sie sich verpflichtet. An diesem regnerischen Londoner Abend wird „Maß für Maß“ gespielt, Shakespeares 1604 uraufgeführte „dunkle Komödie“ über Sinn und Irrsinn totalitärer Rechtsauffassungen. Regie führt Gregory Doran, der künstlerische Direktor der Truppe. Er hat die Handlung vorverlegt ins Wien von 1900, der Zeit von Sigmund Freud, Gustav Klimt und Karl Kraus.

Aber statt dieser Transformationsidee alles unterzuordnen, wird hier sehr zurückhaltend, im Grunde nur durch die Kostüme und das Programmheft, auf den veränderten Rahmen verwiesen. Keine Kommentierung, kein Fremdtext – man überspielt ja auch ein spätes Streichquartett von Beethoven nicht zwischendurch einfach mit Schönberg. In der Tat hat man an diesem gut dreistündigen Theaterabend mitunter eher das Gefühl, bei einem klassischen Konzert oder Ballett zuzuschauen, weil hier alles handwerklich so hervorragend gespielt und kunstfertig aufeinander abgestimmt ist.

Gespräche im Zentrum

Man ist das von deutschen Bühnen ja nicht gewohnt, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler all ihre Energie und Sorgfalt darauf legen, die gesprochenen Sätze mit ihren Körperbewegungen, Gesichtsausdrücken und Gesten in einen dynamischen Vielklang zu bringen. Ihre Rollen so zu spielen, dass alles zwingend natürlich wirkt, jede noch so kurze Pause überlegt, jeder Blick genau kalkuliert scheint.

Es ist ein sehr filmisches Schauspiel, das man hier sieht, dessen Spannung durch schnelle, messerscharfe Dialoge erzeugt wird. Durch eine ausdrucksvolle Mimik beim Abgang oder ein leidenschaftliches Sich-Abwenden zu Szenenbeginn. Die Gespräche zwischen den Figuren stehen an diesem Abend im Zentrum, ihre Wendungen erzählen die Geschichte. Ästhetisch lässt man sich dabei auf keine Experimente ein, vertraut auf ein paar Ausstattungsideen und Bildprojektionen im Hintergrund. Aber inhaltlich ist die völlige Hingabe an den Text im alten Shakespeare-Englisch natürlich ein harter Bruch mit den heute üblichen Theaterkonventionen.

Während man so einen Abend in Deutschland schnell als „altbackenes Klassikertheater“ denunzieren würde, läuft das in London „außer Konkurrenz“ und wird selbstverständlich als Teil der vielfältigen Theaterszene akzeptiert. Das Haus ist voll, die Zuschauer sitzen mit Popcorn auf dem Schoß in ihren bequemen Sesseln und staunen über das souveräne Könnensbewusstsein der Spielerinnen und Spieler.

Maximaler Machtmissbrauch

Vor allem Sandy Grierson in der Rolle des Angelo, des gefallenen Engels, „dem statt des Bluts Schneewasser in den Adern fließt“, und der in einem blinden Eifer vorehelichen Sex unter Todesstrafe stellt, ist phantastisch. Sein verzogener, von aller Kleidung unvorteilhaft eingeklemmter Körper zeugt von der Doppelmoral, der er gehorcht, und die ihn zum maximalen Machtmissbrauch treibt: Für die Begnadigung ihres unter den neuen Sittengesetzen straffällig gewordenen Bruders verlangt er von Isabella, die gerade ihr Keuschheitsgelübde abgelegt hat, sexuelle Gefügigkeit.

Der „MeToo“-Moment, in dem Angelo der erschreckten Nonne in den Schritt fasst, wirkt hier so schockierend, gerade weil nichts ausbuchstabiert oder proklamiert wird, sondern sich nur die blanke männliche Triebgewalt darstellt und durch Isabellas still-entrüsteten Schrei Anklage erfährt. „Zu wem soll ich gehen? Wer wird mir glauben?“, ruft die junge Lucy Phelps wenig später ins Publikum und verzweifelt an Angelos brachialer Prophezeiung: „Mein Falsch besiegt dein Wahr.“

Shakespeares letzte Komödie ist schwer zu fassen. Dass ändert sich auch nicht dadurch, dass man den Text vom Blatt spielt. Die vielen wechselnden Sympathie-Konstellationen im Stück führen leicht in die Irre und kulminieren in einen radikal offenen Ausgang. Der alte Herzog (edelmütig, fast wie seinerzeit Sean Connery: Antony Byrne), der seine sittenlose Stadt verlässt, um als Mönch verkleidet wiederzukehren, spricht zwar am Ende Recht mit den berühmten Worten: „Liebe für Liebe, bittern Haß für Haß, Gleiches mit Gleichem zahl ich, Maß für Maß.“

Sprengkraft der glühenden Begierde

Aber nur, um es im nächsten Moment selbst wieder zu brechen. Und Isabella, auf deren Schicksalsseite man per se steht, erweist sich im Gespräch mit ihrem todesängstlichen Bruder plötzlich als so kalte und gefasste Dogmatikerin, dass man sich erstaunt von ihr abwendet. Nur um dann später wieder umso stärker von ihrer großherzigen Güte beeindruckt zu werden – wenn sie nämlich ihren zum Tode verurteilten Missetäter Angelo vor Gericht verteidigt und so das Gebot der Feindesliebe kraftvoll erfüllt.

Wie viel Freiheit erträgt eine Gesellschaft, damit ihr die Wahrheit nicht abhandenkommt? Die Rechtschaffenheit ihren Wert behält? Welche Gedanken darf sie zulassen, welche Taten muss sie verdammen? In „Maß für Maß“ führt Shakespeare einmal mehr die Sprengkraft der glühenden Begierde vor, das brutale „Eigenrecht des Blutes“, das in Wallung gerät und alle Wertvorsätze ins Gegenteil verkehrt: Kaum hat Angelo die schöne Nonne gesehen, ist er ein anderer. Plötzlich erscheint ihm der Staat „wie ein gutes Buch, zu oft gelesen“ und alle Tugend wie eine leichte Feder im Wind. Nichts treibt ihn jetzt mehr als die Erfüllung seiner Lust, als die böse Sehnsucht danach, das Unschuldige schuldig werden zu lassen. Im Sex-Fieber tritt er das eigene Gesetz mit Füßen und tauscht es gegen die Selbstjustiz des Fleisches ein.

„Take, oh take those lips away“, singt dann hoffnungsvoll ein Junge zu Beginn des vierten Aufzugs. Gespielt wird er hier, in alter Cross-Gender-Tradition, von einer Frau – so wie die Company auch sonst sehr durchmischt mit einer großen Vielfalt an Akzenten und Hintergründen auftritt. Denn sie will ja, so heißt es in der Selbstbeschreibung, „die Nation repräsentieren“. Aber nicht dadurch, dass sie ihre diversen Identitäten selbstbezogen zum Thema macht, sondern damit Shakespeares „Maß“ ein bisschen besser entspricht. Und seiner reichen Welt Stück für Stück näherkommt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt /  Strauss, Simon
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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