Schirach in Berlin

Lehrstück ohne Körper

Von Julia Encke
12.09.2020
, 20:05
Ein Mensch, der nicht mehr leben will, verlangt nach einem tödlichen Medikament: Ferdinand von Schirach stellt in seinem Stück „Gott“ einen Fall von Sterbehilfe zur Abstimmung. Ist das überhaupt noch Theater?

Wir sind in einer Sitzung des Ethikrats am Abend der Uraufführung von Ferdinand von Schirachs neuem Stück „Gott“ im Berliner Ensemble: In einem fensterlosen Sitzungssaal aus hellem Holz, der, ohne Tische und ohne Stühle, an ein Auditorium erinnert, nehmen, noch vor Beginn der Vorstellung, zu nervösen Bratschentönen auf der Bühne die Schauspieler Platz. Sie kommen nach und nach hinein, begrüßen sich, flüstern sich kurz etwas zu. Und unten tun die Zuschauer in den coronabedingt lichten Reihen des Theatersaals dasselbe. Denn nicht nur die Schauspieler, auch die Zuschauer – so will es das Stück, so will es die Inszenierung – sind Akteure an diesem Abend. Das ist die erste, bildlich dann doch sehr aufdringlich umgesetzte Belehrung dieser Uraufführung von Oliver Reese, der noch viele Belehrungen folgen, viele erhobene Zeigefinger und endlose Referate, bis man völlig erschöpft aus dem Theater wankt.

Ferdinand von Schirach hat vor fünf Jahren sein damals in Frankfurt auch schon von Reese uraufgeführtes Stück „Terror“ veröffentlicht, das einen juristischen Fall verhandelte: Ein Terrorist kapert eine Passagiermaschine und zwingt die Piloten, Kurs auf ein vollbesetztes Fußballstadion zu nehmen. Gegen den Befehl seiner Vorgesetzten schießt ein Kampfpilot der Luftwaffe das Flugzeug in letzter Minute ab, alle Passagiere sterben. Der Pilot muss sich vor Gericht für sein Handeln verantworten. Ist er schuldig oder nicht? Am Ende des Stücks stimmten die Zuschauer auch hier ab, das Drama war ein ungeheurer Erfolg, wurde weltweit an mehr als hundert Bühnen aufgeführt. Und so macht Schirach jetzt einfach ein Prinzip daraus, diskutiert diesmal einen „Sterbehilfe“-Fall („Wem gehört unser Leben? Wer entscheidet über unseren Tod?“), durchmischt eine Sitzung des Ethikrats mit Kreuzverhören und Befragungen, als wären wir in einem Gerichtssaal, und nennt das Ganze, weil es, wie „Terror“, so schön knallig ist, „Gott“.

Die Schauspieler und Schauspielerinnen, die während der geschlossenen Theater in den letzten Monaten nicht spielen konnten und nun dort oben im Sitzungssaal als Fachleute auf der Bühne sitzen, tun einem von Beginn an eigentlich vor allem leid. Endlich haben sie ihr Theater wieder, „Gott“ aber gönnt ihnen keinen Spielraum, kein Leben, keine Grenzüberschreitung, keine Überraschung, keine Körperlichkeit. In der Verhandlung der Frage, ob die 78 Jahre alte Elisabeth Gärtner, die nicht mehr weiterleben will, nach einem Medikament verlangen darf, mit dem sie Suizid begehen kann, treten der Vorsitzende des Ethikrates (Gerrit Jansen), eine Augenärztin (Christine Schönfeld), ein Rechtsanwalt (Martin Rentzsch), eine Professorin (Judith Engel), ein Bischof (Veit Schubert) und ein Ärztefunktionär (Ingo Hülsmann) auf. Schirach hat verfügt, dass alle Rollen außer dem Bischof sowohl von Männern als auch von Frauen gespielt werden können. Die Personen sind ohnehin keine eigenwilligen Charaktere, sondern bloße Typen, denen Zitate aus Rechtsprechung oder Fachliteratur in den Mund gelegt werden, minutenlang – bis sie alles vorgetragen haben und bis zum Ende der Vorstellung wie Zuschauer nur noch herumsitzen.

Während sie sprechen, wird (was bleibt ihnen anderes übrig?) viel gestikuliert, angestrengt geguckt, auch mal „Puhh“ gesagt, es werden Haare mit vorgeschobenem Mund nach oben gepustet, manche dirigieren sich selbst beim Dozieren. Und dann gibt es einmal diesen sehr schönen Moment, in dem Veit Schubert das Karlsruher Urteil zitiert, aus dem Rhythmus kommt und zur Souffleuse sagt: „Jetzt musst du mir helfen, denn das kann man sich nicht merken.“

„Es ist kein abstraktes Problem“, sagt die Figur Elisabeth Gärtner gegen Ende des Stücks und erzählt noch einmal, warum sie sich ein Leben ohne ihren verstorbenen Mann nicht vorstellen kann und – trotz ihrer Kinder und Enkel – selbst sterben will. „Wenn Sie mal die ganzen juristischen Fachbegriffe beiseite tun“, sagt der Rechtsanwalt in seiner Schlusserklärung (eine Formulierung, die lustigerweise auch nicht im ursprünglichen Text steht), „dann werden Sie sehr schnell merken: Es geht um die Frage, wem gehört das Leben?“ Tatsächlich aber ist bei Schirach alles abstrakt und alles zugestellt mit juristischen Fachbegriffen. „Gott“ ist ein papiernes Lehrstück, das seine Zuschauer aufdringlich adressiert, indem sie von allen Figuren immer wieder angesprochen werden: „Meine Damen und Herren“. Aber es berührt einen nicht. Der ganze Abend ist wie das Gegenteil von Theater, wo doch eigentlich alles Sprache und Körper ist.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Encke, Julia
Julia Encke
Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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