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Huaweis KI komponiert

Spitzel Schuberts

EIN KOMMENTAR Von Jan Brachmann
 - 12:38

Zum Schwein, das dem Menschen in vielerlei Hinsicht, vor allem in Fragen von Herz und Kreislauf, nahesteht, haben China und Deutschland kulturell ein unterschiedliches Verhältnis. In China sieht man das Schwein als Symbol von Glück und Reichtum an. Im deutschen Sprachraum wird das Verhältnis zum Schwein am besten illustriert durch die Rumpelverse, die Kurt David in seinem Buch „Begegnung mit der Unsterblichkeit“ dem wuttrunkenen Ludwig van Beethoven in den Mund gelegt hat: „Verachte immer Kunst und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft. So wirst du bald zu Ende sein und Brüderschaft machen mit dem Schwein.“

Das Schwein war Metternich und sein System der Geheimpolizei in Österreich nach dem Wiener Kongress. Beethoven nahm da kein Blatt vor den Mund, anders als sein jüngerer Kollege Franz Schubert und dessen Freunde, die das Verschweigen dessen, was sie wirklich bewegte, so weit verinnerlicht hatten, dass es sie depressiv machte. Johann Mayrhofer beispielsweise, von dem Schubert etwa fünfzig Gedichte vertonte und der den Komponisten literarisch beriet, entzog sich dem Zwiespalt, zugleich österreichischer Zensurbeamter und Poet zu sein, durch den Freitod. Wortlose Musik mochte die Zensur da leichter unterwandern und aussprechen, was sich nicht sagen ließ, wovon zu schweigen aber unmöglich war.

Der chinesische Huawei-Konzern vermeldet nun, er habe mit Hilfe Künstlicher Intelligenz die zweisätzige Symphonie h-Moll, die Schubert 1822 unvollendet hinterließ, samt der Skizzen für die fehlenden Sätze analysiert und vollenden lassen. Das Ergebnis klingt, soweit die im Netz mitgeteilten Ausschnitte es hören lassen, auch nicht dürftiger als die Plörre, die der „Komponist“ Alexandre Desplat über ansehnliche Filme kippt. Das wäre nun nicht weiter bemerkenswert, wenn nicht ausgerechnet Huawei, eine Firma, der immer wieder vorgeworfen wird, durch ihre Programme und Geräte Daten im Auftrag des chinesischen Geheimdienstes zu sammeln, jetzt also Schuberts Gedanken entschlüsselt haben und mit der Aktion dem ramponierten Namen wieder Glanz verleihen will.

Die Uraufführung in London fand am 4. Februar statt. Ein Silvesterfest im Zeichen der Sterne? Am nächsten Morgen, dem 5. Februar, begann nach chinesischem Kalender das Jahr des Schweins; es ist zugleich der Todestag Mayrhofers.

Quelle: F.A.Z.
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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