Theaterserie: Friedrich Hebbel

Ein Volk von Irren feiert ein Fest

Von Peter Raue
27.07.2019
, 16:21
Hier tanzt die Witwe, als wäre sie Braut: Friedrich Hebbels rasantes Trauerspiel „Herodes und Mariamne“ ist eines der besten Stücke des Dramatikers. Warum wird es nie gespielt?

Niemand kennt dieses Drama, nie war es in den letzten sechzig Jahren auf einer großen Bühne zu sehen, und wer den Text lesen will, muss die Ausgabe „on demand“ erwerben: Sie wird für den einsamen Käufer gedruckt. Erstaunlicherweise gibt es eine textgetreue, aber ziemlich krude deutsche Verfilmung des Regisseurs Wilhelm Semmelroth aus dem Jahre 1965. Hebbel selbst hielt „Herodes und Mariamne“ für sein bestes Drama. Vor mehr als dreißig Jahren wollte der große Intendant und Regisseur Hans Lietzau das Stück unbedingt inszenieren, aber dazu ist es nicht gekommen.

Zu den Entstehungsdaten: Der 1813 in Schleswig-Holstein geborene Friedrich Hebbel wird nach Jahren der Wanderschaft 1846 sesshaft in Wien. Im Gepäck hat er das 1844 vollendete Trauerspiel „Maria Magdalena“, das zwei Jahre später seine triumphale Uraufführung am Burgtheater erlebt. Die Wiener Jahre – der 50-Jährige stirbt dort 1863 – bringen ihm endlich finanzielle Sicherheit. Es entstehen die wenigen Stücke, die auch heute noch von Zeit zu Zeit den Weg auf die Bühne finden: „Agnes Bernauer“, „Gyges und sein Ring“, die „Nibelungen“. Sein Trauerspiel „Herodes und Mariamne“ wird bereits 1850 am Burgtheater uraufgeführt.

Drama zweier Liebender

Der Inhalt dieses so wunderbaren wie grausamen Stückes ist schnell umrissen: Herodes liebt Mariamne so sehr, dass er seinem Statthalter befiehlt, sie zu töten, falls er im Krieg fällt. Aber Mariamne kann ihre Liebe nur leben, wenn Herodes sie selbst entscheiden lässt, nach dessen Tod aus dem Leben zu scheiden. Zum Dolch greifen „kann man tun, erleiden kann man’s nicht“, versucht sie ihrem Ehemann vergeblich einsichtig zu machen. „Herodes und Mariamne“ ist das Drama zweier Liebender, die nicht anders können, als ihre verhängnisvollen Entscheidungen zu leben – und deshalb zu sterben. „Charakter als Schicksal“, das ist Hebbels großes Thema in diesem Drama.

Atemberaubend ist die Exposition des fünfaktigen Dramas: Herodes hat Mariamnes Bruder Aristobolus töten lassen, weil er ihn verdächtigt, seinen Thron besteigen zu wollen. Trotz dieses schrecklichen Mordes liebt Mariamne den Mörder ihres Bruders. In dem ersten hochdramatischen Auftritt des Ehepaares fordert sie – vergebens – von ihm den Glauben an ihre Bereitschaft, sich zu töten, wenn er fällt. Vor seinem bevorstehenden Aufbruch in den römischen Krieg ernennt er Joseph, den Ehemann von Mariamnes Schwester Salome, zu seinem Vizekönig unter einer verhängnisvollen Bedingung: dass er im Falle seines Todes Mariamne ersticht, verbunden mit dem Auftrag, seine Weisung keinesfalls Mariamne zu offenbaren.

Schwur der Unschuld

Aber der seiner Königin hingebungsvoll zugewandte Joseph kann sein Geheimnis nicht verbergen. Der Hass Mariamnes auf das Misstrauen ihres Geliebten ist von alttestamentarischer Wucht. Der Konflikt explodiert förmlich im dritten atemlosen Akt: Dort begegnen sich Joseph, der Vizekönig, Salome und Herodes, der unversehrt aus dem Kriege zurückgekehrt ist. Als er das Erscheinen Mariamnes fordert, schleudert sie ihm ihren Zorn ins Gesicht: „Ob ihm sein Weib ins Grab freiwillig folgt / Ob sie des Henkers Hand hinunterstößt- / Ihm gleich, wenn sie nur wirklich stirbt! Er lässt / Zum Opfertod ihr nicht einmal die Zeit“. Statt den Wahnsinn seines Tuns einzusehen, befiehlt er, Joseph zu töten, weil er das Geheimnis seines mörderischen Befehles an Mariamne verraten hat. Das ist die Stunde der Salome, die die Eifersucht des Herodes kennt und Mariamne und Joseph des Ehebruchs bezichtigt. Zur Rede gestellt, verweigert Mariamne den Schwur der Unschuld. Statt ihr und ihrer Liebe zu glauben, erteilt Herodes, kurz bevor er wieder aufs Schlachtfeld zurückkehrt, ein zweites Mal den Auftrag, Mariamne umzubringen.

Als diese dann wenig später vom vermeintlichen Tod des Herodes erfährt, beschließt sie, ein Fest zu feiern. In diese „fête funèbre“, während „Sie tanzt!“ / ... „Als wäre sie, statt Witwe, Braut!“, platzt der totgeglaubte Herodes, überzeugt, seine Wiederkehr werde gefeiert, bis Salome ihn belehrt: „Die Kerzen haben dich betrogen / Hier wird gejubelt über deinen Tod“. Und immer noch hofft Mariamne, dass Herodes zum Glauben an ihre Liebe zurückfindet, stattdessen bezichtigt er sie des Betruges mit Joseph. Das Gericht erkennt auf Tod. Mariamne entzieht sich der Hinrichtung durch Selbstmord. Herodes und sein Gefolge erfahren davon durch den kurzen Satz der Salome: „Sie ging“.

Es darf nicht eines am Leben bleiben

In diese Todesnachricht bricht – was für ein Coup des Dramatikers Hebbel! – die Nachricht vom Besuch dreier Könige, die auf dem Weg zu einem in Bethlehem geborenen König seien. Als sie sich weigern, Herodes mitziehen zu lassen, lautet der letzte Befehl des Tyrannen: Der Hauptmann „soll die Kinder, die im letzten Jahr / geboren wurden, auf der Stelle töten / Es darf nicht eins am Leben bleiben“. Nun ist der vermeintlich Liebende ganz, was er schon immer war: ein Schlächter. Ob diese Flucht in einen schrecklichen Tötungsbefehl der verzweifelten Erkenntnis folgt, alles falsch gemacht zu haben, der Ahnung, dass Mariamne ihn nie betrogen hat? Nach dem Mordbefehl endet das Drama jedenfalls abrupt mit der Regieanweisung „er bricht zusammen“.

Mitreißend erzählt Hebbel in Blankversen mit jambischen Fünfhebern diese grausame Geschichte. Ihre Dramatik gründet nicht in den äußeren Ereignissen, sondern in den Charakteren, deren – um Hebbel zu zitieren – „Schicksal daraus hervorgeht, dass sie eben diese Menschen sind und keine andere(n), deren Schicksal aber dennoch ein furchtbares ist“. Heute liegt unsere Sympathie bei Mariamne, dieser emanzipierten und gerade deshalb so bedingungslos Liebenden. Hebbel lässt dagegen über seinen Herodes sagen, was ihn bezeichnet, der „mit verruchtem Witz / Bewies ..., wir sei’n ein Volk von Irren / Und er der einzige Verständige“. Hebbels „Herodes und Mariamne“ ist ein großartiges Drama, das es endlich verdient, wiederentdeckt zu werden.

Der Autor ist Theaterenthusiast und Rechtsanwalt mit Schwerpunkt auf dem Gebiet des Kunst- und Urheberrechts.

Quelle: F.A.Z.
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