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Sophie Rois in Berlin

Die große Eigenartige

Von Simon Strauß
Aktualisiert am 19.02.2020
 - 14:40
Schnittchensteigerin: Sophie Rois am Deutschen Theater in Berlin in der Regie von Clemens Maria Schoenborn
Eine, die selbst niemanden braucht, aber von allen geliebt wird: Sophie Rois sitzt im Deutschen Theater Berlin am Teetisch und fährt „nach Marlen Haushofer“ gegen die Wand.

Eine volle Stunde mit Sophie Rois. Das ist das große Privileg der Theaterhauptstadt Berlin, dass hier die Wege zu den Heroen und Diven der Schauspielkunst so kurz sind. Denn auch, wenn hier und da betriebsintern davon geraunt wird, in Zukunft alles ganz anders machen zu wollen am Theater, mit mehr VR-Brillen und weniger Stars – die Zuschauer strömen nach wie vor zu ihren Lieblingen. Und reisen dafür mitunter von weit an. Für Sophie Rois lohnt sich jede Anfahrt. Mit kariertem Rock und Kopftuch sitzt sie am Anfang ihres neuen Soloabends „nach dem Roman ,Die Wand‘ von Marlen Haushofer“ am Teetischchen und raucht mit gespreizten Fingern die tausendneunhundertneunundneuzigste Zigarette. Sie ist Haushofers einsame Frau im Wald, die sich nach einer Wanderung in die Berge plötzlich hinter einer unsichtbaren Wand wiederfindet, nur in Gesellschaft von einer Kuh, einem Hund und einer Katze. „Etwas scheint hier möglich zu sein“, stellt sie beim Blick ins menschenleere Tal zunächst zufrieden fest und probt den absichtslosen Gang über die Felder.

Als Aussteigerin fühlt sie sich, beschenkt mit viel freier Zeit zur Selbstbeobachtung. Sie dreht Entspannungsrunden, schießt alte Böcke und beißt in Waldhimbeeren. Aber bald schon packt sie die Sehnsucht nach „schwarzem Brot, Orangen und Eiskaffee“, bald denkt sie viel an die Frau, die sie einmal gewesen ist und trauert um die fortgezogenen Menschen, die einmal ihre Kinder waren. Hart tritt ihr vor Augen, wie schmerzhaft das Alleinsein auf Dauer ist. Zirka in der Mitte des Abends schwebt eine überdimensional große Erdbeersahneschnitte von der Decke herab und bietet der Einsiedlerin Anlass zum Klettern. Das dumpfe Unbehagen von früher, „dass das alles noch zu wenig ist“, wandelt sich zu dem ungefähren Gefühl, dort angekommen zu sein, wo nichts mehr zählt. Die Luft, die Weite, der Schnee – alles, was einmal war, vergeht wieder. Nichts bleibt. Nichts überdauert.

Sanftes Bauchgrummeln

„Und einmal“, so rezitiert Rois aus Haushofers Roman, „einmal werde ich nicht mehr sein und niemand wird die Wiesen mähen“. Keiner wird wissen, dass es einmal jemanden gab, der hier auf dem Stein in der Sonne saß und „Ja, Ja“ oder „Nö, Nö“ zu sich sagte. Rois spielt die Rolle der stetig betrübter werdenden Aussteigerin mit grandioser Grandezza. Mit jener unverkennbaren Stimme, die irgendwo zwischen sanftem Bauchgrummeln und jubilierendem Kehlkrächzen angesiedelt ist.

Die Virtuosität, mit der sie immer neue Töne hervorbringt, ist umwerfend. Stets klingt ihre Stimme dabei leicht gepresst, so als ob sie sich gegen einen imaginären Widerstand bildete, aber nie wirkt das angestrengt, sondern nur grazil resolut, so wie sie sich die Haarsträhne aus dem Gesicht streicht, so spricht sie auch: Anziehend selbstbewusst, wie eine, die niemanden braucht, aber von allen geliebt wird. Zwischendurch singt die Linzerin Rois österreichisch Selbstgedichtetes auf Bob-Dylan-Melodien oder lässt eine Kirchenkantate von Bach einspielen. Und dann, ehe man auch nur einmal die Gedanken abschweifen oder das Augenlid zucken lassen konnte, ist der Abend schon wieder zu Ende. Mit einem „Das war’s, Folks“ verlässt die Rois unter tobendem Applaus die Bühne.

Nur, um wenig später zu den Klängen von Chuck Berrys „C’est la vie“ mit Schnipsen und Swingbewegungen wiederaufzutreten und noch einmal alle Blicke ganz auf sich zu ziehen. Das ist kein Texttheaterabend, den man hier erlebt, keine ausgefallene Stoffinszenierung oder besondere Regie-Idee, aber dafür sieht man eine Stunde lang einer grandiosen Stilistin beim Spielen zu. Das, was auf der Berliner Bühne vor gut dreißig Jahren einmal Libgart Schwarz war, ist heute Sophie Rois – die große Eigenartige, mit einer Stimme, gebildet wie aus allen Wundern der Welt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt /  Strauss, Simon
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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