Stockhausen in Birmingham

Luft von anderen Kamelen

Von Jörn Florian Fuchs, Birmingham
24.08.2012
, 16:36
Völlig losgelöst von der Erde: Trapez-Geigerin der Birmingham Opera Company, mittwochs in „Licht“
Nacholympisch: Karlheinz Stockhausens „Mittwoch aus Licht“ feierte in Birmingham die britische Erstaufführung. Die Regie blieb hinter Stockhausens Wünschen zurück, die Musik war exzellent.

Merkwürdig, wie wenig Rumor es im Vorfeld dieser Premiere gab. Mitwirkende sprechen von finanziellen Problemen, die vor rund zwei Monaten fast zur Absage geführt hätten. Vermutlich kostet der Spaß rund zwei Millionen Euro, die wesentlich noch aus dem Kulturtopf der Olympiade stammen. Doch niemand nennt konkrete Zahlen und Fakten. Vielleicht möchte man eine Situation wie die in Köln verhindern: Dort klaffte nach der szenischen Premiere von Karlheinz Stockhausens „Sonntag aus Licht“ ein riesiges Defizit im Budget der Oper, bald darauf musste Intendant Uwe Erik Laufenberg seinen Hut nehmen.

Auch in Birmingham diskutierte man im Vorfeld, ob ein Teil der Gelder nicht sinnvoller in die lokale Off-Szene fließen sollte. Sei es drum, vor neun Monaten begannen die Proben, und am Mittwoch dieser Woche fand die britische Erstaufführung von „Mittwoch aus Licht“ statt, exakt zu Stockhausens vierundachtzigstem Geburtstag. Mehrere Chöre wirkten mit, eine große Schar von Musikern und unzählige, unbezahlte Statisten.

Um das Stockhausensche Mammut-musiktheater drückten sich ja bislang erfolgreich fast alle Regisseure und Intendanten. Ein singendes Kamel, fliegende Politiker oder ein Streichquartett, das buchstäblich im Himmel auftritt? Nicht nur teuer ist das, es scheint auch kaum realisierbar. Zur Olympia-Idee passt das jedoch nicht allein des Rekordgedankens wegen, schließlich möchte Stockhausen mit diesem Werk die Völker und Nationen, den Himmel mit der Erde versöhnen – auf seine Weise.

Der Tag der „spatialen Phantasmen“

In allen sieben nach den Wochentagen benannten Teilopern von „Licht“ tauchen die biblisch inspirierten Figuren Eva, Michael und Luzifer auf. Eva verkörpert das Urweibliche und Beständige, Michael ist ein ewig Reisender und Suchender, Luzifer wirkt als Störenfried. Jeder Tag hat spezifische Eigenschaften, Farben, Formen und Gesten. Den Mittwoch bestimmt die Farbe Gelb.

Aus einem konzentrierten musikalischen Grundmaterial, der sogenannten Superformel, leitet Stockhausen weitere Formeln für die einzelnen Tage und die Protagonisten ab. Durch Spreizungen oder Komprimierungen der Formel(n) schuf er einen ganz eigenen Klangkosmos, dessen Komplexität freilich selbst geübte Neue-Musik-Ohren ganz erfassen können. Oft liegen mehrere Schichten übereinander. Phrasen werden in unterschiedlichen Tempi parallel gespielt, es mischen sich Gesang, Instrumentalstimmen und Live-Elektronik zu einem meist eher unruhigen Gesamtklang.

Karlheinz Stockhausen nennt den Mittwoch einen Tag der „spatialen Phantasmen“. Das beginnt mit dem „Mittwochs-Gruß“, einem knapp einstündigen Elektronikfeuerwerk, Rauschen, Knistern, Knacken, Wummern aus unzähligen Lautsprechern. Der Aufführungsort in Birmingham erinnert an die industriellen „Kraftplätze“ der Ruhrtriennale – alles findet in zwei Hallen einer ehemaligen Chemiefabrik statt. Man sitzt auf kleinen Stühlen oder auf dünnen Schaumstoffmatten, das wird bei über sechs Stunden Spieldauer zu einer harten Prüfung. Unbestimmbare Figuren treten auf zu Beginn, Miniszenen aus Licht und Schatten finden statt, Kämpfe werden angedeutet, die sich als Umarmungen entpuppen, ein mit Grünzeug geschmücktes Mädchen erinnert an Daphne. Im Nachbarraum wartet dann ein groteskes „Welt-Parlament für Chor a cappella und singenden Dirigenten“. Natürlich qiuetschgelb sind die beweglichen Podeste, darauf thronen schrill bemalte Wesen, schneiden Grimassen und trällern in Phantasiesprachen.

Ernüchtert in die Pause

Mit ruhiger Hand hat Regisseur Graham Vick all diese hübschen Miniaturen ins Bild gesetzt. Doch bald wird es szenisch zäh, auch die Musik verplappert sich. Komponistenkollege Wolfgang Rihm hat einmal gemeint, ohne Karneval seit der „kölsche Jung“ Stockhausen nicht zu haben. Wohl wahr! Auftritt des Hausmeisters, er fahndet nach einem Falschparker, woraufhin der Präsident der komisch-kosmischen Versammlung nervös aus dem Saal rennt.

Es muss also eine neue Welt-Präsidentin gewählt werden, zu ihrer Inauguration singt sie brillant verschachtelte, hohe Koloraturen. Und damit verlieren wir allmählich jede Bodenhaftung, die „Orchester-Finalisten“ hängen schließlich ganz und gar in der Luft. Stockhausen hat hierzu extrem schwierig zu spielende Soli komponiert, die sich ständig überlappen. Während oben im Bühnenhimmel musiziert wird, geschieht auf dem harten Hallenboden Beängstigendes: Eine Mumie schlägt den Gong, ein Posaunist fährt in einem Kinderplanschbecken herum und bespritzt das Publikum mit Wasser, Herren im Frack, mit rauchendem Zylinder, wandern auf und ab, ein Kontrabass wird gequält, es werden, leider zu spät, Regenschirme verteilt. Und dann schlägt die Stunde des schon fast mythischen Helikopter-Quartetts.

Ursprünglich hatte Karlheinz Stockhausen vor, vier Streicher mit Raketen auf unterschiedliche Planeten zu schießen. Aus pragmatischen Gründen beschränkte er sich auf Hubschrauber. In Birmingham heben die vier Mitglieder des Elysian Quartet draußen ab, wir bleiben im Saal und sehen auf vier Videoscreens, wie sie sich abmühen, exakt mit den Rotorenbewegungen verknüpfte Tremoli zu spielen. Mal geht es rauf, mal runter, kompositorisch gibt das nicht viel her. Eher ernüchtert geht man in die Pause und begegnet dort zwei adrett kostümierten Kamelen, eines, das unechte, wird im nächsten Mittwochs-Abschnitt „Michaelion“ höchstwahrscheinlich zu einer Inkarnation Luzifers, heißt jetzt „Luzikamel“ und wird von diversen Choristen als intergalaktischer Präsident bejubelt.

Eine exzellente Klangregie

Unzählige absurde Aktionen finden statt, geheimnisvolle Nachrichten werden über Kurzwellengeräte empfangen, ins Publikum haben sich unterdessen Statisten gemischt, die offenbar in reale Ekstase geraten. Und tatsächlich kann man sich nach einer gewissen Zeit dem Sog dieser Musik nicht mehr entziehen. Diese künstlichen, aber dennoch seltsam organisch wirkenden Intervallsprünge, die mal wabernde, mal heftig pulsierende Elektronik, vermischt mit stupenden Chorkantilenen und dunkel strahlenden Bläsern, all das evoziert rauschähnliche Zustände.

Es sieht fast so aus, als ob auch der Regisseur Vick sich mehr für die Musik als für die Szene interessiert hat, oft bleibt, was er zeigt, weit hinter Stockhausens (teils unrealisierbaren) Wünschen zurück. Irgendeine Deutung, etwas Eigenständiges gibt es nicht. Stockhausens langjährige Muse Kathinka Pasveer ist für die Klangregie und die musikalische Gesamtleitung verantwortlich. Sie sorgt für eine wahrhaft glänzende Umsetzung der Partitur. Exzellent auch die Chöre excathedra und London Voices, das Elysian Quartet, die Mitglieder der Birmingham Opera Company sowie sämtliche Solisten, darunter Stockhausen-Spezialisten wie der Trompeter Marco Blaauw oder Antonio Pérez Abellán am Synthesizer.

Bisher lag noch jede „Licht“-Aufführung in den Händen solcher Jünger und Exegeten des Meisters aus Kürten. Wie wäre es, endlich mal frische Luft hereinzulassen? Es wäre an der Zeit, den „Licht“- Zyklus von Karlheinz Stockhausen in andere Hände zu geben. Vielleicht, dass das Autistisch-Sektenhafte daran problematisiert werden kann, ohne die Metaphysik auszutreiben.

Quelle: F.A.Z.
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