„Sommergäste“ in Salzburg

Die üblichen Abgründe

Von Simon Strauß
02.08.2019
, 17:43
Szenenbild bei der Fotoprobe zu Maxi Gorkis Schauspiel „Sommergäste“
Keiner nimmt sein Schicksal ernst, alle suchen nur nach Zeitvertreib: Evgeny Titov inszeniert bei den Salzburger Festspielen „Sommergäste“ von Maxim Gorki.
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Eine Entdeckung. Nicht weniger, eher mehr. Jedenfalls viel mehr als eine Vertretung: Dem achtunddreißigjährigen Evgeny Titov, der fünf Wochen vor Probenbeginn für die erkrankte Mateja Koležnik eingesprungen war, gelingt aus dem Stand eine großartige Inszenierung von Gorkis „Sommergästen“. Mit fünfzehn bereits engagierten Schauspielerinnen und Schauspielern und einem fertigen Bühnenbild erarbeitet er eine bis ins Detail präzise, dem Stoff und seinen Darstellern innig zugewandte Interpretation von Gorkis prärevolutionärem Konversationsstück. Geschrieben um 1904, am Vorabend der russischen Revolution, hat das Drama keine stringente Handlung, sondern nur falsche Haltungen im dramaturgischen Angebot.

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„Du musst dein Leben ändern“, Rilkes vier Jahre später ausgestoßener lyrischer Aufruf, schwebt als ein noch undeutliches avant la lettre über dem Eingang eines Landhauses, in dem sich eine Gruppe reicher Moskauer bei schöngeistigem Nichtstun von ihrem belanglosen Alltagsleben erholt. Keiner nimmt sein Schicksal ernst, alle suchen nur nach Zeitvertreib. Niemand entblößt sein Inneres, alle verstecken ihre „buckelige Seele“ vor den Augen der anderen. Keiner hat Zeit, aber „tun tut sich trotzdem nichts“, wie der missgelaunte Arzt Dudakow bemerkt. Aber während die zum Wohlstand aufgestiegene Mittelschicht sich selbst verhöhnt, beleidigt und betrügt, zeichnet sich am Horizont schon eine goldene Röte ab, hört das Volk draußen die Signale eines kommenden Umbruchs.

Bedeutungsloser Salonsozialismus

Das ist die realistisch-hellsichtige Ausgangssituation von Gorkis Stück, an der sich bis zum Schluss nicht viel ändert. Was hier geschieht, das sind leichte Kräuselungen auf einer glatten Oberfläche: ein bisschen Ehekrise, ein expressiver Lyrikvortrag, ein paar Freundinnen, die sich streiten, und am Schluss noch eine Prise Salonsozialismus. Das eigentliche Thema des Stücks ist die Zeit, die ungenutzt vergeht. Sind die Tage, die verstreichen, ohne dass jemand bemerkt, dass der nächste Morgen auch schon wieder vorüber ist.

Geschüttelt, nicht gerührt: Gerti Drassl (Kalerija), Dagna Litzenberger Vinet (Julija Filippowna) und Dominic Oley (Nikolaj Samyslow)
Geschüttelt, nicht gerührt: Gerti Drassl (Kalerija), Dagna Litzenberger Vinet (Julija Filippowna) und Dominic Oley (Nikolaj Samyslow) Bild: dpa

Die Bühne, die Raimund Orfeo Voigt gebaut und Titov übernommen hat, besteht in Hallein aus holzgetäfelten Transiträumen, aus Fluren, Treppenhäusern und Vorzimmern, die in quälender Langsamkeit vor dem Publikum vorbeiziehen. Ein dünner Gazevorhang trennt das Geschehen von der Außenwelt und markiert – wie häufig bei Koležnik – eine vierte Wand, von der das Spiel der Darsteller geschützt wird. Die Stimmung ist trotz der beiden hochgezogenen Fenster klaustrophobisch, immer mehr „Sommergäste“ treten auf, reden herum und unterscheiden sich doch nicht wirklich voneinander. Trotz ihrer verschiedenen Professionen und Geschlechter sind sie in Wahrheit ihre eigenen Doppelgänger, die nichts mehr fürchten als die Meinung der anderen. In der ahnungsvollen Frage „Hat denn niemand nach mir gefragt?“ spiegelt sich die dumpfe Ahnung von der eigenen Bedeutungslosigkeit für die kommende Zeit.

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Dass „neue Menschen“ auftreten werden, ist in dieser Urlaubsgesellschaft nur eine dahingesagte Prophezeiung. Aber Titov nimmt sie ernst und lässt sie durch einen kleinen Jungen in Erscheinung treten. Beim Streitgespräch der Schöngeister sitzt er schweigend dabei und runzelt die Stirn. Aber am Ende, nach dem letzten frauenverachtenden Schwadronieren der Alten, ruft er Warwara, der einzig wirklich Verzweifelten im Haus, zu: „Kommen Sie zu uns.“

Gorkis „Sommergäste“ sind nicht Tschechows „Drei Schwestern“. Die Lebenslüge kommt hier profaner daher, in den Abgrund wird ein wenig zu selbstverständlich geschaut. Die Tragik wird zwar zum dominierenden Gefühlszustand erklärt, aber von den einzelnen Personen nicht wirklich erlebt. Dass die eine keine Kinder hat und die andere nicht mehr Mutter, sondern wieder Geliebte sein will, dass der eine glücklos seine Liebe erklärt und der andere höhnisch gefragt wird, warum er so lange nichts mehr veröffentlicht habe (der geflügelte Vernichtungssatz lautet: „Schreiben Sie an etwas Größerem, Schalimow?“) – all das führt zu momentanen Stimmungsstörungen, aber nicht zu Seelenkatastrophen.

Arzt ohne Ziel: Matthias Buss (Kirill Dudakow) und Mira Partecke (Olga Aleksejewna)
Arzt ohne Ziel: Matthias Buss (Kirill Dudakow) und Mira Partecke (Olga Aleksejewna) Bild: dpa

Der ursprünglich aus Kasachstan stammende und an der Theaterakademie in St. Petersburg zum Schauspieler ausgebildete Titov, der später am Wiener Max-Reinhardt-Seminar Regie studierte und bisher vor allem am Düsseldorfer Schauspielhaus inszeniert hat, nimmt die angedeuteten Konflikte zwischen den Liebenden und Politisierenden jedoch ernst. Wie leicht wäre es gewesen, sich in gewohnt postdramatischer Manier über die Ansprüche des Stückes zu stellen und seine Figuren als karikierende Chargen auftreten zu lassen.

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Aber Titov muss sich und dem Publikum nichts beweisen, sondern lässt Gorkis Drama souverän über die Zeiten hinweg als Paradebeispiel verlogenen Gesellschaftslebens wirken. Was er als – in seiner Generation besonders auffällige – Gabe besitzt, ist das Gefühl für dramaturgischen Rhythmus. Er baut die Bilder so, dass im richtigen Moment Gewalt ausbricht oder ein trauriges russisches Lied angestimmt wird. Jeder Aufritt, und sei es auch nur der eines sich übergebenden Studenten, wirkt genau inszeniert. Nichts ist schludrig, höchstens manches zu wenig eigenartig gestaltet.

Erfreulich ironiefrei

Titovs Ensemble spielt mit großer Lust und Einfallsreichtum. Von den Frauen sticht vor allem Dagna Litzenberger Vinet als leidenschaftlich betrügende Ehefrau Julija hervor, die leichtfüßig von Liebesgeplänkel in Selbstmorddrohungen wechseln kann. Bei den Männern überstrahlen der zweiundachtzigjährige Martin Schwab als verschlagener Onkel „Doppelpunkt“ und Sascha Nathan als zynischer Ingenieur die anderen ein wenig, aber im Wesentlichen ist der Abend eine großartige Ensembleleistung.

Wer von uns hat wirklich die Kraft und den Mut, sich zu verändern? So lautet die dringende Frage des Abends, der – im Gegensatz zur diesjährigen Mode der (Opern-)Regie in Salzburg – ganz ohne Winke mit Zeitgeistzaunpfählen auskommt. Mit diesem Regisseur setzt sich eine weitere junge Stimme vom Club der ironischen Dekonstrukteure ab und begibt sich auf die Suche nach dem Ideal des empfindsamen Ausdrucks. Das deutsche Theater kann sich über diesen Neuzugang freuen. Und sich als Nächstes einen Tschechow von ihm wünschen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt /  Strauss, Simon
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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