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Moskauer Theaterszene

Unsere starken Männer müssen ins Gefängnis

Von Kerstin Holm, Moskau
 - 11:06
Heiße Phase: Mit dem „Chor“ der weiblichen Hormone ist nicht zu spaßen.zur Bildergalerie

Beim Theater der repressiven russischen Justiz kann man über dessen Regisseur nur rätseln. Zum Verhandlungstermin im Prozess gegen den Regisseur Kirill Serebrennikow, den Produzenten Alexej Malobrodski und die Direktorin des Moskauer Jugendtheaters Sofia Apfelbaum, der das Kulturministerium umfangreiche Unterschlagungen vorwirft, erscheinen die Angeklagten mit ihren Anwälten und einer ganzen Eskorte von Journalisten und Unterstützern, von denen nicht alle auf den engen Zuschauerbänken Platz finden. Doch die formell von der Richterin Mendelejewa geleitete Vorstellung im hauptstädtischen Meschtschanski-Gericht dauert nur zehn Minuten.

Die Theatermanagerin, die damit beauftragt wurde, eine neue, die dritte Expertise aufzusetzen, von der die Anklage hofft, dass sie die abenteuerlichen Betrugsvorwürfe endlich erhärtet, sei auf Dienstreise, teilt Mendelejewa mit. Den ausgesucht höflich auftretenden Angeklagten ist nach mehr als drei Jahren, die sich das Verfahren mittlerweile hinschleppt, weder Gereiztheit noch Müdigkeit anzumerken. Doch dass die Staatsanwaltschaft vorigen Herbst erfolgreich gegen die Gerichtsentscheidung protestierte, die substanzlose Anklageschrift müsse überarbeitet werden, lässt auf starke Akteure im Hintergrund schließen. Keiner der Angeklagten rechnet mit einem Freispruch, mit dem in Russland weniger als ein halbes Prozent aller Gerichtsverfahren endet. Doch immerhin können die drei Künstler sich nun bis zur nächsten Sitzung am 16. März auf ihre Arbeit konzentrieren.

Auch seine Feinde lieben Serebrennikow

Im Moskauer Gogol-Center probt Serebrennikow derzeit mit deutschen und russischen Schauspielern seine Bühnenfassung von Giovanni Boccaccios „Decamerone“, die am 8.März am Berliner Deutschen Theater und im Juni in Moskau Premiere haben wird. Da der Regisseur, dem sein Pass weggenommen wurde, nicht reisen kann und das Deutsche Theater das gemeinsame Projekt nicht länger verschieben wollte, kamen die deutschen Darsteller zu ihm. Serebrennikow montiert außerdem seinen neuen Film nach dem psychedelischen Roman des Jekaterinburger Kultautors Alexej Salnikow „Die Petrows mit Grippe und drumherum“, obendrein bringt er am 5. März am Gogol-Center Martin McDonaghs Horrorkomödie „Die Henker“ heraus, deren Witz in Russland, wo viele Stalins Massenmorde rechtfertigen und Kriminalfahnder Unschuldige foltern, bis sie absurde Verbrechen gestehen, finstere Frische entfalten dürfte.

Es erscheint paradox: Das allabendlich ausverkaufte Gogol-Center hat sowohl die höchsten Eintrittspreise als auch die größte Auslastung unter Moskauer Theatern. Zugleich werde es unterstützt von privaten Mäzenen, verrät der Dramaturg des Hauses, Valeri Petschejkin, den wir im Lobby-Café treffen. Da es kein Gesetz über Kultursponsoring gibt, will Petschejkin aber keine Namen nennen. Unter den Besuchern des Gogol-Centers, das ein Treffpunkt der intellektuellen und Glamourelite ist, sieht man immer wieder auch konservative Politiker, die von Amts wegen den Künstlern das Leben schwermachen.

Erholung vom Staatspatriotismus

Solche Funktionäre wollten sich vom Staatspatriotismus, den sie tagsüber vertreten, abends erholen und sich amüsieren, erklärt Petschejkin. Er nennt solch doppelgleisiges Verhalten „byzantinisch“ und nimmt es mit Humor. „Wir haben Glück“, sagt er lächelnd, „unter Stalin hätte man uns erschossen.“ Freilich, für Serebrennikow, der, solange der Prozess dauert, keine Interviews gibt, sei die Situation äußerst belastend.

Als überaus stark hat sich der zweiundsechzigjährige Malobrodski erwiesen, der, auch weil er weniger prominent ist und schmächtig aussieht, 2017 bis 2018 ein Jahr im Gefängnis zubringen musste, wo die Fahnder ihm belastende Aussagen gegen Serebrennikow abzupressen versuchten. Umsonst. Dafür lernte er in der Zelle den früheren Bürgermeister von Wladiwostok, Igor Puschkarjow, kennen, der offenbar aufgrund falscher Beschuldigungen einsitzt, und über den er jetzt einen Film produziert. Wir treffen Malobrodski im Meyerhold-Zentrum, wo die ebenfalls von ihm produzierte Märchen-Tragödie „Dem weißen Hasen folgen“ (Sa belym krolikom) gespielt wird, in der neben der russischen Gewalt gegen Frauen auch die Unrechtsjustiz eine Rolle spielt. In dem Stück, das auf dem Festival für neue Dramen „Ljubimowka“ Furore machte, nimmt die junge Autorin Maria Ognewa die wahre Geschichte zweier junger Mädchen, die bei einer nächtlichen Fahrt per Anhalter vergewaltigt und getötet wurden, zum Anlass für eine psychologische Studie über ihre Mütter und eine Freundin der Mordopfer, in deren Leben nach dem Trauma, wie bei Alice im Wunderland, nichts mehr stimmt.

Poetischer Blick aufs Unheil

Die fünfunddreißigjährige Regisseurin Polina Struschkowa findet einen poetisch distanzierenden Zugang zu dem schrecklichen Stoff. Sie vergegenwärtigt das Schicksal der Mädchen, indem sie zwei junge Schauspielerinnen als weiße Engel in zerknitterten Papierkleidern auftreten lässt, die an Seilen plötzlich in den Theaterhimmel fliegen, während ihre letzte Fahrt durch den Wald als beschleunigter Film vertikal abgespult wird. Vor einem leeren runden Tisch sitzt eine Mutter-Darstellerin apathisch im Sessel – später wird sie vom „Willen Gottes“ reden und davon, dass sie am liebsten selbst sterben würde –, während die andere sie antreibt, mit ihr um Gerechtigkeit zu kämpfen und den Mörder, der sich durch Schmiergeld freikaufen konnte, dingfest zu machen. Die überlebende Freundin hat Angst, dass ihr etwas Ähnliches passieren könnte wie den beiden Frauen. Als sie von ihrem Partner schwanger wird, will sie daher das Kind abtreiben.

Nach der Vorstellung bleibt ein Teil des überwiegend weiblichen Publikums im Theater-Café, um sich mit zwei Therapeutinnen über das Stück und eigene Verlusterfahrungen auszutauschen. Auch ein solcher Schock sei überwindbar, versichert die Psychologin Mila Kudrjakowa, manchen helfe es, darüber zu sprechen. Hauptsache, man beschuldige nicht sich selbst. Die Regisseurin Struschkowa gedenkt obendrein der aktuellen russischen Justizopfer und spricht den in der Haft gefolterten linken Aktivisten, die unlängst in Pensa lange Haftstrafen bekamen, weil Geheimdienstler ihnen Umsturzpläne vorhielten, ihre Solidarität aus.

Erschrockene Koloraturen

Ein provokatives Frauenoratorium „28 Tage“, das Debütstück von Olga Schiljajewa, ist unterdes der Renner am „Teatr.doc“. Die ironiefähige Feministin Schiljajewa vergegenwärtigt das Drama des Frauseins als Dialog eines reflektierenden Ich mit einem wilden Chor, der die hormonelle Achterbahnfahrt des weiblichen Zyklus vergegenwärtigt.

In der Regie von Juri Murawizki und Swetlana Michalischtschewa trällert die als Faschingsprinzessin kostümierte Sängerschauspielerin Nadeschda Fljorowa virtuos erschrockene Koloraturen über ihre Blutungen und ihre bald aggressiven, bald liebevollen, bald depressiven Gemütszustände, die ihr ein ruppiges Rapperinnen-Ensemble im Gothic-Look als Follikel-, Ovulations- beziehungsweise Lutealphase erklärt und in zornige, lüsterne, zärtliche, dabei stets äußerst explizite Gruppentänze übersetzt. Das intellektuelle Publikum im ausverkauften Saal amüsiert sich königlich.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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