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Theaterpremieren in München

Von der unendlichen Vereinzelung des Menschen

Von Teresa Grenzmann
Aktualisiert am 29.01.2020
 - 14:07
Tür auf für ein vergessenes Volksstück: Robert Dölle in „Der starke Stamm“ Bild: Sandra Then
Zwei Münchner Premieren rufen die spannungsreiche Verbindung von Marieluise Fleißer und Bertolt Brecht in Erinnerung: „Der starke Stamm“ und „Im Dickicht der Städte“.

Es klingt wie eine späte Wiedergutmachung, wenn auch mit bittersüßem Beigeschmack: Fünf Jahre wartet Marieluise Fleißer schon auf die Uraufführung von „Der starke Stamm“ (F.A.Z. vom 26.August 2019), da vermittelt der aus dem Exil zurückgekehrte Bertolt Brecht das Stück 1950 an die Münchner Kammerspiele. Fleißer und Brecht kennen einander aus jungen Jahren. Sie hat im Herbst 1922 sein gefeiertes Debüt „Trommeln in der Nacht“ in den Kammerspielen gesehen; den Kontakt kann sie schließlich über Lion Feuchtwanger knüpfen. Er hat gerade die Absetzung seines dritten Dramas „Im Dickicht der Städte“ infolge radikal rechter Tumulte im Residenztheater erlebt; einer Affäre mit der zwei Jahre jüngeren Theaterwissenschaftsstudentin aus Ingolstadt ist er nicht abgeneigt. Zudem produziert er sich als Ko-Regisseur ihrer Werke.

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Aus Geldnot kehrt die Fleißer schon 1932 in die konservative Enge ihrer Heimat zurück, leidend unter Schreibverboten, die ihr zuerst ihr Ehemann, dann die Nationalsozialisten auferlegen. Dass sie in den letzten Kriegsjahren ihre eigene Familiengeschichte noch einmal in einer „Satirischen Komödie“ aufarbeitet, passt in die unbeständige Biographie einer Frau, die ihre Emanzipation nicht konsequent leben kann. Ihr „Starker Stamm“ ist ein starkes Stück – doch Fleißer braucht Brecht, um es ans Theater zu bringen. Der organisiert Hans Schweikart als Regisseur, und Therese Giehse, eben noch seine „Mutter Courage“, soll nun als Balbina auftrumpfen.

Das Leben in den Ring werfen

Die spannungsreiche Verbindung zwischen Marieluise Fleißer und Bertolt Brecht – zwei Münchner Premieren binnen dreier Tage rufen sie 2020 in Erinnerung. Die Häuser haben getauscht: „Der starke Stamm“ steht nun im Residenztheater in einer Inszenierung von Julia Hölscher, „Im Dickicht der Städte“ an den Kammerspielen in einer Bearbeitung durch den Regisseur Christopher Rüping auf der Bühne. Beide Dramen werfen das Leben selbst in den Ring. Bei Fleißer ist schon vorher klar, an wen die Runde geht: an die Lotterie der Geburt. Da niemand aus seiner Haut kann, herrschen Gier, Geiz und Boshaftigkeit in aufrichtigster Verlogenheit. Bis der Harley-Gott von Rottenegg dem grantigen Glücksspiel ein hämisches Ende bereitet: Als reicher Onkel, Fleißers zweifelhafter Deus ex machina, steigt im Residenztheater Arnulf Schumacher von einer stinkenden Höllenmaschine und bittet Bitterwolfs Junior zum Kunststudium nach München.

Es ist der leere Griff nach den Sternen, der Fleißers Volksstück in der Zeit des Wiederaufbaus zur „Satirischen Komödie“ macht: Sattlermeister Bitterwolf ergibt sich stoisch dem Schicksal seines Arbeitermilieus. Die junge Magd Annerl mag sich vom Patriarchat nicht lösen und setzt darum auf den Falschen. Bitterwolfs Schwägerin Balbina gelingt es, mit ihrem Wallfahrtsschwindel Geld zu machen. Schließlich darf der Alleinerbe Hubert die Bergwerksschufterei gegen die schönen Künste tauschen. Wenn zu Beginn Bitterwolf das riesige Scheunentor von Bühnenbildner Paul Zoller aufstemmt, hinter dem, zwielichtig illuminiert, der Platzregen dampft. Wenn die Blasmusik im hundertminütigen Verlauf des Abends zunehmend an Harmonie verliert. Wenn Robert Dölle mit festem Stand auf den abschüssigen Dielen, die des Sattlermeisters Welt bedeuten, vor sich hinstarrt oder schadenfroh in sich hineinschmunzelt und die knappen, satten Sätze Fleißers in ihrem harten Kunstdialekt herzhaft ausspuckt. Wenn es Johannes Nussbaums Hubert schier zerreißt vor unterdrückter Rebellion gegen die soziale Ungerechtigkeit. Dann sind das intensive Zeichnungen, die berühren.

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Geschwisterliche Kissenschlacht

Die „unendliche Vereinzelung des Menschen“ und das komisch tragische Chaos zwischenmenschlicher Beziehungen zeigt Christopher Rüping an den Kammerspielen. Sein dramatisches Kräftemessen nach Bertolt Brechts „Im Dickicht der Städte“ durchspielt Variationen gegen die Einsamkeit – die in Enttäuschung enden. Das Anstacheln über alle Grenzen hinaus ist dabei der verzweifelte Versuch, sich selbst Bedeutung beizumessen – wenn nicht als Freund, so eben als Feind. Ob in der geschwisterlichen Kissenschlacht von Garga und Marie oder im hungrigen Bühnenkussgenuss, der dazu führt, dass die Souffleuse die Szene selbst zu Ende sprechen muss, ob in der plakativen Choreographie, die sportlich alle Theaterkampf-Register zieht, oder wenn die fünf Schauspieler unter der Heile-Welt-Utopie einer Bettdecke, die bis in den Zuschauerraum reicht, auf Hautfühlung gehen – wie Brecht unterscheidet Rüping nicht zwischen Spiel und Ernst, Lust und Existenz.

Nicht nur die Rollen, auch die Geschlechter und die gesprochenen Sprachen (Deutsch, Englisch, Arabisch, Serbisch) sind in dieser Inszenierung austauschbar. Doch im Dickicht sich verselbständigender, verfremdender Assoziationen fehlt es zwischen Bühne und Zuschauerraum oft an Berührung, wo von fehlender Berührung die Rede ist. Das Spiel wirkt allzu fragmentarisch und unpersönlich un(an)greifbar. Dass sich Rüping entgegen Brecht einer Steigerung des Kampfes bis hin zum „Finish“ verweigert, ist dabei konsequent, macht aber das zweistündige Verfolgen des Abends nicht einfacher. Anstelle von Gargas Fazit – „Alleinsein ist eine gute Sache“ – beweist Rüping seinem Publikum mit einer Vielzahl von Trugschlüssen das ganze Gegenteil. Bemerkenswert, wie der Intellektuelle Garga sich zu Beginn über den Namen des Holzhändlers amüsiert, die Provokation als Ausgangspunkt des Kampfes – und des Dramas – sich in München also von Shlink auf Garga verschiebt. Beklemmend, wie später ein verdoppelter Garga die echte Nähe zwischen seiner Schwester Marie und seinem Gegner Shlink entheiligt, indem er beide zur Prostitution demütigt und sich dabei an den projizierten Bildern der Live-Kamera berauscht.

Der spannendste Moment des Abends ist zugleich der unangenehmste: Gro Swantje Kohlhof bittet als Garga einen Zuschauer auf die Bühne, um Shlink alias Julia Riedler anzuspucken. Der Zuschauer aber windet sich zu Recht. „Beteiligen Sie sich an den menschlichen Einsätzen“, fordert Brecht sein Publikum 1927 auf und heraus – denn der „unerklärliche Ringkampf“ beschreibt vor allem auch das unaufhörliche Ringen mit sich selbst.

Quelle: F.A.Z.
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