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„Salome“ an der Oper Köln

Geschichte der Dienerinnen

Von Patrick Bahners
 - 08:37
Mit Kopf: Salome (Ingela Brimberg) und Jochanaan (Kostas Smoriginas).

Früher begann der Tag mit einer Schusswunde? Das muss sehr lange her sein, war vielleicht unter den mythischen Vorfahren von Herodes Antipas der Fall, Herodes dem Riesengroßen oder dem Übergroßen. Klein-Herodes, der Viertelkönig von Galiläa, hat zwar seine Leibgardisten mit Maschinengewehren ausstaffiert, aber einen Anschlag muss er weder von der Judäischen Volksfront noch von der Volksfront von Judäa fürchten. Die Juden sitzen mit am Tisch des Tyrannen, und auch die Nazarener, die Anhänger des neojüdischen oder postjüdischen Gottes, dessen Erscheinen einstweilen noch ein Gerücht ist, sind an der Festtafel schon integriert, tragen Dinner-Jackett und bedienen sich, beim Schaumwein und bei den Damen.

Diese sitzen abseits aufgereiht auf Bänkchen ohne Lehne, auswechselbar mit goldblonden Perücken und wüstensandfarbenen Kleidchen. Das französische Hofzeremoniell kannte den „tabouret de grâce“, den Hocker der Gnade, für Herzoginnen, die in Gegenwart der Königin sitzen durften. Ben Baur hat für Ted Huffmans Kölner Inszenierung der „Salome“ von Richard Strauss eine Serie von Hockern der Ungnade entworfen. Die Hofdamen sind hier Sexsklavinnen. Dann und wann steht einer der Gäste des Herodes von der Tafel auf, greift sich ein Mädchen und geht mit seiner Beute ab.

Quentin Tarantino der Oper

Die Galerie, die Baur in den großen Saal des Staatenhauses in Köln-Deutz gesetzt hat, unter Aufnahme serieller Bauelemente dieses Interimsquartiers der Oper, eines Ausstellungsgebäudes der zwanziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, verliert sich in der Bühnentiefe – und die Reihe der Hocker verlängert sie scheinbar ins Unendliche.

Ein Pistolenschuss zerstört den Spiegelsaal der Männerherrschaft. Der Welttag des Patriarchen endet bei Huffman mit einem Massaker. Generalmusikdirektor François-Xavier Roth, ein Strauss-Experte, der mit dem SWR-Orchester sämtliche Tondichtungen eingespielt hat und jetzt seine erste Strauss-Oper dirigiert, hat den Yale-Absolventen, der sich in Frankfurt mit Händels „Rinaldo“ vorstellte, als einen Quentin Tarantino der Oper gerühmt. Erklärtermaßen wollte Huffman einen Schock erzeugen, wie ihn das Publikum der Dresdner Uraufführung 1905 erlebte.

Eine Statistin aus dem Gefolge Salomes gibt den Startschuss für den Kebsweiberaufstand. Das steht doch nicht im Stück – ein kleinlicher Einwand? Nicht ebenso leicht von der Hand zu weisen ist vielleicht, dass der Schuss auch nicht in der Partitur steht. In einer Partitur, in der Strauss nicht nur mit dem gewaltig erweiterten Schlagwerk klangliche Äquivalente für Extremereignisse, das heißt: extrem isolierte, besonders ereignishafte Ereignisse psychischer und außerpsychischer Natur findet. Unter Roths Leitung präparieren die Musiker des Gürzenich-Orchesters diese Produkte eines leidenschaftlich kontrollierten Zerfalls so präzise heraus, dass man sich stellenweise gebannt fragt, welches Instrument man gerade hört; die Ablösung vom Melodischen bewirkt Deutlichkeit auf Kosten der Kenntlichkeit.

Die Männer sind das schwache Geschlecht

„Nein, ich höre nichts!“ Was zu diesem Satz von Ingela Brimbergs Salome aus dem Orchester zu hören ist, klingt wie eine Autohupe von 1905. Salome besingt eine „schreckliche Stille“, die ein einzelner dumpfer Laut zerteilt, von ihr gedeutet als Aufprall des Schwertes, das dem Henker aus der Hand geglitten ist. Dieses Phantasiebild gab Huffman womöglich die Idee seiner Inszenierung ein: Hier schaffen es die Schergen tatsächlich nicht, den Befehl des Herodes auszuführen. Sie schleppen den Propheten noch einmal komplett und lebend auf die Bühne, Salome muss selbst den tödlichen Schnitt führen, wobei sie davon absieht, den Kopf vom Rumpf zu trennen. Wie dieser Rücktritt vom Versuch zu bewerten ist, mag ein Fall für Ernst von Pidde sein, den Autor der Untersuchung über den „Ring des Nibelungen“ im Lichte des deutschen Strafrechts. Offensichtlich ist jedenfalls: Die Männer sind das schwache Geschlecht. Aber macht die Musik das nicht auch ohne hinzuerfundenen Knalleffekt klar?

Die erfahrene Strauss-Sängerin Ingela Brimberg profitiert in einem Punkt vom Regiekonzept: Sie muss keine Kindfrau spielen. „Hättest du mich gesehn, du hättest mich geliebt!“ Eine überwältigende Objektivität legt Grimberg in die Apostrophe des toten Jochanaan – der Gedanke verbietet sich, dass diese Frau nicht weiß, was sie tut, und Opfer eines falschen Frauenbilds ist. Dem lebenden Jochanaan hat Salome das größte Kompliment gemacht, das eine Opernheldin schenken kann: „Deine Stimme ist wie Musik in meinen Ohren.“ Grimberg betont die Zäsur nach „Musik“ vor der aus Schlagern geläufigen redundanten Benennung des Hörorgans. Die Musik setzt sich absolut, indem sie die Erlösungsreligion als Vorbild okkupiert.

„Was soll das heißen, der Erlöser der Welt?“ Bei John Heuzenroeder klingt die Frage des Herodes nach dem genuinen Interesse eines aufgeklärten Zeitgenossen auf der Schwelle zur Entdeckung seiner religiösen Musikalität. Er ist nicht der Weichling, das primitive Reflexbündel, zu dem die Regie ihn in banaler Umkehrung der Geschlechterklischees machen will.

Heuzenroeder wie auch Dalia Schaechter, der Darstellerin der Herodias und ebenfalls Ensemblemitglied, kommt zugute, dass Roth das Orchester auf der Seitenbühne hinter der Säulenreihe postiert. Als Geisterpalastorchester spielt es mit; die akustische Intention des Experiments bezeichnet Roth mit dem Begriff „unser Bayreuth-Modell für Strauss“. Allerdings diffundiert der Klang nicht, im Gegenteil wird er eher gebündelt, so dass sich bei den grandios modellierten Stockungen die Assoziation einer Wand einstellt, wie beim Zug durchs Rote Meer. Der Jubel für Roth feiert zugleich die Nachricht, dass er seinen Vertrag bis 2022 verlängert hat.

„Man soll ihr geben, was ihr verlangt!“ Die Wunscherfüllung, die Herodes am Ende zugestehen muss, wird Salome in Köln verweigert, im Namen der Emanzipation.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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