Vorpommern kämpft ums Theater

Schlimmer als der Steckrübenwinter

Von Jan Brachmann
05.12.2016
, 21:50
Überregional beachtlich: Andrey Valiguras als Hermann, Landgraf von Thüringen (l.), Alexandru Constantinescu als Wolfram von Eschenbach, Michael Baba als Tannhäuser, Johannes Richter als Heinrich der Schreiber und Marciej Kolozlowski als Reimar von Zweter Ende November bei Proben zu „Tannhäuser“ in Stralsund
In Vorpommern ist die Welt nicht zu Ende. Hier kämpfen Bürger für die Wahrung ihrer Selbstachtung, die Zukunft ihrer Theater, gegen Fusionspläne und die wachsende Bürgerferne von Kunst und Politik.

Für den Rest der Welt und besonders süddeutsche Beobachter mag Vorpommern, abseits von Sonne und See, keine Reise wert sein. Sie wissen schon vorher, dass die Leute „da oben“ nur AfD oder NPD wählen und im Theater allenfalls Stücke wie „Feuerzangenbowle“ oder „Ladies’ Night“ eine Chance haben. Dass hier auch Jean Genet und Christa Wolf, Henrik Ibsen und Herman Melville, Alexander von Zemlinsky und Leoš Janáček gespielt werden, dass hier die Compagnie unter Ralf Dörnen offenbar so gut tanzt, dass das Publikum aus Hamburg oder Lübeck extra anreist - das alles liegt außerhalb des ideologischen Beuteschemas metropolitaner Meinungsbildner.

Aber in Vorpommern gibt es engagierte, demokratiefähige Bürger, die lieben tatsächlich ihre Oper, ihr Ballett, ihr Theater, das seit 1994 die Spielstätten Greifswald, Stralsund, Putbus umfasst; und das Theater liebt sie. Beim Premierenapplaus nach Richard Wagners „Tannhäuser“ fliegt in Stralsund eine rote Rose über den Orchestergraben - von der Bühne ins Parkett. Sie sagt: „Danke, dass ihr da seid und für uns kämpft.“ Es geht nämlich inzwischen um alles.

Hundert Jahre Eigenständigkeit

Wehmut erfasse sie, bekennt Friederike Fechner, wenn sie an die Zukunft des Theaters denke. Sie ist freiberufliche Cellistin, lebt in Stralsund und arbeitet mit ihrem Mann in der Bürgerinitiative „TheaterLeben“. Wehmut, weil eine weitere Fusion inzwischen unausweichlich scheint: Das Theater Vorpommern soll mit der Philharmonie Neubrandenburg und dem Theater Neustrelitz verzurrt werden. „Staatstheater Nordost“ wird dieses Notstromaggregat für kulturelle Grundversorgung dann heißen. Bis zu 135 Kilometer liegen zwischen den Spielstätten. Musiker, Schauspieler, Sänger, Tänzer müssten mit Bussen hin und her kutschiert werden, würden manchmal erst um zwei Uhr nachts zu Hause sein, dürften dann am nächsten Tag keinen Dienst machen. Das Veranstaltungsaufkommen würde um etwa fünfzehn Prozent ausdünnen.

Sie verstehe das alles nicht, sagt Fechner: „Wie kann das denn sein, dass es in Zeiten sprudelnder Steuereinnahmen und bei einer Versorgungslage, die in Deutschland so gut ist wie nie zuvor, kein Geld mehr gibt, um die Eigenständigkeit des Theaters zu erhalten? Das Haus in Greifswald wurde 1915, das in Stralsund 1916 eröffnet. Die haben den Steckrübenwinter im Ersten Weltkrieg überlebt, die haben den Zweiten Weltkrieg überlebt, die sind heil durch die DDR gekommen. Und nun soll alles vorbei sein?“

Weit unterdurchschnittlich bezahlt

Der Druck zur Fusion kommt aus der Landeshauptstadt Schwerin. Mathias Brodkorb (SPD), jetzt Finanz-, vormals Kulturminister, hatte sich Gedanken gemacht, gegen die kein Mensch, der bei Vernunft ist, etwas haben kann: Gleiche Lebensverhältnisse in allen Landesteilen Mecklenburg-Vorpommerns, auch bei der Kulturförderung, muss er gewährleisten, dazu ist er gesetzlich verpflichtet; die Kommunen will er von dem Zwang entlasten, ständig für Tarifaufwüchse in den Theatern Sorge zu tragen - aber nach Flächentarif sollten die Mitarbeiter auch endlich bezahlt werden.

Der Haustarifvertrag am Theater Vorpommern, 1994 beschlossen, 2008 erneuert, liegt derzeit durchschnittlich siebzehn Prozent unterm Flächentarif, bei den Schauspielern sogar fünfundzwanzig Prozent. Dieser Vertrag läuft aus zum 31. Dezember 2016. Wenn das Land seine derzeitigen Zuschüsse von 8,3 Millionen Euro zum Theater Vorpommern nicht anhebt, geht das Theater Mitte des nächsten Jahres in Insolvenz. Die beiden Städte und der Landkreis Vorpommern-Rügen sind mit jährlich 6,5 Millionen Euro an der Grenze dessen angelangt, was ihnen an freiwilligen Ausgaben bei wachsenden Pflichtaufgaben noch möglich ist.

Warum gerade jetzt? Weil die Gewerkschaften vollen Tarif für alle Mitarbeiter verlangen, nachdem das Land den Fusionsprozess als alternativlos ansieht. Es ist das Land, das die Gewerkschaften gewissermaßen herausgefordert hat.

In Mecklenburg geht es doch auch

Die Städte selbst sahen ein Alternativkonzept für ein eigenständiges Theater vor: Die Bezahlung wäre bis zum Jahr 2025 um acht Prozent unter Tarif geblieben, die Angleichung an den Flächentarif wäre auf zwanzig Jahre gestreckt worden. Die Gewerkschaften wollten das mittragen, vorausgesetzt, dass keine Stelle abgebaut werde. Nur der Minister wollte nicht über Alternativen verhandeln: entweder Fusion oder weitere Absenkung der Landesmittel. „Sein Konzept war wie in Beton gegossen“, sagt Inkeri Beland, eine Stralsunder Ärztin, die für den Förderverein „Hebebühne“ arbeitet. Die Kommunikation zwischen den Kommunen und der Landesregierung habe eher den Charakter einer Erpressung als den von Verhandlungen gehabt. „In Zeiten von AfD-Wahlerfolgen und wachsendem Populismus wäre etwas mehr Bürgernähe wünschenswert gewesen“, setzt sie nach.

Dabei gehörten die Bürger in Greifswald und Stralsund - anders als die Rostocker und ihr krakeelender, inzwischen geschasster Intendant Sewan Latchinian - nicht zu denen, die an Vernunft und Redlichkeit Brodkorbs von Anfang an zweifelten. Im Gegenteil: „Brodkorb hat ja recht“, räumt Beland ein, „Oper ist teuer in der Produktion. Da muss man Kosten und Energien bündeln, überregional kooperieren. Aber ein Mittelweg zwischen Fusion und Städtetheater wäre durchaus möglich gewesen“.

Die Greifswalderin Ulrike Berger, die bis September für die Grünen im Schweriner Landtag saß, weiß zu berichten, dass Minister Brodkorb vierzehn Monate lang ein Gutachten unterdrückt habe, das ihm vorrechnete, seine Einsparkonzepte bei der Theaterstrukturreform würden im gesamten Bundesland nicht aufgehen. Beim Mecklenburgischen Staatstheater, das inzwischen die Bühnen Schwerin und Parchim umfasst, wird 2018 wieder ein Defizit von rund achthunderttausend Euro auflaufen. Dass Mecklenburg der Landesregierung offenbar näher ist als Vorpommern und dass in Fragen der Theaterreform mit zweierlei Maß gemessen wird, sei auch daran ablesbar, dass Brodkorb - so Berger - beim Theater Vorpommern die Rückkehr zum Flächentarif für ein Muss erklärt habe, wohingegen er für das Mecklenburgische Staatstheater bei den Musikern wieder einen Haustarifvertrag aushandeln ließ.

Aus der Verantwortung gestohlen

Also was denn nun? Defizitabbau und Rückkehr zum Flächentarif für alle? Oder Ausnahmen für Schwerin, die Vorpommern nicht zustehen? Soll es in Deutsch-Nordost eine Theaterfusion zum bloßen Selbstzweck geben? Damit sich ein Minister - oder ein Ministerpräsident - eine Kerbe in den Flintenkolben ritzen kann?

Der Opernchor des Theater Vorpommern und der Chor der Opera na Zamku w Szczecinie bei Proben zu „Tannhäuser“ in Stralsund
Der Opernchor des Theater Vorpommern und der Chor der Opera na Zamku w Szczecinie bei Proben zu „Tannhäuser“ in Stralsund Bild: Picture-Alliance

Dirk Löschner, Intendant des Theaters Vorpommern, hält die Fusion trotz allem für sinnvoll, um die Qualität zu sichern. So verständlich ihm das Ringen der Bürger um ihr eigenes Theaters auch ist: Diese Alternative, sagt er, sei bei der mangelnden Wirtschaftskraft der Region, erst recht nach dem Wegfall des Solidaritätszuschlags nach 2019, nicht tragfähig; es werde dann wohl sehr schnell zu Entlassungen oder Spartenschließungen kommen. Aber auch mit der Fusion, bei der sechzig Stellen eingespart werden sollen, wird viel verlorengehen.

Polen und Deutsche gemeinsam im Chor

Golo Berg, der Generalmusikdirektor, der dieser Tage einen wunderbar grazilen, mendelssohnisch-leichten „Tannhäuser“ mit phantastischen Sängern dirigiert hat, verlässt zum Ende der Spielzeit seinen Posten, er geht nach Münster. Vom Orchester, vom Publikum wird er geliebt. Die Auslastungszahlen gingen nach oben, seit er da ist, die philharmonischen Konzerte sind sogar ausverkauft. 2014 rief Berg das Enthusiastenorchester ins Leben, in dem musizierende Amateure der Region gemeinsam mit den Profis des Theaterorchesters Konzerte geben. Anspruchsvolle Literatur - Mendelssohn, Weber, Bizet - stand das letzte Mal auf dem Programm. Das alles, fürchten Friederike Fechner und Inkeri Beland, wird mit der Fusion aufs Spiel gesetzt; ebenso die zahlreichen Schulprojekte, die von der engen räumlichen Nähe zwischen den Städten und ihrem Theater leben.

Die aktuelle „Tannhäuser“-Produktion führt zudem die Kooperation zwischen dem Theater Vorpommern und der Oper Stettin fort. Polen und Deutsche singen gemeinsam im Chor. Gespielt wird in beiden Ländern. Vor drei Jahren, mit „Lohengrin“, hatte das erst begonnen - und man staunt, welch segensreiche Rolle Richard Wagner nun bei der kulturellen Wiedervereinigung Pommerns spielt, erst recht unter den gewandelten politischen Umständen des vergangenen Jahres.

Der letzte Rest an gutem Bürgerwillen

Löschner hätte als Intendant Großes vorgehabt: Eine „Opernstraße“ wollte er mitbauen, von Stralsund, Greifswald, über Stettin, Gdingen bis ins litauische Klaipeda. „South Baltic Opera Movement“ heißt dieses Kooperationsprojekt von Häusern des südlichen Ostseeraums, die große Oper in dünnbesiedelten Regionen bieten wollen. „Dann könnte man den Leuten mal zeigen: Hier ist die Welt nicht zu Ende, hier fängt eine neue Welt an!“

Aber heute weiß Löschner nicht einmal, ob er nach dem 31. Juli 2018 noch hier arbeiten wird. Bis dann läuft sein Vertrag, für die Zeit danach gibt es keine Pläne, keine Verhandlungen. Das Land, das den Fusionsprozess anschob, lässt Löschner und sein Team jetzt allein, ebenso dessen Intendantenkollegen in Neubrandenburg und Neustrelitz. Indem sich die Politiker aus der Verantwortung stehlen, zerstören sie den letzten Rest an gutem Willen bei einsichtigen Bürgern, die das Theater wie den Staat als „res publica“, mithin als ihre Sache ansehen. Jedenfalls bis jetzt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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