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Theaterserie: Euripides

Der Sinn der Menge stiftet nur Verderben

Von Peter von Becker
 - 13:02
Eine moderne Iphigenie: Szenenfoto aus Omar Abusaadas Inszenierung von Euripides „Iphigenie“ an der Berliner Volksbühne

Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Militärisch und meteorologisch. Denn die bis dahin wohl größte Flotte der Kriegsgeschichte mit ihren tausend Schiffen und Heerscharen aus ganz Griechenland sitzt in der Meerenge vor Euböa fest, im Hafen von Aulis. Eine wochenlange Windstille lähmt ihre Segel, so stockt der Aufbruch nach Troja, um dort die Entführung der schönen Helena, der Frau des griechischen Fürsten Menelaos, als ausländischen Anschlag zu rächen. Unruhe breitet sich aus. Die von Agamemnon, dem Herrscher von Theben, Bruder des Menelaos und Oberbefehlshaber der griechischen Armee, zuvor mit allerlei politischen Versprechungen oder Verschwörungstheorien geschmiedete Koalition der Willigen droht zu zerbrechen, die geschürte Kriegsbegeisterung in der anhaltenden Flaute zu versiegen.

Und im Hintergrund der hohen Politik gärt ein Familiendrama sondergleichen. Es geht um Agamemnons Tochter Iphigenie, die der zwischen väterlicher Liebe, Feldherrenehrgeiz und politischem Kalkül zerriebene Stratege der Göttin Artemis opfern soll. Weil Agamemnon auf der Jagd im Hain der Artemis irrtümlich eine heilige Hirschkuh erlegt hat, verlangt die Göttin, die auch dem Wind gebietet, zur Beendigung der Flaute die Opferung des jungen Mädchens. Wovon das Heer und das Volk erst mal nichts erfahren. Es ist eine militärpolitische Geheimsache, die ihrerseits Konspiration und Spekulationen schürt. Das alles zeigt ein sehr modernes Stück, das vor kaum mehr als 2400 Jahren entstanden ist.

Camp David Atmosphäre

Tatsächlich ähneln einige Gespräche im Oberkommando in Aulis, wie sie der Dramatiker Euripides kurz vor seinem Tod um das Jahr 406 v. Chr. in der wundersam hellsichtigen „Iphigenie in Aulis“ erdacht hat, auch den Erörterungen in Camp David: Als gerade vier Tage nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ein „Kriegskabinett“ des amerikanischen Präsident George W. Bush insgeheim die militärische Vergeltung mit Angriffen auf Afghanistan und den Irak beschloss. Dazu brauchte es freilich eine willige Koalition und eine publizistisch-populistisch vorzubereitende „Unterstützung im Volk“ (so der damalige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld). Man kann das nachlesen in dem mit autorisierten Zitaten gespickten Buch „Bush at War. Amerika im Krieg“ von Bob Woodward, der mit einem Kollegen der „Washington Post“ einst auch Watergate aufgedeckt hat.

Gewisse Parallelen zu heute, Stichwort Iran, sind offensichtlich. Aber solch verblüffende Analogien führt bereits Euripides in seinem letzten, wohl zusammen mit den „Bakchen“ entstandenen Drama uns vor. Nur führen es die deutschen Theater seit Jahrzehnten nicht auf. In den Dramaturgien: Eyes wide shut. Wenn, dann kennt man gerade noch die gleichfalls auf einer Vorlage des Euripides gründende, zeitlich später spielende „Iphigenie auf Tauris“ in Goethes nach eigener Auskunft „verteufelt humaner“ Version. Oder man begegnet jener gealterten Iphigenie in Glucks Oper und denkt an Anselm Feuerbachs elegisches Gemälde der an der Küste des fernen Tauris voll Heimweh sinnierenden Exilantin.

Sterbensangst und Lebensliebe

Dabei ist die „Iphigenie in Aulis“ das viel bemerkenswertere Stück. So poetisch konzentriert hat sonst nur die „Antigone“ von Sophokles im immer wieder erstaunlichen antiken Theater Politik und Privatgeschichte kontrastiert. Auch hier geraten individuelle Moral und Staatsraison in einen kaum lösbaren Konflikt. Wobei Euripides, der frühe Aufklärer, die mythische Vorgeschichte mit der heiligen Hirschkuh souverän beiseitelässt. Er schaut nicht auf die Götter, er sieht die Menschen. Die erschütternde Auseinandersetzung um Iphigeniens drohenden Opfertod, die das Elternpaar Klytaimnestra und Agamemnon entzweit und die junge Iphigenie schon wie eine Figur von Kleist zwischen Sterbensangst, Lebensliebe und Todeseuphorie taumeln und schweben lässt, sie ist von grandioser Spannung. Doch fast unheimlich gegenwärtig wirkt, wie Euripides gleichsam nebenbei die Mechanismen des politischen Populismus erzählt. Mit den dramatischen Windungen und Wendungen der Volksführer und Stimmungspolitiker Menelaos, Agamemnon, Achill sowie im nur angedeuteten Hintergrund auch Odysseus entsteht eine frappante Nahaufnahme von beschädigtem Idealismus und dem krebsartig fortschreitenden Karriere- und Opportunitätsdenken, das über Krieg und Frieden, Tod und Leben von Einzelnen oder Zehntausenden entscheidet. Was durchaus zur Bürde der Würde wird. Agamemnon wünscht sich im Dialog mit seinem Diener schon zu Beginn, ein Namenloser, ohne Beachtung der Öffentlichkeit zu sein. Auch das Volk, das nach Helden, Krieg und, als es vom vermeintlich nötigen Iphigenien-Opfer erfährt, als schierer Mob nach Mord schreit, es bekommt sein Fett ab: „. . . die Menge? / Ihr schillernder, niemals zufriedener Sinn / Stiftet doch nur Verderben“, heißt es in Ernst Buschors Übersetzung.

Kein Wunder, dass der Kritiker Alfred Kerr 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, Euripides „unseren Zeitgenossen“ nannte. Und kaum zu glauben, dass dieses Stück auf deutschen Bühnen, die sonst so scharf sind auf politische Aktualisierungs-Versuche, derart vergessen wurde. Immerhin hat es als einer der Ersten Friedrich Schiller übersetzt, im Revolutionsjahr 1789. Zudem gibt es eine Bearbeitung von Gerhart Hauptmann. Als Ariane Mnouchkine mit dem Pariser Théâtre du Soleil dann Anfang der neunziger Jahre ihren furiosen, auch bei Gastspielen in Deutschland gefeierten Antikenzyklus „Les Atrides“ inszenierte, hat sie der großen „Orestie“ des Aischylos höchst ingeniös die „Iphigenie in Aulis“ vorangestellt. Denn wie die blutige Geschichte des mythischen Atridenfluchs mit Iphigeniens Bruder Orest als Rächer und Töter ganz weltlich und furchtbar menschlich entstand, erfährt man in Euripides’ vergessenem, wenngleich unvergesslichen Meisterwerk.

Der Autor war Mitherausgeber von „Theater heute“ und bis 2005 Feuilletonchef des Berliner „Tagesspiegels“.

Quelle: F.A.Z.
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