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Düsseldorfer Schauspielhaus

Ein Glück, dass es noch steht

Von Patrick Bahners
 - 11:59
Wegen der Fassade wird noch prozessiert: Innen ist das erneuerte Düsseldorfer Schauspielhaus schon fertig.

Fast zwei Wochen lang feierte das Düsseldorfer Schauspielhaus seinen fünfzigsten Geburtstag, und als an einem Tag der offenen Tür auch die Werkstätten und Garderoben besichtigt werden konnten, war das Haus übervoll. Das Theater wurde „total überrannt“, berichtet Generalintendant Wilfried Schulz. „Wir hatten es nicht mehr im Griff.“

Gefeiert wird – auch in dem opulenten Jubiläumsband, der unter dem Titel „fünfzig“ bei „Theater der Zeit“ erschienen ist – das Haus, das am 16. Januar 1970 eingeweihte, nach Plänen des Düsseldorfer Architekten Bernhard Pfau errichtete Theatergebäude. Die Institution mit dem Namen Düsseldorfer Schauspielhaus ist zwei Jahrzehnte älter und verdankt ihre Unabhängigkeit von der Oper dem berühmtesten Düsseldorfer Intendanten, nach dem der Platz vor dem Theater benannt ist: Gustaf Gründgens. Sein Nachfolger Karl-Heinz Stroux amtierte von 1955 bis 1972 und inszenierte zur Eröffnung des Pfau-Baus „Dantons Tod“.

Schulz, der 2016 aus Dresden nach Düsseldorf kam, will diese klassische Periode nicht etwa vergessen machen. Ihn hat vielleicht selbst überrascht, wie loyal das Publikum dem Haus gegenüber ist. Das Theater wird von der Stadtgesellschaft als fester Ort erlebt und geschätzt. Es ist das, was stehenbleibt, wenn die Kulissen abgebaut werden. Schulz hat dem einzigen Staatstheater Nordrhein-Westfalens wieder überregionale Resonanz verschafft, unter scheinbar ungünstigen Bedingungen, denselben Bedingungen allerdings, die auch Gründgens und Stroux vorfanden: als Disponent eines Provisoriums.

Abrissgedanken des Oberbürgermeisters

Als Schulz sein Amt antrat, fand er die überraschende Mitteilung vor, dass wegen des Baus einer Tiefgarage der Spielbetrieb im Stammhaus über Jahre unmöglich sein werde. Eine Marketingfloskel wurde wahr: Das Theater ging in die Stadt. Die meisten Premieren fanden in einem früher von der Post genutzten Lagerhaus in der Nachbarschaft des Hauptbahnhofs statt. Abordnungen des Ensembles boten an prosaischen Orten des Arbeitsalltags, in Kirchen und in kurzzeitig aufgeschlagenen Zelten kompakte Fassungen beliebter Repertoirestücke dar. Und mit der Kunde von der Wanderbühne verbreitete sich die Sehnsucht nach der Heimkehr.

Als das Publikum jetzt das Schauspielhaus wieder in Besitz nahm, floss in die Festfreude auch die Erleichterung darüber ein, dass das Haus noch steht. Denn Oberbürgermeister Thomas Geisel hatte öffentlich mit dem Gedanken gespielt, die Schließung für einen Abriss zu nutzen und an der Stelle des 1998 in die Denkmalliste eingetragenen Baus ein Kongresszentrum oder ein Musicaltheater zu errichten – oder aber eine Kopie des Originals, nach den echten Bauplänen von Pfau, weil Geisel vermutete, das werde am Ende billiger als eine Sanierung. Beim Festakt vor der Jubiläumspremiere von Brechts „Leben des Galilei“ erhielt der Sozialdemokrat Geisel, der sich in diesem Jahr zur Wiederwahl stellt, sehr viel weniger Applaus als Ministerpräsident Armin Laschet.

Der Tausendfüßler wurde beseitigt

Das Haus wurde saniert und in den öffentlich zugänglichen Bereichen modernisiert. Bei dieser Aufgabe kam in einer Wendung der Dinge wie im Melodrama ausgerechnet jener Mann zum Zug, der Schulz den Amtsantritt durch ein buchstäbliches Untergraben des Bühnenbodens verdorben hatte. Dass in der Innenstadt jahrelang das Unterste zuoberst gekehrt und dann wieder verbuddelt und versiegelt wurde, ist das Werk des 1960 in Düsseldorf geborenen Architekten Christoph Ingenhoven. Schon 1992 schlug er der Stadt vor, die historische Verbindung zwischen der Königsallee und dem Hofgarten durch Ablenkung des Autoverkehrs in den Untergrund wiederherzustellen. Düsseldorf, unter dem Planungsdezernenten Friedrich Tamms, einem engen Mitarbeiter von Albert Speer, einst Musterstadt der Autogerechtigkeit, sollte in der nächsten Runde des Planierens abermals Vorreiter sein.

Ingenhovens Ziel ist es seit langem, die Innenstadt wieder lesbar zu machen. Im Weg stand dieser Vision eine unleserlich gewordene Hieroglyphe der nachkriegszeitlichen Baugesinnung: die vom Volksmund mit dem possierlichen Namen des Tausendfüßlers veredelte Autohochstraße. 2013 wurde die Brücke abgerissen, nachdem der Wirtschaftsminister die nach dem Denkmalschutzrecht nötige Ausnahmegenehmigung erteilt hatte.

Das Beste, was man über die nach Entwürfen von Daniel Libeskind auf dem gewonnenen Platz gebauten Kaufhausgebäude des sogenannten Kö-Bogens sagen kann, ist, dass sie die Kurvatur von Pfaus Schauspielhaus aufnehmen und spiegeln, den Schwung als Grundidee und große Geste. Libeskinds Fassaden sind vielfältig durchbrochen, zersplittert und in den absichtlich gerissenen Lücken bepflanzt, wo die elfenbeinerne Lamellenhaut des Theaterbaus auf jedes Ornament verzichtet. Die Pointe ist nicht ohne Witz: Auf der anderen Seite vom Theater macht sich Kulissenarchitektur breit. Man weiß es im Kontrast erst recht zu schätzen, dass Pfaus Fassade nichts von dem vorwegnimmt, was sich im Inneren abspielt. Das gesamte Gebäude fungiert als Vorhang.

Die Renovierung des Äußeren ist noch nicht abgeschlossen, stockt wegen eines Rechtsstreits, der die Einheitlichkeit der Farbgebung der Verkleidung sicherstellen soll. Eloquent kann Ingenhoven die Vorzüge des Werks seines 1989 verstorbenen Kollegen Pfau preisen, den er nicht mehr persönlich kennengelernt hat: Der Bau habe „ etwas Improvisiertes, Leichtes, Experimentelles, Andeutendes“. Was ist demnach sein gewisses Etwas? Das Theater hat selbst etwas vom Theater.

Und so verwendet Ingenhoven auch eine Metapher aus dem Theaterbetrieb, um das Ziel zu umschreiben, das er mit zwei Gebäuden verfolgt, die er selbst auf den Gustaf-Gründgens-Platz gesetzt hat. Sein Schlussstück des Kö-Bogens besteht aus zwei Häusern, deren stark angeschrägte Dächer eine Schneise in die von ihnen selbst gebildete Masse schlagen. Jahrzehntelang war der Gründgens-Platz ein Parkplatz, Inbegriff eines unwirtlichen Nicht-Ortes. Ingenhoven hat nun eine Blickachse von der Schadowstraße, der meistgenutzten Einkaufsstraße, zum Schauspielhaus geschaffen und hofft, dass es ihm gelingen wird, diesen Blick „regelrecht zu inszenieren“.

Sloterdijk lässt einen Kollegen auftreten

Auf den Dächern seines Doppelhauses lässt Ingenhoven Buchenhecken pflanzen. Man soll sich auf diesen Terrassen niederlassen und zum Theater hinüberblicken. Schon vor der Fertigstellung des Ensembles hat sich jedenfalls in den Festreden der Name „Ingenhoven-Tal“ eingebürgert. Es könnte sich, wenn alles gutgeht, hier die Urgeschichte des Theaters wiederholen, so wie sie der Philosoph Peter Sloterdijk auf der Bühne des Schauspielhauses im Gespräch mit Ingenhoven nacherzählte. Sein „Kollege Plato“ berichte, nach der Sintflut hätten sich die Menschen „aus Liebe zu den Mitmenschen wieder in den Tälern versammelt“. Eine „ursprüngliche soziale Libido“ habe sie ihre „Abneigung gegen Täler“ überwinden lassen.

Im Tal ist es eng. Eine Ausstellung im kleinen, von der Schließung bedrohten Theatermuseum zeigt Archivalien zum Wettbewerb von 1960, in dem die Jury drei gleiche Preise vergab, an Pfau, Richard Neutra und Ernst Brockmann, der eine mehrfarbige kubistische Assemblage vorschlug. Brockmann eröffnete die schriftlichen Erläuterungen seines Entwurfs axiomatisch: „Theaterbau ist steinerner Ausdruck urbanen Geistes. Urbanität hat städtebaulich Enge zur Voraussetzung.“

Eine unüberbietbar klassische Lösung für das Problem der Enge steht neben dem Schauspielhaus: das Dreischeibenhaus von Helmut Hentrich. Brockmann schrieb: „Jeder neue Bau widerspricht dem alten.“ Es ist das Geniale von Pfaus Theater, dass es das Glasraster von Hentrichs Hochhaus in allen Einzelheiten konterkariert – und im Ganzen pariert, indem es selbst die Sprache der Abstraktion spricht. Ingenhovens Ergänzung dieses Ensembles will hier erstmals die urbane Enge herstellen.

Wenn es nach Wilfried Schulz geht, sollen sich die Besucher des Tals schon vor Sonnenuntergang im Theater versammeln. Um einladend zu wirken, ist das Foyer jetzt mit durchsichtigen Scheiben ausgestattet worden. Aber was will das Schauspielhaus der sozialen Libido außer Theateraufführungen bieten? Die Podiumsdiskussion über Düsseldorf im Jahr 2070 taugte noch nicht als Beispiel für die „Bündelung der Aufmerksamkeit“, die nach Sloterdijk die Leistung des Theaters ist. Vielleicht steckt ja doch etwas Wahres in Brockmanns Definition: „Der Theaterbau ist ein Abendgebäude im Widerspruch zu den Tagegebäuden der Stadt.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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