Pianist Cyprien Katsaris

Musik zu Filmen, die es gar nicht gibt

Von Marc Zitzmann, Paris
01.05.2021
, 10:00
Cyprien Katsaris
Umgeben von Stilmöblen, Ölgemälden und einer großen Comicsammlung beschäftigt er sich mit Mozart, Liszt und Theodorakis und durchforstet den Urwald gedruckter Klaviermusik nach exotischen Gewächsen: Zu Besuch beim Pianisten Cyprien Katsaris
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Auf den ersten Blick wirkt die Wohnung von Cyprien Katsaris wie jede andere im gutbürgerlichen sechzehnten Arrondissement von Paris. Perserteppiche auf Parkett, goldgerahmte Gemälde an der Wand, Stilmöbel, die unter Zentnern von Memorabilien ächzen. Doch dann springen inkongruente Details ins Auge. Eine mächtige Bücherwand mit Schriften von L. Ron Hubbard am Eingang. Eine zweite im Esszimmer voller Ordner, die (fast) jeden über den Pianisten verfassten Artikel bergen. Daselbst ein Schrank mit gut vierzig mittelgroßen Modellen von Autos aus der Comicreihe „Tim und Struppi“. Im Wohnzimmer endlich, Weihnachten ist längst vorbei, ein künstlicher Tannenbaum, bestäubt mit weißem Glitter und besetzt mit roten Kugeln. „Ich mache auf Glenn Gould“, so erklärt der Hausherr verschmitzt die Präsenz dieses Zaungasts: „Zur Christnacht kommt er weg, den Rest des Jahres steht er da“.

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Katsaris macht vieles anders als „klassische“ Pianisten (im doppelten Sinne des Wortes). Seit gut zehn Jahren beginnt er jeden seiner Klavierabende mit einer rund viertelstündigen Improvisation: Tannhäuser, Papageno, der Westminsterschlag und symphonische Evergreens ziehen da rauschend vorbei. In verlorenen Stunden schüttelt der Franko-Zypriot gern „Begleitmusiken für imaginäre Lichtspielszenen“ aus dem Ärmel. Dreiundzwanzig süffig kadenzierende Schnulzen mit Titeln wie „Sea Sickness“ oder „The Beautiful Waves“, inspiriert durch Ian Urbinas Reportagebuch „The Outlaw Ocean“, hat er im März auf digitalen Plattformen veröffentlicht. „Ich setze mich ans Klavier – und es strömt und strömt“, sagt er mit kindlich geweiteten Augen.

Seriöse Geister nennen so etwas unseriös. Aber der Supervirtuose verdient auch als Komponist ernstgenommen zu werden. Seine kunstvoll ziselierten Arrangements von Bachs „Badinerie“ oder des Tangos „La Cumparsita“ sind tönende Fabergé-Eier für verwöhnte Klavierliebhaber. Im Rahmen seiner konkurrenzlos vollständigen und ebenso blutvollen wie stilsicheren Gesamtaufnahme der Mozart-Konzerte hat Katsaris für jene Werke, für die keine originalen Kadenzen vorliegen, selbst welche komponiert. Und zwar jeweils im Doppelpack: die erste halbwegs stilecht, die zweite resolut verrückt. Die B-Kadenzen für die Ecksätze von KV 482 gleichen atemlosen Jagden, rauschenden Opernstrettas voller kontrapunktischer Kombinationen und (Beethoven-)Zitate – tolle Fusionen von Watteau und Makart. Doch Katsaris’ Opus magnum ist die 2017 eingespielte „Grande Fantaisie sur Zorba“, eine dreiundfünfzigminütige griechische Rhapsodie über nicht ganz klischeefreie Themen von Mikis Theodorakis: wild, perkussiv, zugleich archaisch und voll harmonischem Piment – ein Parforceritt.

Berühmt wurde der in Marseille geborene Pianist in den achtziger Jahren mit der Gesamtaufnahme von Beethovens Symphonien in Liszts Transkription. „Ständig werde ich darauf angesprochen“, seufzt er. Ebenso souverän wie sanguinisch, setzt die Einspielung bis heute Maßstäbe. „Etwa zehn Jahre lang an diesen Übertragungen gearbeitet zu haben, war unschätzbar lehrreich“, sagt der Pianist. „Man muss da orchestral denken, in anderen Klangwelten als jener des Klaviers.“

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Sieben-Stunden-Odyssee zu Beethoven

Seit der Gründung des eigenen Labels, Piano 21, am ersten Tag des neuen Jahrtausends, kann Katsaris seine Liebe zu Transkriptionen ausleben. Zum Beethoven-Jahr legte er eine siebenstündige „chronologische Odyssee“ vor, die von der ersten veröffentlichten Komposition des Bonner Meisters bis zu dessen letzten musikalischen Gedanken führt, von den „Dressler-Variationen“ bis zum unvollendeten Streichquintett. Unter Solostücke mischt er da Übertragungen von kammermusikalischen, konzertanten und symphonischen Werken. Diese stammen aus der Feder Beethovens selbst oder Nachgeborener wie Czerny, Liszt und sogar Wagner. Sogar für Spezialisten könnten Saint-Saëns’ und Mussorgskis Transkriptionen der langsamen Sätze aus zwei Streichquartetten eine Entdeckung bilden. Ein anderes fesselndes Projekt trägt den Titel „Auf Flügeln des Gesanges“. Das Album bringt dreizehn romantische Lieder erst im Original (mit dem Tenor Christoph Prégardien), dann in einer Übertragung oder Paraphrase aus fremder, berufener Feder.

„Finden Sie einmal eine Transkription von ,Anakreons Grab‘ von Hugo Wolf!“, ächzt Katsaris, während er zu seinen Laufmetern seltener Partituren hinüber blickt. Der Virtuose ist zugleich ein Forscher. Er stöbert Raritäten auf und komponiert aus ihnen Konzeptalben. Die Themen sind mannigfaltig: französische, lateinamerikanische und zypriotische Blütenlesen; Verbindungen zwischen Wiener Komponisten des Biedermeiers; die Familien Bach und Mozart. Von seinen Expeditionen durch Urwälder gedruckter Noten kehrt der Pflanzenjäger gern mit unbeschriebenen Gewächsen zurück: Etüden des Russen Sergej Bortkiewicz, Kompositionen des Polen Stanisław Moniuszko, Arbeiten der Schüler Chopins (Carl Filtsch, Julian Fontana, Karol Mikuli). Das Wort „Weltpremiere“ zaubert ihm Funken der Unrast in die Pupillen, bei der Erwähnung von Repertoirepfeilern hingegen winkt er ab. „Was bringt es, eine siebzigste Aufnahme von Beethovens zweiunddreißig Klaviersonaten vorzulegen – die im übrigen fünfunddreißig an der Zahl sind?“

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Letztes Jahr konnte Katsaris bloß sieben Konzerte geben. 2021 ließ sich nicht viel besser an. Doch statt die Hände in den Schoß zu legen, wirft sich der Pianist mit Feuereifer in seine geliebten Aufnahmeprojekte. „Soeben habe ich anlässlich des hundertsten Todesjahrs von Saint-Saëns ein Doppelalbum mit originalen und transkribierten Werken eingespielt“, erzählt er. „Gern würde ich dazu beitragen, diesen Komponisten zu rehabilitieren, der in seinem Heimatland angefeindet wurde wie nirgendwo sonst. Was habe ich seit meiner Zeit am Pariser Konservatorium nicht alles über ihn gehört: Er sei antimodern, habe den Hass des großen Debussy auf sich gezogen!“

Schon länger im Kasten sind gut fünfzehn weitere CDs: vier thematische Liszt-Programme, zwei Bach-Alben, ebenso viele mit südamerikanischen Stücken, ein Joseph und Michael Haydn gewidmetes Doppelalbum, eine CD mit drei Haydn-Konzerten, ein Album mit Werken griechischer Komponisten (Yannis Konstantinidis, Dimitrios Levidis, Yannis Papaioannou) – nicht zu vergessen zweiundneunzig Transkriptionen russischer Stücke von Glinka bis Schostakowitsch, darunter etliche Hymnen, Märsche und Militärgesänge – „warme, ergreifende Stücke, trotz der oft plakativ-propagandistischen Texte“.

Am 5. Mai wollte Katsaris seinen siebzigsten Geburtstag mit einem Klavierabend in der Pariser Salle Gaveau begehen. Clou des generösen Festprogramms sollte seine eigene Bearbeitung von Liszts Transkription der Saint-Saëns’schen „Danse macabre“ sein. „Harmonisch gehe ich da noch über Horowitz hinaus“, verspricht er mit blitzenden Augen. Pandemiebedingt wurde das Konzert jetzt auf den 28. September verschoben – den Todestag von Louis Pasteur, einem Pionier der Impfung.

Quelle: F.A.Z.
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