„Stellvertreter“ und „Rommel“ im Theater

Teufel, Papst und General

Von Gerhard Stadelmaier
27.01.2012
, 15:40
Nun, o Unsterblichkeit, bis du ganz mein, weil jetzt gleich die Giftkapsel des Führers kommt: Günther Nickles als Erwin Rommel im Ulmer Theater
Was gehen uns alte deutsche Gespenster an? Eine Theaterspukreise zu Hochhuths „Stellvertreter“ im Münchner Volkstheater und einer „Rommel“- Uraufführung in Ulm.

Seltsamer Eindruck, den die zwei Brüder machen. Der eine jünger, Ende zwanzig, der andere älter, Anfang fünfzig. Der jüngere katholisch, glaubt an Gott, der ältere militärisch, glaubt an den Führer. Der jüngere ein römischer Jesuitenpater, der ältere ein deutscher General. Der jüngere heißt Riccardo Fontana SJ und ist die Hauptfigur in Rolf Hochhuths weltberühmtem Machwerk „Der Stellvertreter“ (1963), der ältere heißt Erwin Rommel und ist der weltberühmte Titelheld in „Rommel - Ein deutscher General“, das der Dramaturg Michael Sommer und der Regisseur Stephan Suschke zusammengenäht haben. Riccardo tritt im Münchner Volkstheater auf, Rommel im Theater Ulm.

Sie gehören zusammen. Auf beiden liegt der Gespensterstaub der Geschichte.

Beide machen Geschichte zur selben Zeit. Riccardo 1943, als er freiwillig in die Gaskammern von Auschwitz geht. Rommel 1944, als er freiwillig die Giftkapsel schluckt, die der Führer, dessen Lieblingsgeneral er war, ihm aufdrängt. Riccardo und Rommel opfern sich. Riccardo nimmt die Schuld seiner Kirche und seines Papstes Pius XII. stellvertretend auf sich, dem er vorwirft, nichts gegen die Vernichtung des jüdischen Volkes durch die Deutschen unternommen und nicht öffentlich protestiert zu haben: Er glaubt an die absolute Reinheit seiner Idealkirche und seines Idealpapsttums. Als moralischer Instanz. Als habe es nie in zweitausend Jahren eine irrende Kirche gegeben.

Oliver Mölller als Pius XII. und, im Hintergrund, Pascal Riedel als Jesuitenpater Riccardo Fontana im Münchner „Stellvertreter“
Oliver Mölller als Pius XII. und, im Hintergrund, Pascal Riedel als Jesuitenpater Riccardo Fontana im Münchner „Stellvertreter“ Bild: dpa

Rommel nimmt die Schuld der deutschen Führung auf sich, nichts gegen seinen Untergang unternommen zu haben. Er glaubt an die absolute Reinheit und Sauberkeit deutschen Soldatentums und der Armee. Die er verkörpert. Als moralisch-soldatische Instanz. Als habe es nie Verbrechen der Wehrmacht gegeben.

Zwei Opfer auf deutschen Schreckensaltären

Riccardo redet wutentbrannte Leitartikel. Rommel redet schlau entbrannte Blankverse, die er Kleists „Prinz von Homburg“ entlehnt hat. Beide haben ihre Teufel zur Seite: Rommel hat Hitler, Riccardo den „Doktor“, der ihm in Auschwitz Gott wegbeweisen will. Zwei Gespenster, jetzt in staubgepuderten porösen Prunkgewändern spukend zu Theatergeisterstunden. Aber immerhin: zwei Opfer - auf deutschen Schreckensaltären.

Wie aber zelebrieren sie das auf deutschen Bühnen, wo man Opfergänge sonst gar nicht schätzt? In München, wo Christian Stückl, Chef des Volkstheaters und geübter Oberammergauer Passionsspielschnitzer, den Hochhuth in Szene haut, zelebriert der Jesuitenpater zunächst gar nicht. Er studiert. In einer Münchner Bibliothek offenbar, wo alle Hochhuth-Bände ausgeliehen sind, er aber mit seinem theologischen Semesterkumpel an langen, bücherbeladenen Tischen über Schuld und Unschuld von Pius XII. lässig diskutiert.

Und dann wirft sich Pascal Riedel im modischen T-Shirt und in der stürmisch hochgebürsteten Wuschelfrisur in die Riccardo-Rolle, stößt durch den Gazevorhang und dem päpstlichen Nuntius in Nazi-Berlin kräftig Bescheid, lässt sich vom ektstatisch zuckenden Obersturmführer Gerstein, der sich in die SS, der er die Blausäure für die Gasöfen in Auschwitz liefern muss, eingeschlichen hat, um dem Widerstand zu dienen, über die Verbrechen dort informieren und dazu anstacheln, den Papst zum Protest anzustacheln.

Aber ach, so vergeblich, dass Riccardo am Ende: „Was kümmert mich der Stellvertreter? Wo bleibt eigentlich der Chef?“ gleich die Gottesfrage stellt. Als habe der Hergott mit einer Art Eingreiftruppe die Öfen von Auschwitz persönlich löschen sollen.

Am Ende wieder in der Bibliothek

Der Schauspieler Riedel spielt den Pater als einen völlig ungebremst rasenden, lieben, ehrlichen fundamentalistischen Jungen, dem die Regie auch noch dann sympathetisch übers schweißbedeckte Idealistenantlitz streicht, wenn er in der Kurie dem indolenten Papst und den Kardinälen die Tische knallend umkippt, sich einen großen schwarzen (!) Judenstern auf die nackte Brust malt, zwar im Dauerregen von Auschwitz dem bösen, nihilistischen, menschenvergasenden „Doktor“ nur ein Dauerweinen und Paul Celans „Todesfuge“ mit der „schwarzen Milch der Frühe“ entgegensetzen kann, aber dann halt am Ende - wieder in der Bibliothek landet.

Oliver Möller als menschenverachtender „Doktor“ und Pascal Riedel als Riccardo im Münchner „Stellvertreter“
Oliver Möller als menschenverachtender „Doktor“ und Pascal Riedel als Riccardo im Münchner „Stellvertreter“ Bild: dpa

Und da der eiskalte, böse „Doktor“ auch im eiskalten, bösen Papst steckt, die Oliver Möller beide hinter blitzenden Brillengläsern und unter hochrasierter Topffrisur als zynische Teufelchen hinlegt, wird einerseits aus Hochhuths unsäglichem superkatholischen Papierdrama, das dem Papst anklagend zutraut, was kein Superkatholik ihm zutrauen würde: nämlich alle Katholiken zum Martyrium aufzurufen (alle für die Juden sterben!) - ein nah an Horroreffekte (samt geilem Jüdinnenquälen) rangehende supermalade Schreckensshow mit kurialen Knattermimen.

Andererseits aber eine akademische Vom-Leibe-Haltung des brisanten Stoffs mittels Seminararbeit. Wenn denn Pater Riccardo nicht sich für seine Kirche in Auschwitz opfert, sondern ihr nur in der Bibliothek eine Fußnote widmet - wozu hat dann dies alles? Wenn der Vorhang fällt, bleibt vor allem diese eine Frage offen: Warum der ganze alte Moralinsauerquark?

Die Giftkapsel von Ulm

In Ulm scheint der Vorhang dagegen nie richtig aufzugehen. Die Bühne ist nur wiederum als eine schwer bronzierte Bühne maskiert, mit gestaffelten Jugendstilportalen, hohen Seitenpilastern und einer riesigen Treppe. Das Theater hält sich das Theater vom Leib: indem es nichts weiter sein will - als Theater. Über die Theater-im-Theater-Treppe taumeln allerlei Nazi-Uniformierte und auch eine jüdische Geisterfrau, die aus den Gaskammern von Auschwitz berichtet, auf Rommel ein.

Er führt nun am 14. Oktober 1944 in Herrlingen bei Ulm Punkt für Punkt vor, wie er an den Führer glaubt, aber Deutschland retten will gegen den Führer, den aber die Deutschen dringend brauchten. Bis sie ihm die Giftkapsel bringen.

Ein dilemmatischer Biedermann wird in Rückblenden mit dem Widerstand, dem er nie angehört hat, in Verbindung gebracht, denunziert und vor die Alternative gestellt: ehrlos vor dem Volksgerichtshof oder ehrenvoll mittels Suizid zu sterben. Der schwäbische Militär, der außerhalb des Militärischen wohl weder denken noch handeln konnte, aber auf Grund seines Todes zum Mythos des anständigen Militärs wurde, bekommt in der redlich gemütlichen Gestalt, die ihm Gunther Nickles in der Uniform des Afrika-Korps-Befehlshabers gibt, etwas behäbig Beschränktes, dem auch der lispelnde Sohn Manfred und die herrische Gattin Lucie-Maria nicht das Biederwasser reichen können.

Der einsame anständige Kämpfer, der in Herrlingen ein unanständig arisiertes jüdisches Altersheim bewohnt und in Rückblenden seinen Kopf auf den Schoß des grässlich bellenden Führers legt, den die Schauspielerin spielt, die auch die jüdische Gaskammerfrau spielt, kommt über ein Wesen aus Zitat und Anekdote nicht hinaus.

Szenischer Schulfunk

Plus Original-Wochenschau-Material, wo man Rommel begeistert bei Goebbels und im Sportpalast über die Videowand flirren sieht. Nichts davon ist dramatisch offen, alles historisch abgehakt. Längst gewusst. Szenischer Schulfunk.

Szene aus „Rommel“ mit (von links nach rechts) Fabian Gröver, Wilhelm Schlotterer, Max Rechtsteiner, Christel May und Ulla Willick
Szene aus „Rommel“ mit (von links nach rechts) Fabian Gröver, Wilhelm Schlotterer, Max Rechtsteiner, Christel May und Ulla Willick Bild: dpa

Hinzu kommt der Trick mit den „Homburg“-Versen. Weil Rommel einmal einen Befehl verweigerte oder besser: etwas weit auslegte, hat man Kleists Prinzen von Homburg, den berühmtesten Befehlsmissachter der Dramengeschichte dem guten Rommel auf die schwere Zunge gelegt. Aber abgesehen davon, dass es ziemlicher Schmock ist, wenn Frau Rommel ihren Erwin fragt, ob er den „den Kühnen“ (Hitler) irgendwann „beleidiget“ habe, hat Kleists Kurfürst ja recht, wenn er den Ruhmestrunkenen, der nur an sich denkt und Schlachten schlägt, die nur er sich schnöselhaft genehmigt und die Tausende den Tod kosten, zum Tode verurteilt (und begnadigt).

Der Kurfürst denkt rechtsstaatlich. Hitler aber, der den Feldmarschall Rommel, der kein Träumer war und im übrigen mit seinen Truppen, typisch geiziger Schwabe, eher sparsam haushielt, zum Tode verurteilte (und den Star der Armee nur zum Tode durch Selbstmord „begnadigte“), dachte weder rechtsstaatlich noch rechtlich. Hitler in die Nähe einer rechtlichen Kleist-Figur zu bringen, ist dumm und fahrlässig.

Aber so harmlos, wie das Gespenst des Erwin Rommel auf der Ulmer Bühne spukte und seinem harmlosen Opfer-Bruder im Münchner Stellvertreter-Geiste aktenkundig zuzuzwinkern schien, darf man auch kleinere Theater schon mal fragen: Haben wir nicht andere Sorgen? Was geht uns ein General von vorvorgestern an? Und ein Papst von vorgestern? Und sitzt der Teufel immer nur in der Maske?

Quelle: F.A.Z.
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