Theaterserie: „Interieur“

Sie haben zu viel Vertrauen in diese Welt

Von Simon Strauß
17.06.2019
, 11:13
In „Interieur“ von Maurice Maeterlinck stehen zwei Männer am Fenster eines Hauses und halten, zu Unglücksboten gemacht, das Glück einer Familie in ihren Händen.

Ein Mädchen springt von der Brücke. Frühmorgens um halb sieben, die Promenade am Fluss ist noch leer, in der Ferne dröhnen die Motoren der Müllabfuhr. Ein junger Mann läuft zum Bahnhof, zieht den Kopf ein vor dem kalten Regen. Er ist als Erster an der Stelle, wo der tote Körper an Land geschwemmt wird. Die Tasche fällt ihm aus der zitternden Hand, er ruft um Hilfe, sieht einen Passanten weglaufen auf der anderen Flussseite, holt ihn zurück, damit sie zusammen sind, er nicht allein bleibt mit dem Schrecken, dem plötzlichen Einbruch des Unglücks.

So könnte die Vorgeschichte gehen zu einem Stück von Maurice Maeterlinck, das den mehrdeutigen Titel „Interieur“ trägt: Das Innere eines Hauses ist damit gemeint, in dem hinter erleuchteten Fenstern eine Familie lächelnd am Kamin sitzt und auf eine ruhige Nacht wartet. Alle Bewegungen scheinen hinter den beschlagenen, von Eisenstangen gesicherten Scheiben „wie vergeistigt“ zu sein, heißt es in der Regieanweisung. Das Geschehen im Haus ist nur zu sehen, nicht zu hören: Wie die beiden Schwestern den Kopf drehen, der Vater den Finger an die Lippen legt, die Mutter die Locken ihres Kindes streichelt – Gesten des bürgerlichen Wohlstands, der gelassenen Zuversicht. „Sie haben zu viel Vertrauen in diese Welt“, sagt der alte Mann, der draußen am Fenster steht und ihr ganzes Glück in seinen Händen hält.

Mühsame Hoffnung

Denn der Titel „Interieur“ meint auch das Innere des Menschen, seine Seele, die schwer verletzt ist, ohne dass jemand es bemerkt. „Monatelang lebt man neben einem, der nicht mehr von dieser Welt ist, für dessen Seele es keine Umkehr gibt; man antwortet ihm ahnungslos: und Sie sehen, was passiert“, sagt der alte Mann, der die Frau aus der Kirche kennt, gestern noch mit ihr gesprochen hatte, ahnungslos lächelnd – „es schien mühsam für sie, Hoffnung zu zeigen“, erinnert er sich jetzt.

Schon eine Stunde lang stehen sie am Fenster, der Fremde und der alte Mann, vom Schicksal zu Unglücksboten gemacht. Sie müssen es ihnen sagen, der alte Mann soll es tun, weil er die Familie kennt. Aber er zögert noch, will ihnen ein paar letzte Momente der Sorglosigkeit gewähren. Außerdem hat er Angst vor dem Schweigen, das auf seine Nachricht folgt, Angst vor den leeren Blicken, in dem Moment, wenn der Tod an ihren Augen vorüberzieht. Seine Enkelin kommt und zieht ihm am Ärmel: „Sagt es ihnen morgen, Großvater, sagt es ihnen, wenn es hell ist ... sie werden nicht ganz so traurig sein.“ Doch über den Berg kommen schon die Totenträger und bringen den aufgedunsenen Körper herbei. Der Schreckensmoment lässt sich nicht weiter aufschieben, jetzt klopft der alte Mann an die Tür, und drinnen heben alle gleichzeitig den Kopf.

Der Mensch ist seinem Schicksal ausgeliefert

Maeterlincks Einakter „Interieur“ ist ein Initialwerk der Moderne. In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts geschrieben, 1895 uraufgeführt in Paris, zeugt es von der Revolution, die sich damals in der Theaterliteratur ereignete. Die Anordnung des Geschehens wird radikal formalisiert, und die Sprache wird selbständig. Sie ist nicht mehr Ausdruck eines einzeln Handelnden, der auf Antwort wartet, sondern gibt eine Stimmung wieder, die er nicht beherrscht. Der Mensch ist seinem Schicksal ausgeliefert, sodass – anders als in der klassischen Tragödie – kein Kampf mehr lohnt. „Interieur“ spielt im Garten vor dem „glücklichen Haus“. Der Zuschauer schaut Zuschauern zu und fühlt sich mit ihnen wissend und herausgehoben. Dabei wird auch er angesehen von dem, der über alle Zukunft bestimmt: dem Tod.

In „Interieur“ wird das Verhältnis von passivem Zuschauen und aktivem Schauspielen umgekehrt und die Kategorie der Handlung durch die der Situation ersetzt. Damit ist das Stück ein zentraler Markstein auf dem verschlungenen Weg von Ibsen zu Beckett. Die totale Isolation des Menschen kündigt sich an, seine Existenz als Symbol, als Sinnbild für Schwäche und Schwere findet in den reglosen Zügen des alten Mannes und seines fremden Begleiters erstmals fundamental Ausdruck. Dazu kommen neue Anweisungen für die Bühnentechnik, das Licht spielt als Gegenüber der alles beherrschenden Dunkelheit des Todes in Maeterlincks Stücken eine tragende Rolle. „Interieur“ ist der Versuch, den Alltag als mysteriöses Moment erscheinen zu lassen und den Tod als Kurator des Seins in Szene zu setzen.

Glorifizierung der Innerlichkeit

Um 1900 herum hatte dieses kurze Stück des belgischen Dramatikers einen großen Erfolg. Weil es auf eine Krise im nervösen Bewusstsein der Zeitgenossen antwortete und die spirituelle Schwere der Existenz ins Gedächtnis rief. In Zeiten, in denen überall von Loslösung und Preisgabe die Rede war, bekannte sich einer zum Fatum, ließ den Tod auftreten und alle Hoffnungen auf Selbstbestimmung zerbrechen. Beckett ist in der Tat ein Erbe Maeterlincks und auch Ingmar Bergman, obgleich beide dem Schicksal die religiöse Ummantelung ausziehen und es nackt auf die Menschen einschlagen lassen.

Chesterton hat gesagt, dass mit Maeterlinck „die große Glorifizierung der Innerlichkeit auf Kosten der Äußerlichkeit“ markiert werde: „Dadurch wird der Materialismus nicht abgeschafft, aber unterlaufen. Maeterlinck erfindet nicht etwas, das poetischer, spiritueller oder gerechter ist als der Realismus, sondern etwas, das realer ist als er.“ Werbende Worte, die hier und jetzt, in unserer wirklichkeitsmüde gewordenen Kunstlage einen schönen neuen Klang entwickeln.

Wenn heute am deutschen Theater viel darüber nachgedacht wird, wie man so auf der Bühne spielen könnte, dass sich alle „gemeint fühlen“, dann könnte man dieses Stück geradezu paradigmatisch für die Möglichkeit einer Stimmung nehmen, die alle ergreift. Denn der Tod kennt keine Nationalsprache, und die Angst des Unglücksboten vor der Wucht seiner Nachricht steht über allen Gefühlsunterschieden. Somit ist „Interieur“ das Stück auch unserer Stunde. Wer glaubt, er selbst sei alles und ohne Lindenblatt, der wird wie eh und je vom Schicksal geschlagen. Eine Gesellschaft, die von höherem Walten nichts wissen will und den Tod aus ihrem Blickfeld verdrängt, muss ins Schwanken geraten.

Ein paar Jahre nach der Uraufführung von „Interieur“ komponierte Gustav Mahler seine „Kindertotenlieder“: „Oft denk ich, sie sind nur ausgegangen/ bald werden sie wieder nach Hause gelangen.“ Es ist der gleiche verlorene Ton, dieselbe verzweifelte Stimmung. Es ist die richtige Musik zum Stück – das man so gerne einmal wieder auf der Bühne sehen würde.

Die Theaterserie „Spielplan-Änderung“ stellt Bühnenstücke vor, die unbedingt wieder mehr gespielt werden müssen. Alle bisherigen Beiträge finden Sie unter faz.net/theaterserie.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt /  Strauss, Simon
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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