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Theater in Hannover

Sünde wäscht sich nicht aus

Von Simon Strauß
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Ein verlorener Engel der Aufklärung: Seyneb Saleh als junge Iphigenie

Warum hört er nicht auf, der Fluch? Warum muss er immer weiter wirken, Grausamkeit gleichmäßig verteilen auf alle in der Familie Tantalos? Weil der Halbgott seinen eigenen Sohn kochte und den Göttern aus einer Laune heraus zum Mahl vorsetzte? In Aulis, einer griechischen Hafenstadt nordöstlich von Theben, beweist der Götterfluch jedenfalls aufs Neue seine Kraft. Dort wartet die griechische Flotte vergeblich auf Wind, um nach Troja zu segeln, aber kein Lüftchen regt sich. Schuld ist Agamemnon, Enkel des Urverfluchten, der leichtsinnig eine von Artemis’ heiligen Hirschkühen geschossen hatte. Zur Strafe forderte die Göttin von ihm ein Menschenopfer.

Wie bei Abraham, wie bei Lot stellt die Gottheit ihren Untergebenen auf die schlimmste Probe: Iphigenie, die eigene Tochter, soll Agamemnon schlachten, damit die Ehre des Vaterlandes gerettet werden kann. Und wie seine alttestamentarischen Schicksalsbrüder lässt auch er sich wahnwitzigerweise ein auf die grausame Forderung, gibt das eigene Kind preis, um seinen pflichtschuldigen Gehorsam zu beweisen. Aber anders als die Bibel kennt der Mythos keine Gnade: Iphigenie wird zwar heimlich gerettet, das gegenseitige Morden allerdings wird dadurch nicht aufgehalten – der Vater wird in blinder Rachsucht von der Mutter, die Mutter zur Strafe von ihrem Sohn getötet. Das Blut strömt, aber die Sünde wird nicht ausgewaschen, bleibt an den Kindeskindern haften. Damit konnte sich die Klassik bekanntlich nicht abfinden. Also ließ Goethe die unglückselige Iphigenie im Exil auf einen humanen Barbaren treffen, der sich durch die Kraft der Argumente überzeugen ließ und huldreich Freiheit schenkte. „Ein Traum, was sonst?“

Verhängnis versus Versöhnung

Am Schauspielhaus Hannover lässt Regisseurin Anna Lenk die beiden zentralen Mythos-Bearbeitungen jetzt an einem Abend gegeneinander antreten. Vor der Pause wird Euripides, nach der Pause Goethe gespielt. Um es gleich vorweg zu sagen: Die Antike gewinnt. Dem mythischen Verhängnis schaut man hier lieber zu als der aufgeklärten Versöhnung. Von ganz hinten rollt zu Beginn ein Guckkasten auf das Publikum zu, in dem Judith Oswald ein stilisiertes Wohnzimmer im Stil der achtziger Jahre eingerichtet hat. Auf der Couch sitzen die beiden Brüder Agamemnon und Menelaos und machen sich gegenseitig Vorwürfe. „Ich kann nicht, wie ich will“, klagt Agamemnon, „Du hast nur einen wankelmütigen Sinn“, entgegnet Menelaos, der an nichts anderes denkt als an seine Helena in feindlicher Hand.

Damit er zu ihr segeln, sie zurückerobern kann, soll der wehleidige Bruder endlich die Tochter morden. Nur zum Schein verbündet er sich mit der verzweifelten Mutter, steht er Klytämnestra bei, um sie im nächsten Moment schnell wieder fallen zu lassen. Lenk inszeniert Euripides’ antike Tragödie geschickt als Szenen einer Familiensoap, bei der die alten Tragödienworte in der Schillerschen Übersetzung gesprochen werden, als wären sie Sätze von heute, als gäbe es nichts Normaleres als Mythenabgründe im Retro-Wohnzimmer. Ruhig und gelassen lässt Lenk ihr Ensemble auftreten, gibt ihm viel Zeit, um die geschilderten Grausamkeiten zu fühlen und die Eigenarten der Figuren auszuspielen.

Achill tritt als etwas vertrottelter Cowboy auf, Klytämnestra als leicht hysterische femme fatale. Schon hier richtet sich die Aufmerksamkeit – neben Seyneb Salehs junger, hochempfindlicher Iphigenie – vor allem auf Torben Kessler als Menelaos. Sein variantenreiches, scheinbar unkontrolliert bewegliches Spiel, mit dem er in kurzer Zeit die Charakterkonturen seiner Figuren absteckt, ist beeindruckend. Seinen Höhepunkt findet es zu Beginn des zweiten Teils, wenn er in Gestalt des verliebten Skythen-Königs Thoas in einer stummen Szene minutenlang um die Aufmerksamkeit der inzwischen älter gewordenen Iphigenie (energisch: Sabine Orléans) wirbt. Kessler kommt am besten mit Lenks zurückhaltender Regie zurecht, er nutzt die Freiräume, um immer Neues zu erfinden.

Wenn die Inszenierung im ersten Teil noch gelassen und ruhig wirkt, wird sie nach der Pause langatmig und konventionell. Zu sehen ist ein endloses Umarmen, Schwertergeklirre und Deklamieren vor einem triptychonartigen Gruselkabinett, in dem links und rechts die ermordeten Familienmitglieder ihre abgeschlagenen Köpfe präsentieren. Nur wenn Kessler auftritt, egal, ob er sich ans Klavier setzt und Udo Lindenberg singt („Nimm Dir das Leben / Und lass es nicht mehr los“) oder einfach nur kurz mit einer leeren Flasche Rotwein aus dem Off erscheint, löst sich der Krampf, dann wird das Schicksal für einen Moment beschwingter verspielt. Allein das Begnadigen will ihm nicht recht gelingen. Allzu pragmatisch schenkt er der verehrten Griechin am Ende die Freiheit und wendet sich arglos um. Abgeklärt aufgeklärt wirkt das nicht, sondern eher so, als wäre hier einem die Seelensuche zu fad geworden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt /  Strauss, Simon
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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