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Theaterserie: Anna Gmeyner

Euer Trost kostet zu wenig

Von Sasha Marianna Salzmann
 - 16:27
Sieht nur aus wie eine Theaterkulisse: ein echtes Automatenrestaurant in San Francisco

Was gäbe das für ein Bühnenbild! Die Wand von oben bis unten bestückt mit Snackautomaten, vollgestopft mit Rheinlachs- und Jagdwurstbrötchen – man wirft eine Münze in den Schlitz, das Fach fliegt auf, und man bedient sich. In der Ecke steht das Klavier, an einer weiteren Wand sind die Zapfhähne montiert. Bier wird in Anna Gmeyners „Automatenbüfett“ von der Wirtin Frau Adam frisch an den Tisch serviert oder von der gerade aus dem Teich gefischten Eva, die sich schon im Vorspiel dieses Theaterstücks zu ertränken versucht. Ihr Don Juan, ein Staubsaugervertreter und Möchtegern-Dichter namens Boxer, kommt später im Stück dazu, und wird sie erneut bedrängen, doch davor versammelt sich noch allerlei Kleinstadtvolk in der Gastwirtschaft, um sich zu besaufen und zu streiten: „Es ist immer wo geschossen worden, seit die Welt besteht . . . Lebenskunst, das ist die Kunst, nicht dabei zu sein, sondern im Nebenzimmer“, faucht der Apotheker den Journalisten an, damit der keine beunruhigenden Nachrichten in die Zeitung setzt.

Während die Wichtigtuer mit den Kleinkriegen in ihrem Anglerverein beschäftigt sind, wird am Ende des Dreiakters ein Taugenichts und „käsefarbener Schlacks“, der vorher die Maschinen mit Bleiknöpfen manipuliert hat, das Automatenbüfett an sich reißen und alle, die sich ihm nicht unterwerfen, zu Feinden erklären.

„Europa ist ein Pulverfass, in das jeden Moment der zündende Funke fallen kann“, schrieb die Österreicherin Anna Gmeyner Anfang der dreißiger Jahre in ihrem Stück „Automatenbüfett“. Im Oktober 1931 wurde es am Thalia Theater in Hamburg uraufgeführt und von der Kritik in einem Atemzug mit Marie-Luise Fleißers Arbeiten genannt. Im Dezember 1932 führte es das Theater der Schauspieler in Berlin auf, im März darauf erstattete der Völkische Beobachter Anzeige, und man nahm es vom Spielplan. Die Jüdin Gmeyner lebte da bereits im Pariser Exil, 1935 ging sie nach England. Sie arbeitete als Drehbuchautorin für den Film, wechselte danach zur Prosa und veröffentlichte mehrere Romane. Nach Deutschland kehrte sie nie wieder zurück, und auch nicht auf die Bühne. Theater geht nicht in der Einsamkeit; Gmeyner war von ihren Mitstreiterinnen abgeschnitten.

Vorwurf der „Tendenz“ in ihrer Arbeit

Ihre ersten Bühnenerfahrungen hatte die 1902 in Wien Geborene als Dramaturgin bei Erwin Piscator in Berlin gesammelt. Laut Selbstaussage wollte sie sich mit „Automatenbüfett“ von der Arbeit mit Piscator erholen. Und womöglich auch von der Arbeit als antifaschistische Aktivistin. Ihre vorangegangenen Texte wurden als „Tendenzstücke“ kritisch beäugt, gemeint war die deutliche politische Botschaft: Während eines Schottland-Aufenthalts verfolgte Anna Gmeyner die Streiks der Bergarbeiter und schrieb darüber in „Heer ohne Helden“, das mit Hauptmanns „Die Weber“ verglichen wurde. Darauf folgte das sogenannte Fabrikstück „Zehn am Fließband“, in dem der jüdische Arbeiter Markowski eine Methode entwickelt, wie man mit weniger Beschäftigten höhere Produktivität erreicht und damit den Gewinn steigert. Er wird dafür von seinen Kollegen bedroht und ausgestoßen und verliert zum Schluss den Verstand. Zu dem Vorwurf der „Tendenz“ in ihrer Arbeit sagte Gmeyner: „Das liegt mehr an den Verhältnissen als an mir.“

In „Automatenbüfett“ nun finden wir alle Stereotypen einer kleinbürgerlichen Gemeinschaft: den Oberförster, den Schulrat, den Stadtrat, den Apotheker, den Kaufmann . . . Sie alle kommen am Stammtisch zusammen, um sich als Großpolitiker zu gebärden, wenn es etwa darum geht, Projekte wie die Trockenlegung eines Fischteichs zu diskutieren. Man hat den Gutgläubigen, den Patrioten, den schmierigen Zeitungsredakteur, die Schöne, die die Männer betört. Der Text schafft eine Spielwiese für ein ganzes Ensemble, und die Regie könnte die Hälfte der Männerrollen an weibliche Schauspielerinnen vergeben, um der Besetzungsfalle zu entkommen, die besagt, man dürfe nur spielen, was man sei. Zudem haben Frauen spätestens seit der letzten Bundestagswahl bewiesen, dass sie die gleichen Halunken und Deppen sein können wie Männer, warum also nicht auch weibliche Körper pöbeln, Bier trinken und auf den Hintern von Eva starren lassen, die als ein „Haken“ bezeichnet wird, an dem sich alle festmachen wollen. Eva aber scheint klüger als die um sie Herumschwirrenden: „Warum sprechen alle Leute, wenn sie einen trösten wollen, immer so von allgemeinen Sachen, die nichts kosten?“, fragt sie.

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Die Kritik urteilte, „Automatenbüfett“ sei Horváths Volksstücken wie etwa den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ ebenbürtig, nur fehle Gmeyner sein kühler Blick. Zart und gleichzeitig derb sind auch ihre Szenen, in denen sie das Widersprüchliche und Zerrissene ihrer Charaktere mit poetischen Sätzen und viel Satire anschaulich macht. Man könnte das Stück als Komödie inszenieren, etwa wenn Bierkrüge durch die Luft fliegen und einem als Herold Verkleideten das Gesicht zerschneiden, so dass er nicht mehr Trompete spielen kann. Und dann wird auch noch die Fahne des Anglervereins beschmutzt und muss mit Benzin saubergeschrubbt werden: „Stinken tut sie ein bisschen, aber das gibt sich an der Luft.“

Der Vorwurf, Anna Gmeyner habe sich für eine politische Ideologie einspannen lassen, stimmt nicht, denn linke Intellektuelle warfen ihr immer wieder den fehlenden Klassenstandpunkt vor und dazu noch eine Überrepräsentation jüdischer Charaktere. Eingeklemmt zwischen immer aggressiver auftretendem Antisemitismus und den immer härter geführten Kämpfen zwischen links und rechts, schuf Anna Gmeyner komplexe Figuren, die Opfer und Täter in einem sind. Man kann ihnen trotz allem das Mitgefühl nicht verwehren, wenn sie „tieftraurig, von der Erde her“ flüstern: „Ich wollte, ich wäre zwei kleine Hunde und könnte miteinander spielen.“ Anna Gmeyner war eine Chronistin ihrer Zeit, und ihre Stoffe sind auf bedrückende Weise heutig.

Die Verfasserin ist Dramatikerin und Autorin. 2017 erschien ihr Romandebüt „Außer sich“.

Die Theaterserie „Spielplan-Änderung“ stellt Bühnenstücke vor, die unbedingt mehr gespielt werden müssen. Alle bisherigen Beiträge finden Sie unter faz.net/theaterserie.

Quelle: F.A.Z.
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