Oper in München und Zürich

Gibst du mir das Leben wieder, nur um mich zu quälen?

Von Jan Brachmann
16.02.2021
, 13:52
„Orphée et Euridice“ in Zürich: Nadeshda Karjasina (l.) als Orphée und Bernhard Landau
Kann Opernregie noch eine Gegenwelt zu unserer trostlosen Prosa entwerfen? „Der Freischütz“ in München und „Orphée et Euridice“ in Zürich machen sich die Antwort nicht leicht.
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Heil werden, sich gesund hören können, das war einmal die Verheißung im Gesang der vier Hörner über dem sanften Wogen der Violinen am Anfang der Ouvertüre zum „Freischütz“. Carl Maria von Weber hat hier den Wald beschworen als Medizin gegen die Machenschaften der Menschen. Die Musik wird zum Medium einer „unriskanten Präsenz der Natur“, wie Odo Marquard es in seinem Buch „Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie“ formulierte, einer Natur aber, „die wesentlich nicht als Objekt unter Kontrolle und Herrschaft des Menschen steht“. Nur darin, in ihrem Unverfügbarsein, gründet ihre therapeutische Macht.

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In Zeiten der drohenden Klimakatastrophe ist diese Hoffnung längst verloren. Und aus dieser Hoffnungslosigkeit gewinnt der Regisseur Dmitri Tschernjakow an der Münchner Staatsoper seine Idee für die Neuinszenierung des „Freischütz“. Vom Wald ist nicht mehr übrig als das Furnier an den beweglichen Lamellenwänden einer Konzernzentrale inmitten kapitalistischer Wolfsschluchten aus Glas und Beton. Max (Pavel Černoch) will Agathe (Golda Schultz) nur heiraten, um deren Vater, dem Konzernchef Kuno (Bálint Szabó), näher zu sein. Die Aktualisierung ist platt und plakativ, mag auch die Darstellung des Kaspar als Kampfeinsatz-Veteran mit posttraumatischer Belastungsstörung durch Kyle Ketelsen eindrucksvoll gelingen. Doch über diese Plattheit hinaus erzählt diese Inszenierung doch viel über die Krise der Immanenz, in der unsere Zeit und mit ihr unsere Kunst stecken.

Dass „Wälder und Felder uns hallend umfangen“, wie es im Jägerchor heißt, mag Tschernjakow nicht mehr darstellen, weil jedes Bild dafür durch unser konsumistisch gewordenes Verhältnis zur Natur korrumpiert ist. Nur im Klang des Bayerischen Staatsorchesters, das Antonello Manacorda leitet, in der warmen, überaus gewinnenden Stimme von Golda Schultz und in ihrem Gesicht, wenn sie zur Arie „Leise, leise, fromme Weise“ das Fenster öffnet, hört und sieht man die wohltuende Kraft von Mondlicht, Grille, Nachtigall, von Abendluft und Birkenhain als Schwundstufen des Außenraums, vielleicht sogar des Gegenraums zur menschengemachten Dauerhölle. Doch durch die Gegenfigur des Ännchens, die Anna Prohaska als abgebrühte Emanzipationsgewinnlerin gibt, erscheint Agathe als Dummchen, das in seiner Liebesfähigkeit, Frömmigkeit und Naturnähe nur Freiheitsvorsprünge wieder aufgibt. Dennoch schaffen es Tschernjakow und Schultz, dass diese rückwärtsgewandte Figur als einzige Sympathieträgerin auf der Bühne steht.

Keine Eichen sausen, kein Häher krächzt, keine Eule schwebt durch die Wolfsschlucht, die nichts als der Konferenzraum bei Nacht ist. Das Menschengemachte gebiert seine eigenen Unverfügbarkeiten für den überforderten Einzelnen, der ihm nirgendwohin mehr entrinnen kann. Der Schluss dieser darstellerisch – besonders im Fall von Schultz, Prohaska und Ketelsen – starken, denkerisch jedoch verzagten Inszenierung lautet: Transzendenz ist Wahn oder Dummheit, der Schrecken aber Wirklichkeit. Es hat einmal Zeiten gegeben, in denen Kunst sich weniger leicht abfand mit dem bloß Vorfindlichen.

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Doch auch Christoph Marthaler scheint das Ausweglose unserer Gegenwart als so dringlich zu empfinden, dass er in seiner Zürcher Inszenierung von Christoph Willibald Glucks „Orphée et Euridice“ davor resigniert, so herzergreifend, wie eben nur Marthaler vor einer Ausweglosigkeit resignieren kann, auch wenn diese Resignation inzwischen bei ihm zu einer Wahrheit mit erprobter Methode geworden ist.

Gesang als Sinn-Rest in einer Welt

Anna Viebrock hat ihm dafür einen rätselhaften Un-Ort gebaut, halb Café, halb Hotel, mit einem Lift, der zwar fährt, den zu rufen aber der Knopf in der Wand fehlt. Selige und unselige Geister schlurfen durch diesen Raum, übergeben eine Urne von einem zum andern und scheinen weitgehend dement zu sein. Nur wenn Musik erklingt, wenn der Chor singt, begleitet von der Philharmonia Zürich unter der Leitung von Stefano Montanari, oder der sonnig-goldige Sopran von Alice Duport-Percier als Amour durch die Flure flutet, dann hellen sich die Gesichter auf. Gesang als Sinn-Rest in einer Welt, deren Leben nur noch in verschütteten Erinnerungen stattfindet.

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Es sind die Unter- und Zwischentöne, in denen Marthaler beschreibt, was ihn beunruhigt: die graue Demenz der Alltagsprosa, die im Gegenüber keinen Menschen mehr erkennt; das Elysium als Clubraum zuckender Drogenabhängiger, die Freude nur noch durch chemische Bewusstseinsmanipulation empfinden können; die Glückstropfen zum Cognacglas, die Euridice von einem Butler gereicht werden, der – mit Aktenkoffer und Formularen – aussieht wie ein Sterbenachhelfer.

Sicher, Marthaler ist ein unerhört musikalischer Regisseur. Er lässt die sensationelle Altstimme von Nadeshda Karjasina als Orphée in ihrer ultravioletten Tiefe und ihrer infraroten Wärme wirken, gönnt ihr Ruhe für ihre Wahnsinnskadenz beim Entschluss, in die Unterwelt zu fahren, um die tote Euridice wieder ins Leben zu holen; er schafft Ruhe, damit die harmonischen Ellipsen und figurativen Abbrüche in der Orchestermusik ihre eigene erzählerische Kraft entfalten können.

Aber er tut dies alles nur aus einem einzigen Grund: um zu zeigen, dass die Musik den letzten Sinn generiert in einem Leben und einem Theater, die vor lauter Sinnlosigkeit nicht mehr ein noch aus wissen. Euridice (Chiara Skerath mit innigem, wehmutssattem Sopran) besingt die heitere Schmerzlosigkeit der Toten im Elysium; und auch Orphée erfährt dieses Jenseits, in das der Lift ohne Knopf fährt und das doch nur ein Raum ohne Tapeten ist, in dem man den „Reigen seliger Geister“ als Wunschkonzertnummer im Radio für Tante Francesca zum 75. Geburtstag spielt, als schönen Ort. Deshalb wird die Frage von Euridice zur Grundsatzfrage: „Gibst du mir das Leben wieder, nur um mich zu quälen?“

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Wozu leben in einer Welt von Sinn-Demenz und Sterbenachhelfern? Wozu noch Theater, wenn man nichts mehr zu erzählen hat? Orpheus stand einmal dafür, die Furien bezähmen und Steine zum Weinen bringen zu können. Marthaler nimmt den Mythos zum Anlass, eine Kunst zu zeigen, die keine Gegenwelten mehr erschaffen kann in einer Wirklichkeit, die das Leben völlig in die Verfügungsgewalt des Menschen gebracht hat.

Graham F. Valentine spricht ein paar Verse zum Schluss. Bei den Gebetszeilen „Dein ist das Reich“ und „Dein ist das Leben“ gerät er ins Stocken. „Auf diese Weise geht die Welt zugrunde, nicht mit einem Knall, sondern mit Gewimmer.“ Um die Wiederauferstehung der Euridice zu feiern, bringt der Lieferservice in Pappkartons Pizza. Iss das, ein Glück!

Beide Inszenierungen sind als Video on Demand auf www.staatsoper.de und www.opernhaus.ch noch ein paar Wochen lang abrufbar.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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