Premiere von Madame Nielsen

Nur ein Martyrium rettet das Klima

Von Philipp Theisohn, Odense
11.09.2021
, 13:53
Will der Mensch überleben, muss er die Menschlichkeit opfern: Madame Nielsen  als „Madame Il Duce Mishima“,
Vom Terror in Andersens Märchenstadt: Madame Nielsen zeigt mit „Die Welterlöserin“ ihr neustes Teufelswerk.

Man hat lange nichts mehr vom Staat gehört auf dem Theater. Das verwundert nicht: In seiner gegenwärtigen Ausprägung taugt er weder zum Sujet noch zur Rolle. Von der Tragik des Schmittschen Souveräns trennt ihn nahezu alles, weil wir es auch so wollten und weil wir noch halbwegs wissen, wozu dieser Souverän im Zweifel auch noch fähig ist. In seiner Handlungsmacht beschnitten, bleibt der Staat auf der Bühne aber Statist, und leiht man ihm dennoch ein paar Zeilen Text (etwa bei Inaugurationsfeiern amerikanischer Präsidenten), dann weiß man danach auch schnell wieder, warum man so etwas besser unterlässt. Der Staat ist ein schlechter Schauspieler.

Wenn „Die Welterlöserin“ (dänisch: „Verdensfrelserinden“), das jüngste Stück der dänischen Universalkünstlerin Madame Nielsen und des Regisseurs Christian Lollike, nun den Staat wieder zum theatralen Zentrum erhebt, dann ist das folglich erklärungsbedürftig. Nielsens Darbietung ruht auf der durchaus schlüssigen Beobachtung auf, dass die Klimakatastrophe in Wahrheit der Ausgang einer Hamlet-Tragödie ist. Wir befinden uns längst in einem Ausnahmezustand, wir leben in ihm, aber derjenige, der eigentlich über den Ausnahmezustand gebietet – der Staat – zaudert, wägt ab, lässt wählen, verfolgt Partikularinteressen. Er hat vergessen, wer er eigentlich ist, oder besser: er hatte es vergessen. In der Pandemie nämlich fand er auf einmal momenthaft wieder zu sich, verhängte Ausgangssperren, befahl den großen Konzernen über Nacht, ihre Produktion umzustellen, eliminierte den Tourismus und reduzierte die CO2-Emission damit nahezu auf ein notwendiges Niveau. Und nun, mit Blick auf die fortschreitende Erderwärmung, stellt sich die Frage: Ist es nicht gerade dieser Staat, der zu retten wäre und der allein uns zu retten verstünde? Und so betritt nun in Gestalt der Madame Nielsen der Souverän erneut die Bühne – als „verdenstaten“, als Weltstaat.

Die Heuchelei der Künstler

Was sich am vergangenen Dienstag im „Teater Momentum“ von Odense vor den Augen und Ohren des Publikums entfaltet, will nicht nur als eine „Vorstellung‘ gelesen werden. Kunst war dem „Nielsen Movement“ noch nie Selbstzweck. Nicht, als der Theaterkritiker und Schriftsteller Claus Beck-Nielsen im Jahr 2000 von einem Tag auf den anderen zu einer namenlosen Straßenexistenz wurde. Nicht, als nach seinem Selbstmord ein Jahr darauf das „Beckwerk“ erst eine Silikonnachbildung dieser Person auf dem Kopenhagener Assistens-Friedhof beisetzen ließ und anschließend einen somit endgültig zum Phantom gewordenen Leptosomen als Emissär der Demokratie in den Irak und nach Afghanistan schickte. Nicht, als 2013 Nielsen aus einer französischen Klosterzelle als Frau wiederkehrte und nicht, als diese Frau sich vor drei Jahren auf der Bühne in eine schwarze Madonna verwandelte. Und an diesem Abend in Odense: natürlich immer noch nicht.

Umringt vom Streichquartett „Halvcirkel“ nimmt Nielsen die Zuschauer mit auf eine Zeitreise, genau genommen sind es sogar zwei Zeitreisen. Die erste folgt der Spur einer bemerkenswerten Karriere, die ihren Anfang in der dänischen Musikszene der 80er nimmt, um späterhin unter den Leitsternen Andy Warhols und Karen Blixens ihre Bestimmung in einer Kunst der Ikone zu finden. Nielsen lässt diese Momente erzählend vorbeiflanieren. Sie spricht von „ihr“, dieser ausgemergelten Erscheinung, die nach ihrem Tod „mindestens zwanzig verschiedene Leben gelebt“ hat, von ihren Irrfahrten, ihrer Selbstbeherrschung und ihren Wünschen. Und dort, wo die Wünsche lauern, beginnt die „Welterlöserin“. Was nämlich wird aus dem künstlerischen Anspruch, in Büchern, Liedern, auf dem Theater die Welt zu verändern, wenn die Welt zu brennen beginnt? Wie ernst kann sich eine Kunst noch nehmen, wenn sie selbst nicht ernst macht mit dem Anspruch auf Welterlösung? Der Wunsch, die Einladung ans Literaturfestival nach Buenos Aires doch anzunehmen und im Namen der guten Sache um den Globus zu fliegen – er entwertet das Werk der geladenen Person und verwandelt diese in eine Heuchlerin. Es versteht sich von selbst, dass diese Verwandlung einer Künstlerin, deren Figur immer schon auch selbst leibhaft das Kunstwerk war, unerträglich werden muss. Und es versteht sich von selbst, dass sie auf diese Anfechtungen durch die Kulturindustrie nur eine rigorose Antwort geben kann: die des Martyriums.

Nennen wir es Klimacalvinismus

Madame, soviel weiß man, exerziert den Verzicht. Sie fliegt nicht mehr, lebt vegan, sie hat sich in einem weitgehend klimaneutralen Dasein eingerichtet – und spricht von ihren beiden Kindern, denen sie versprochen hat, eine lebenswerte Welt zu hinterlassen. Die „Welterlöserin“ ist jedoch keine Utopistin, die noch daran glaubt, dass sich der Kapitalismus durch modellhaftes Verhalten – nennen wir es: Klimacalvinismus – umerziehen ließe. Sie fordert den Umsturz, die Rückkehr der Staatsmacht ein und beschwört diese Rückkehr mit einer „feministisch öko-faschistischen Show“. Auf was kann sich der Nielsen-Staat stützen? Auf Gott nicht mehr, denn es gibt keine Gemeinschaft der Gläubigen mehr. Folgerichtig lässt man das Publikum nicht auf die Bibel, sondern auf die eigenen Kinder schwören, deren Namen die Erlöserin in einer Zuschauerbefragung einsammelt und an eine Wandtafel schreibt.

Und so stürzt sie am Geländer des eigenen Lebens zurück in die politisch-ästhetische Moderne, hinab in eine Zeit, als der Staat noch jene Diva war, zu der sie selbst geworden ist. Mit nacktem Oberkörper intoniert sie „Masselinjen“, den wohl programmatischen Song der dänischen New Wave, in dem die Formation „Kliché“ 1980 zehn Minuten lang Maos Satz vom Volk als einziger Antriebskraft der Weltgeschichte wiederholte. Kommunenführer Nielsen formt den Satz um, ersetzt das „Volk“ durch das Leben, die Steine, das Meer und die Quallen und verwandelt sukzessive die Weltgeschichte in die Weltmaschine. Kurz darauf erscheint sie zu einem Choral als Nonne in goldenem BH und mit Heiligenschein, um sich für den heimlichen Verzehr eines Joghurts mit einer neunschwänzigen Katze selbst zu geißeln, begleitet von „Heuchler“-Rufen, zu denen sie das Publikum animiert.

Szenenwechsel: In Mussolini-Montur – die Peitsche immer noch in Händen – verwandelt sich Nielsen in „Madame Il Duce Mishima“, proklamiert Glauben, Gehorsam und Kampf. Ihre Losung: Will der Mensch überleben, muss er seine Menschlichkeit opfern. Doch auch die Bilder vom „Klimaterror in H.C. Andersens Märchenstadt“ bleiben ohne Wirkung und so kommt es zum Äußersten. Die nunmehr goldgeschminkte Welterlöserin lässt sich als Rednerin vor das dänische Parlament in Christiansborg bestellen und sich per Fernzünder dort in die Luft sprengen. Teile ihres Kopfes verteilen sich auf die Fraktionsvorsitzenden, ein Stück Nielsen-Gehirn landet im Schoß der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen. Den Rest – die Steinigung der in Panik fliehenden Parlamentarier – bleibt dann den anwesenden Zuschauern überlassen.

Kopfloser Souverän

Die Gleichung, mit der die Welterlöserin ihr Publikum konfrontiert, besitzt durchaus Triftigkeit. Je größer die Einsicht wird, dass die liberale Demokratie weder in der Lage noch willens ist, den Planeten zu retten (und diese Einsicht wächst täglich), umso deutlicher zeichnet sich am Horizont die Alternative ab, entweder mit all den Wirtschaftsräten und „idealistischen Gesichtern“ unterzugehen – oder den Staat als Acephalos, als kopflosen Souverän wieder zurück in die Manege zu holen. Natürlich hat da jemand viel Bataille gelesen. Indessen geht es hier eben nicht nur um die Frage, welche Affekte das Theater mit dem Faschismus teilen darf oder muss und wo diese Teilhabe zu weit geht. (Wie in der dänischen Kritik in Bezug auf die Gewaltphantasien vereinzelt verlautbart wurde.) Nielsen und Lollike wollen vielmehr wissen, an welchem Punkt Theater überhaupt noch einmal handlungsfähig wird. Ihre Suche führt sie zurück zu Artaud, mit dem Nielsen nicht nur der Hang zum Slapstick verbindet: Nur dort, wo das Theater auf die Grausamkeit zielt, wo es in seiner Körperlichkeit spürbar wird, es seine Knochen und Sehnen zur Schau stellt – dort verliert es für einen Moment seine Betriebsamkeit und gewinnt im wahrsten Sinne des Wortes politische Sprengkraft.

Madame ist freilich nicht naiv genug, um sich in diesem Gestus dauerhaft einzurichten. Dominiert wird dieser Abend immer noch durch die „Show“, durch Songs und launige Zwiegespräche mit dem Publikum, durch Cabaret noir und popkulturelle Zitate. Immer wieder jedoch kippt die Szenerie, verwandelt sich das Entertainment in eine ernste, ja: in eine böse Unbarmherzigkeit gegenüber sich selbst und allen anderen. Nicht viele beherrschen diese Kunst des Abgleitens so wie dieser Mensch. Sie ist und bleibt sehenswert.

Am 28. und 29. Januar 2022 wird die „Welterlöserin“– dann in einer deutschen Fassung – bei den Lessing-Tagen im Hamburger Thalia Theater zu sehen sein.

Quelle: F.A.Z.
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