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Neuwirths „Orlando“ in Wien

Großes Finale mit Greta

Von Reinhard Kager, Wien
 - 15:53
Kate Lindsay als Orlando.

Welch eine Figur: Ende des sechzehnten Jahrhunderts geboren, durch die Jahrhunderte wandernd, ohne dabei gravierend zu altern, die geschlechtliche Identität wechselnd, stets auf der Suche nach dem Kern des Ich, das äußerlichen Veränderungen zum Trotz dasselbe bleibt und vor allem ein Ziel verfolgt – als Künstler anerkannt zu werden. Mit ihrem Orlando schuf Virginia Woolf 1928 in ihrem gleichnamigen, als Biographie getarnten Roman eine traumtänzerische, androgyne Person, die zahlreiche Metamorphosen durchlebt, ehe sie sich am Ende über ihre ignorante Umwelt hinwegsetzt und zu dem steht, was sie ist: eine hochtalentierte, selbständige Dichterin.

Im Auftrag der Wiener Staatsoper hat nun die österreichische Komponistin Olga Neuwirth den Stoff von Woolf aufgegriffen und in Kooperation mit der französisch-amerikanischen Autorin Catherine Filloux bis in unsere Gegenwart (in Englisch) fortgeschrieben. Seit jeher ist Neuwirth vertraut mit literarischen Stoffen: Bereits ihre ersten Kurzopern, „Körperliche Veränderungen“ und „Der Wald“ (zwischen 1989 und 1991entstanden), basieren auf Texten von Elfriede Jelinek, und ihr vorletztes Musiktheater, „The Outcast“ (2010), nimmt Motive von Herman Melville auf. Diese Erfahrungen sollten sich lohnen, zumal es für „Orlando“, wie Neuwirth ihre Vertonung betitelt, auch entscheidend ist, verschiedene musikalische Sprachen für die Jahrhundertreise der Titelfigur zu finden.

Eine linear durchkonstruierte, sich kontinuierlich entwickelnde Musik verbietet sich angesichts der Zeitsprünge Orlandos ohnehin. Stattdessen setzt Neuwirth auf das Sprunghafte, Überraschende und bedient sich historischer Materialien: Fragmente aus barocken Madrigalen und Chorälen werden anfänglich zitiert, volksmusikalische Weisen blitzen auf, Kinder stimmen das Kirchenlied „Danke“ an, bis schließlich am Ende Anklänge an die heutige Rockmusik und Elektronik buchstäblich laut werden, denn sie werden auf der Bühne von einer verstärkten Band mit dem Drummer Lucas Niggli gespielt. Und doch gibt es in all dieser Buntheit ein verbindendes Element: den Orchestersatz, mit dem nicht nur die historischen Allusionen, sondern auch die gesprochenen Passagen der – wie einst der griechische Chor – neutral kommentierenden Erzählerin (Anna Clementi) unterlegt werden.

Matthias Pintscher am Pult, selbst einer der renommiertesten Komponisten der Gegenwart, ermutigt das Orchester der Wiener Staatsoper dazu, ausnahmsweise einmal richtig dreckig zu spielen. Bereits das Instrumentarium, das Neuwirth vorgibt, erweitert den üblichen philharmonischen Sound: Neben drei großen Perkussionssets kommen im Graben ein Altsaxophon, ein Sampler, zwei Synthesizer und eine E-Gitarre zum Einsatz, deren Saiten überdies um sechzig Cent höher gestimmt sind. Im Gegenzug müssen alle zweiten Geigen um sechzig Cent tiefer gestimmt werden als das sonst mit 443 Hertz intonierte Orchester. Hinzu kommen auf der Bühne noch eine Brass Band und das erwähnte Rockensemble. Und so legt sich über all die historischen Bezüge stets eine Art schmutzige Schicht unserer düsteren Gegenwart. Bisweilen ergeben sich aus der unüblichen Skordatur höchst reizvolle Klangreibungen, die Neuwirth geschickt an dramaturgisch entscheidende Stellen setzt.

Es ist diese Mischung aus kritischem Ernst und beißender Ironie, die den Abend auch szenisch so spannend macht. Die Regisseurin Polly Graham, erst Mitte Oktober für Karoline Gruber eingesprungen, und der Bühnenbildner Roy Spahn spielen dabei eher untergeordnete Rollen. Im ersten Teil beschränkt sich Graham überwiegend aufs Arrangieren des üppig besetzten Chors der Wiener Staatsoper sowie der Chorakademie und der Opernschule des Hauses am Wiener Ring. Im zweiten Teil gelingen ihr jedoch anrührend inszenierte szenische Aktionen rund um Orlando, den die viril-dunkle Mezzosopranistin Kate Lindsey beeindruckend singt und spielt.

Lauter schöne Landschaften

Szenisch dominieren den Abend jedoch zweifellos die Videos von Will Duke. Sechs meterhohe Video-Paneele, die Neuwirth in ihrer Partitur vorschreibt, bestimmen die Bühne. Auf ihnen zeigt Duke zunächst schöne Landschaften: Hügel mit Bäumen, Winter mit vereistem See. Aber auch historische Innenräume, wie den mit flackernden Kerzen stilisierten Hof Elizabeth I., wo Neuwirth die von einem Guardian Angel (Eric Jurenas) begleitete Zeitreise Orlandos beginnen lässt, oder eine viktorianische Bibliothek. Immer wieder sind auch Close-ups der Protagonisten zu sehen, als er/sie, erschüttert von der gescheiterten Liebe zu Sasha (Agneta Eichenholz) und vom Tod ihres Mannes, des Kriegsfotografen Shelmerdine (Leigh Melrose), tagelang schläft.

Dadurch, dass nur selten eine geschlossene Video-Wand zu sehen ist, weil die Elemente beständig verschoben werden und das Gezeigte somit ähnlich fragmentiert wird wie Neuwirths Musik, erhält das Szenario einen brüchigen Abstraktionsgrad, wodurch die Bilder nie platt wirken. Sogar dann, als sich die schönen Landschaften durch Morphing allmählich in Wüsten verwandeln – und somit die heutige Klimakatastrophe präsent wird – oder Filmausschnitte aus den beiden Weltkriegen mit all ihrer Zerstörungskraft zu sehen sind. Kontrastiert werden diese Videos von schrill-bunten und teils grotesken Kostümen von COMME des GARÇONS, die mit opulent-historisierenden Faltenwürfen ausgestattet sind.

Durch dieses Changieren zwischen Satire und tiefer Bedeutung ergänzt das überbordende Szenario Neuwirths Musik auf das Trefflichste. Und führt auch zum eigentlich Kern der Erzählung: Durch den Geschlechtertausch kann Orlando schlagartig den verheerenden Verlauf der Menschheitsgeschichte als Resultat patriarchalischer Herrschaftsstrukturen begreifen. Beginnend bei männlich beherrschten Clans und Kleinfamilien, enthüllt sich ihm die Historie als Geschichte fortlaufender Unterdrückung der bis heute noch nicht gleichgestellten Frauen, wovon natürlich auch deren Kinder erfasst werden.

Dass es diese vermeintlich schwachen Geschöpfe sind, die sich im Finale als Reminiszenz an Greta Thunbergs Initiativen zur Wehr setzen, um unsere Zukunft zu retten, mag zwar als etwas plakativ empfunden werden; doch läge es in der Tat an solcher Wehrhaftigkeit, um zu verhindern, dass dieser Planet mit kapitalistischer Gier an die Wand gefahren wird. Ein spannender Abend, der wichtige Denkräume öffnet wie selten in der zu Ende gehenden Ära Dominique Meyers an der Wiener Staatsoper. Er beschert Neuwirth mitsamt dem ganzen Team zu Recht Applaus im Stehen.

Quelle: F.A.Z.
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